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"Die Kälberschreie verfolgen mich bis in meine Träume"

W&W traf den VGT-Tierschutzaktivisten Tobias Giesinger und sein Hündin Mirel biem morgendlichen Spaziergang.
W&W traf den VGT-Tierschutzaktivisten Tobias Giesinger und sein Hündin Mirel biem morgendlichen Spaziergang. ©Sams
Tierschutzaktivist Tobias Giesinger im W&W-Talk über Morddrohungen, Kälbertransporte, den Schweineskandal und Scheinheiligkeit.

von Joachim Mangard/Wann & Wo

WANN & WO: Hast du eigentlich ein Lieblingstier?

Tobias Giesinger: Eigentlich nicht, aber ich finde Schweine ganz cool. Sie werden oft unterschätzt und leiden unter einem schlechten Ruf. Das liegt aber eher an den oft miserablen Haltungsbedingungen. Schweine sind unglaublich intelligent, zutraulich und verspielt – eigentlich wie Hunde. Nur dass die niemand isst, zumindest nicht bei uns.

WANN & WO: Wie hat sich deine Tierliebe entwickelt – wann bist du aktiver Tierschützer geworden?

Tobias Giesinger: Schon als Kind habe ich Schnecken über die Straße gebracht. Bei uns Zuhause hatten wir Katzen, Meerschweinchen und Hasen. Tiere haben in meinem Leben immer eine besondere Rolle gespielt. Irgendwann habe ich dann zufällig Einblick in einen Hühnerhaltungsbetrieb bekommen, was mich unheimlich schockiert und geprägt hat. Dort habe ich dann auch die ersten Fotos gemacht und meinem Umfeld gezeigt. Das war quasi meine erste Handlung als Tierschutz-Aktivist.

WANN & WO: Inzwischen bist du Vollzeit-Tierschützer und hast deinen herkömmlichen Beruf als Elektroniker an den Nagel gehängt – ein schwieriger Schritt, auch mit finanziellen Abstrichen?

Tobias Giesinger: Anfangs waren viele skeptisch, auch meine Eltern hatten Zweifel, bis sie meine Beweggründe akzeptiert haben. Inzwischen leben sie selbst seit mehreren Jahren vegan. Beruflich habe ich zuerst meine Tätigkeit im Prüffeld zurückgeschraubt, bis ich dann hauptberuflich beim Verein gegen Tierfabriken eingestiegen bin. Vor meiner Vollzeitanstellung habe ich mich mit meinen ersparten Reserven durchgeschlagen. Die Sache war und ist mir einfach enorm wichtig. Jetzt habe ich einen Job, der mich vollends erfüllt, aber auch viel Kraft kostet.

WANN & WO: Wie meinst du das?

Tobias Giesinger: Als Tierschutzaktivist und Aufdecker von unbequemen Wahrheiten schlägt einem oft heftiger Gegenwind ins Gesicht. Oder eine Faust. Am eigenen Körper erfuhr ich das spätestens in der Nacht, in der ich am Dornbirner Viehmarkt Prügel eingesteckt habe. Wenn man mit Sprüchen wie „Wir bringen dich um“ oder „Wenn du weiter machst, brechen wir dein Genick“ konfrontiert wird, ist das schwer zu verkraften. Die Sache liegt immer noch bei der Staatsanwaltschaft. Hier wird die Zukunft zeigen, wer Recht bekommt. Ich werde diese Nacht jedenfalls nie mehr vergessen, die nächsten Tage waren sehr schwierig. Meine damalige Freundin hatte Angst, unsere Wohnung zu verlassen. Glücklicherweise erhielt ich in der Folge regen Zuspruch, weiterzumachen. Das war unheimlich wichtig und hat mich bestärkt.

WANN & WO: Stichwort Kälbertransporte: Seid ihr zufrieden mit den Bestrebungen?

Tobias Giesinger: Ehrlich gesagt, nein. Wie man bei der Anfrage im Landtag gesehen hat, ist die Anzahl der Transporte nahezu gleich geblieben. Auch die Ankündigung, Vorarlberg würde keine Kälber in Drittländer exportieren, ist Augenauswischerei und wirkt scheinheilig. Ich würde allen Beteiligten mal empfehlen, wie wir, so einen Transport mal persönlich mitzuverfolgen. Bei einer unserer Observationen blieb ein vollbeladener Kälbertransporter bei brütender Hitze mitten in Spanien stehen, um eine längere Pause zu machen. Wenn das Motorengeräusch verstummt, hört man die Kälber nach ihren Müttern schreien. Diese Schreie verfolgen mich bis in meine Träume.

