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"Gesellschaft ist weiter als Land"

Anna kam als Thomas zur Welt, fühlte schon als Kind, dass das nicht richtig ist undwurde zur Frau. Dass das Vivienne versagt bleibt, erschüttert sie.
Anna kam als Thomas zur Welt, fühlte schon als Kind, dass das nicht richtig ist undwurde zur Frau. Dass das Vivienne versagt bleibt, erschüttert sie. ©privat, Faksimile: W&W
Feldkirch - Die Geschichte von Vivienne spricht Anna aus Feldkirch aus der Seele. Sie kennt ihre Probleme sehr genau und findet harte Worte für das Verhalten der Regierung.
Im Auftrag diskriminiert?

Von Anja Förtsch (Wann&Wo)

Mit rot lackierten Fingernägeln scrollt Anna Ritter durch ihre Fotos. „Nein, komisch fühlt es sich nicht an, Thomas zu sehen“, sagt die Feldkircherin. „Es ist ein bisschen, als würde ich einen Fremden betrachten. Ich habe heute keinerlei Beziehung mehr zu Thomas.“ Der Mensch, über den Anna spricht, ist aber nicht irgendein ehemaliger Bekannter – sondern ihr ehemaliges Ich. Anna fühlte sich jahrelang im falschen Körper, so wie Vivienne (WANN & WO berichtete). Den Weg, der Vivienne noch bevorsteht, ist Anna, die erst vor zwei Monaten nach Vorarlberg gezogen ist, bereits gegangen. Und ist erschüttert, welche Knüppel das Land Vivienne zwischen die Beine wirft.

Gefangen im Dazwischen

„Ich kann mich sehr gut an die Phase erinnern, in der Vivienne gerade steckt“, erzählt Anna WANN & WO. „Man hat sich endlich, nach Jahren des Versteckens, geoutet, man will öffentlich eine Frau sein und beginnt, sich so zu kleiden und zu stylen. Aber man bekommt noch keine Hormontherapie, der Körper ist einfach noch männlich, die Mitmenschen schauen einen natürlich hin und wieder schräg an.“ Auch wenn Anna ihre Entscheidung nicht eine Sekunde lang bereut hat, diese Phase will sie um nichts in der Welt noch einmal durchmachen müssen. „Und genau diese Phase wird nur unnötig hinausgezögert, wenn das Land noch ein zusätzliches Gutachten verlangt, das in anderen Ländern überhaupt nicht nötig ist. Das ist furchtbar!“ Die 48-Jährige erhält ihre neuen Papiere Ende April, ihren Weg von Thomas zu Anna ist sie bereits vor ihrem Umzug nach Vorarlberg gegangen. Damals wohnte sie noch in Niederösterreich, besuchte ihre Ärzte in Wien. Eine Psychotherapeutin attestiert ihr bereits nach zwei, drei Sitzungen die Transidentität. Um die offiziell anerkannt zu bekommen und die Hormontherapie, die Logopädie und schließlich auch eine geschlechtsangleichende Operation machen zu können, muss Anna dort lediglich noch zwei kurze Termine absolvieren: einen zweistündigen Computertest beim Psychologen, der bestätigt, dass sie psychologisch gesund ist, und ein knapp einstündiges Gespräch beim Psychiater, bei dem sie noch einmal kurz ihre Lebensgeschichte erzählt, sozusagen als Bestätigung für die Einschätzung ihrer Psychotherapeutin. „Sicher, ich musste mich auch zwei weiteren Ärzten öffnen. Und ich finde es auch richtig und wichtig, dass mehrere Personen eine so weitreichende Entscheidung begleiten“, räumt Anna gegenüber WANN & WO ein. „Aber das waren Fachleute, die mit meiner mir vertrauten Psychotherapeutin zusammenarbeiten und kein wildfremder Gutachter, der am Ende den Daumen hebt oder senkt und damit über nichts weniger als das Leben der Menschen entscheidet.“ Auch Kommentare, dass Viviennes Gutachter-Termin ja schon bald sei und sie Geduld haben solle, fegt die 48-Jährige hinweg: „Nur mit dem Termin ist es ja nicht getan. Bis das Gutachten geschrieben und an die richtigen Stellen weitergeleitet ist, können mehrere Monate ins Land ziehen.“

Abschiedsbrief geschrieben

Dass als Mensch, der sich im falschen Körper fühlt, aber jeder Tag zählt, weiß Anna aus eigener Erfahrung. „Transidentität ist keine Kleinigkeit. Ich habe mich damals auch Jahrzehnte lang versteckt, habe meine Gefühle verdrängt und versucht, meine Rolle als Mann zu erfüllen“, erinnert sie sich. „Aber nicht sein wahres Ich zu leben, zerreißt jeden Menschen irgendwann. Zweimal habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich hatte schon einen Abschiedsbrief geschrieben.“ Damit es nicht soweit kommt, sollten Betroffene mehr Hilfe bekommen, findet Anna. „Das Land sollte die Betroffenen unterstützen und nicht einfach sagen: ‚Pech, Gesetz ist eben Gesetz.‘ Die Regierung sollte sich da auch ein Beispiel an der Gesellschaft nehmen. Die ist schon viel weiter, was Offenheit, Toleranz und Akzeptanz angeht.“

“Versteckt euch nicht, zeigt euch!”

Die Feldkircherin will das Wort nicht nur an die Regierung, sondern auch an die Betroffenen richten: „Versteckt euch nicht, sondern geht raus, nehmt am Leben teil und zeigt, wer ihr seid!“ Sie selbst engagiert sich neben der Arbeit politisch und sportlich, ist Sprecherin des Vorarlberger Volleyball Verbands. „Als trans-identer Mensch kann es leicht passieren, dass man sich abkapselt, weil man sich nicht zugehörig fühlt“, beschreibt Anna. „Man sieht aber schnell, dass Menschen viel offener sind, als man anfangs denkt.“

>>Hier die ganze WANN & WO-Ausgabe online lesen<<

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