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Vienna Biennale for Change zeigt neun Ausstellungen zum Thema Zukunft

16 Künstlerinnen versammelt die Ausstellung "Hysterical Mining".
16 Künstlerinnen versammelt die Ausstellung "Hysterical Mining". ©Marlies Pöschl, Aurore, (Filmstill), 2019
Insgesamt neun Ausstellungen versammelt die Vienna Biennale for Change in den kommenden vier Monaten. Dabei wird die Frage nach den "Schönen Neuen Werten" gestellt, nach denen wir die digitale und ökosoziale Zukunft gestalten können.

Vier Monate, neun Ausstellungen und ein “magisches Dreieck der Zukunftsherausforderung”. Die Vienna Biennale for Change 2019 bespielt bis zum 6. Oktober mehrere Wiener Ausstellungslocations mit Zukunftsfragen. “Klimawandel, Digitalisierung und soziale Nachhaltigkeit” benannte ihr Leiter und MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein die Trias der Themen bei der Eröffnungspressekonferenz am Dienstag.

Vienna Biennale for Change will “Lust auf Zukunft” machen

“Wie stellen wir sicher, dass diese neue digitale Moderne eine ökosoziale ist? Wie kann Technologie uns helfen, unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern?”, umriss Thun-Hohenstein Fragen, in die sich die Künste, das Design und die Architektur unbedingt rechtzeitig einmischen müssten. Dabei geht es durchaus um Angst-besetzte Themen.

“Uncanny Values” heißt die große Ausstellung im MAK, die sich mit Spielformen künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. “These people do not exist”, begrüßt eine Fotoprojektion mit scheinbaren Schnappschüssen unauffällig-sympathischer Gesichter. Daneben errechnet ein Kunstwerk via Algorithmus und Beobachtungen in sozialen Netzen und Kunstdatenbanken laufend seinen eigenen Wert.

Ausstellung “Uncanny Values” im MAK

“Vor genau 100 Jahren hat Sigmund Freud hier in Wien das Unheimliche als seelische Größe beschrieben”, erklärte Kurator Paul Feigelfeld den Titel, der sich von “Uncanny Valley” ableitet – ein Prinzip in der Robotik, das den Umstand beschreibt, dass uns künstliche Intelligenz umso unheimlicher wird, je ähnlicher sie uns ist. Dabei nimmt die Schau auch eine historische Perspektive ein – etwa mit dem “Urahn” der Sprachassistenten, “Eliza” von Joseph Weizenbaum aus 1964-66.

Brandneu ist dagegen eine Installation des Trios Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölen namens “Asunder”, für die eine künstliche Intelligenz auf Basis von Landschafts- und Bevölkerungsdaten Live-Berechnungen am Planeten vornimmt, um dann Vorschläge für dessen mitunter durchaus radikale Neugestaltung auszuspucken.

Neun Ausstellungen an unterschiedlichen Locations

Neben dem Hauptquartier MAK erstrecken sich die Ausstellungen, Workshops, Konferenzen und Theaterarbeiten allerdings auch über die Kunsthalle, die Angewandte, die Ottakringer Brauerei und bis nach Bratislava – stets im Wechselspiel von wachrüttelnder Dystopie und hoffnungsvoller Utopie.

Ein mögliches Szenario für das Jahr 2047 hat man etwa den Angewandten-Räumlichkeiten am Franz-Josefs-Kai als “begehbare Erzählung” einzurichten versucht, so deren Mitgestalterin Timna Boauer. Eine vom Klimawandel arg mitgenommene Kleinstadt, die man durchschreiten kann. Dabei “Lust auf Zukunft” zu machen, wie die Gestalter sich vorgenommen haben, wird mit der düsteren Installation aber vermutlich nicht gelingen, zumal die hoffnungsvoll beschworene Beseitigung sozialer Ungleichheiten im Zuge der Klimakatastrophe hier nur schwer sinnlich nachvollziehbar ist.

In der Kunsthalle nimmt “Hysterical Mining” sich Technologie und Digitalisierung aus feministischer Sicht vor und sieht eine Vielzahl von beherrschenden Algorithmen als geeignet, eine “endlose Reproduktion von Geschlechterklischees” zu befördern, so Ko-Kuratorin Anne Faucheret. Dennoch versuche man sich an einem “technophilen” Ansatz. In der Mitte der Ausstellung ist eine “Diskurs-Zone” für Diskussionen, Workshops und Performances eingerichtet.

Ebenfalls partizipativ gibt sich das mit Anlass der Biennale neu eingerichtete MAK Design Lab: Ziel war es, sich als Labor für Themen der Gegenwart, nicht zuletzt für Schulklassen zu positionieren, so Katharina Mischer vom gestaltenden Studio mischer’traxler. Sechs Räume wurden neu eingerichtet, die Themenpalette reicht vom verantwortungsvollen Umgang mit Daten bis zum Teilen des Arbeitsplatzes mit künstlicher Intelligenz. Im neuen Lab, das als einzige der Ausstellungen über die Biennale hinaus bestehen bleiben wird, spüre man nach dem langen Prozess der Neugestaltung hoffentlich “viel Sturköpfigkeit und Liebe”.

Die Ausstellungen im Detail

UNCANNY VALUES – Künstliche Intelligenz und Du (MAK-Ausstellungshalle)

Maschinen, die selbst denken, lernen, handeln und kommunizieren können: 18 multimediale Installationen bilden in den MAK-Ausstellungshallen einen Parcours durch mögliche und historische Anwendungsfelder Künstlicher Intelligenz. Eine DNA-Analyse von Whistleblowerin Chelsea Manning mündet in 30 mögliche Chelsea-Gesichter, eine Live-Installation errechnet Vorschläge zur Landschaftsgestaltung des Planeten, Kryptowährungs-Maschinen spielen Brettspiele, Sprachassistenten aus den 1960er Jahren führen psychotherapeutische Gespräche. Den Machern war es wichtig, auf einen “starken Wissensvermittlungskern” zu setzen”, so Kurator Paul Feigelfeld.

HYSTERICAL MINING (Kunsthalle Wien)

Die Gruppenausstellung zum Thema Cyberfeminismus findet an beiden Standorten der Kunsthalle – Museumsquartier und Karlsplatz – statt und hinterfragt, wie sehr Technologie und Digitalisierung Geschlechterklischees reproduzieren, statt emanzipatorisch zu wirken. Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, aber auch Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Sprache sei nicht selten in die Algorithmen eingeschrieben, die die digitale Welt beherrschen und führen dadurch zur Vertiefung von Ungleichheit. 16 Künstlerinnen versammelt die Ausstellung, sie nehmen allerdings keine technologiefeindliche Position ein, so Ko-Kuratorin Anne Faucheret. Stattdessen “hacken und verqueeren” sie den ideologischen Nährboden von Technologie.

MAK DESIGN LAB

Im Rahmen der Vienna Biennale wurde auch das Design-Labor im Keller des MAK neu aufgestellt. Design als Motor des Wandels will die Hands-On-Ausstellung, die auch von zahlreichen Schulklassen besucht wird, vermitteln. Themen sind dabei nicht nur Design als “Haltung”, sondern auch Fragen wie digitales Lernen, alte und neue Materialien oder der verantwortungsvolle Umgang mit Daten. Für die Dauer der Biennale ist auch die Ausstellung “KLIMAWANDEL! Vom Massenkonsum zur nachhaltigen Qualitätsgesellschaft” in den Räumlichkeiten des Design Lab zu sehen. Das Wiener Designstudio EOOS hat dabei in Kooperation mit dem Umweltministerium nachhaltige, utopische Prototypen entworfen – zwischen Kühlschrank und solarbetriebenem Auto.

FUTURE FACTORY – Urbane Produktion neu denken (MAK Galerie und Galerie Die Schöne am Gelände der Ottakringer Brauerei)

Zwei Drittel aller Menschen werden 2050 in Städten leben – welche Auswirkungen das auch für das Zusammendenken von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Produktion hat, untersucht die Schau, die eine Zusammenarbeit von MAK, Wirtschaftsagentur Wien und Ottakringer ist. Weil Orte heute oft eindimensional genutzt werden und die Produktion der Dinge des täglichen Lebens in weite Ferne gerückt ist, “haben wir keinen Bezug mehr zu den, was wir brauchen”, so Kurator Erwin K. Bauer. Die Zukunft liege in der urbanen Produktion und der gemischten Nutzung von Stadtorten.

SPACE AND EXPERIENCE – Architektur für ein besseres Leben (MAK-Kunstblättersaal und Säulenhalle)

Zehn Architekturbüros haben sich in 23 Projekten an der hauptsächlich durch Fotos vermittelten Ausstellung beteiligt, um sich an vorher definierten Qualitätsmerkmalen einer partizipativen, ökologischen und inklusiven Architektur der Zukunft abzuarbeiten.

CHANGE WAS OUR ONLY CHANCE, AIL (Angewandte Innovation Laboratory am Franz-Josefs-Kai)

Das KünstlerInnenkollektiv Time’s Up hat hier eine “begehbare Erzählung” eingerichtet, eine dystopische Kleinstadt des Jahres 2047. In der schummrigen “Medusa Bar” werden Algenburger serviert, man schläft in Kapsel-Hotelzimmern und hat im Zuge der Klimakatastrophe soziale Ungleichheiten besiegt. Im Keller befindet sich mit dem “Noise Aquarium” eine immersive Installation, bei der Teilnehmer in eine virtuelle Mikro-Unterwasserwelt einsteigen und im Zwiegespräch mit einem Pantoffeltierchen um das Gleichgewicht ringen können.

HUMAN BY DESIGN (Slovak Design Center, Bratislava)

Erstmals beteiligt sich auch das Slovak Design Center in Bratislava an der Vienna Biennale. Thema der dortigen Schau sind “Untersuchungen sozialer und methodologischer Innovationen im Design”. Parallel dazu zeigt das MAK FORUM die gemeinsam entwickelte Ausstellung “Human by Machine”, ein Zusammenarbeit von Studierenden der Angewandten in Wien mit Studierenden der Academy of Fine Arts and Design in Bratislava.

(APA/Red)

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