WANN & WO: Wenn du die Chance hättest, einen Missstand in der Welt zu beseitigen, welcher wäre das?

Tobias Giesinger: Ich weiß nicht, ob man Kapitalismus als Missstand bezeichnen kann. Ich glaube aber, dass vieles anders wäre, wenn Menschen nicht so gierig wären. Viele Probleme wie Flüchtlingsstrom, Armut aber auch Tiertransporte sind auf dieses System zurückzuführen.

WANN & WO: Bei der Elternveranstaltung der Kinderonko-Initiative wurde eine Stimme laut, dass bei uns im Land jedes Kalb eine größere Lobby hätte, als krebskranke Kinder. Wie siehst du das?

Tobias Giesinger: Ich kann die Aussage in dieser zutiefst emotionalen Debatte natürlich nachvollziehen. Hier muss schnellstens eine Lösung gefunden werden, damit die betroffenen Kinder und Eltern wieder aufatmen können. Ich denke, was die beiden Debatten verbindet ist der Appell an die Menschlichkeit. Es sollen weder Menschen noch Tiere unnötig leiden müssen. Unsere Aufgabe als Tierschützer besteht in erster Linie darin, den Tieren eine Lobby zu geben, da sie sich selbst nicht wehren können. Tiere werden oft auf ihre Wertigkeit als „Produktionsmaschinen“ oder Produkte reduziert, und nicht als Lebewesen behandelt. Wir wollen dafür sorgen, dass die gesetzlichen Mindeststandards, die nach wie vor zu hinterfragen sind, eingehalten und verbessert werden.

WANN & WO: Was hat sich während deiner Zeit als Aktiver in Sachen Tierschutz in Vorarlberg getan?

Tobias Giesinger: Ganz am Anfang stand der Schweineskandal. Wir haben 86 Prozent der hier lebenden Schweine dokumentiert und teilweise schwere Mängel aufgezeigt. Der Stein kam ins Rollen und die Menschen haben realisiert, dass Vorarlberg gar nicht so ein „suberes“ Ländle ist, wie angenommen. Als direkten Erfolg konnten wir verbuchen, dass Schweine inzwischen nur mit Betäubung kastriert werden dürfen und alle Betriebe kontrolliert werden. Ich glaube schon, dass wir die Bevölkerung sensibilisiert haben und ein Bewusstsein geschaffen haben. Beim jetzigen Kälberthema merkt man deutlich, dass die Menschen informiert werden wollen. Und diese Aufgabe nehmen wir wahr. Früher waren wir „Spinner“ oder „Öko-Hippies“, heute nehmen uns die Leute ernst.

WANN & WO: Was waren die schönsten Momente in deiner bisherigen Laufbahn?

Tobias Giesinger: Wir schöpfen viel Mut und Kraft aus dem direkten Kontakt mit der Bevölkerung, z.B. bei unseren Infoständen oder Schulbesuchen. Inzwischen schreiben uns auch Bauern öfters an und sprechen uns ihre Hochachtung und Zuspruch aus. Die meisten wollen aber anonym bleiben, aus Angst, als Systemgegner oder Verräter abgestempelt zu werden. Besonders schön war ein Treffen bei den Harder Pfadfindern mit einer veganen Grillparty im Anschluss. Das Interesse der Jugendlichen war überwältigend. Und es hat sich keiner über unser Grillgut beschwert (schmunzelt).

WANN & WO: Aktuell bist du single. Könntest du dir eine Beziehung mit einer Nicht-Veganerin vorstellen?

Tobias Giesinger: Grundsätzlich ja, natürlich. Ich bin ein offener Mensch und finde, man sollte versuchen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen. Ich habe viele nicht vegane Freunde und lebe ja selber nicht immer schon vegan. Gerade in einer Beziehung geht es um gemeinsame Werte und da gehört für mich zumindest die Offenheit gegenüber der veganen Lebenseinstellung dazu. Aber es würde sicherlich zu interessanten Diskussionen führen

WANN & WO: Wie stehst du zum Thema Milchwirtschaft im Ländle?

Tobias Giesinger: Angesichts der globalen industriellen Milchproduktion wird in kleineren, ländlichen Regionen wie Vorarlberg seit Jahren ein System künstlich am Leben erhalten. Wir melken quasi eine tote Kuh. Ohne Förderungen wäre eine Milchwirtschaft hierzulande undenkbar und schlichtweg nicht rentabel. Und die „Ausschuss“-Kälber setzen diesem kranken System noch das „Sahnehäubchen“ auf.

WANN & WO: Wie verläuft eure Petition (www.vgt.at/milch)? Habt ihr inzwischen einen Termin bei Ministerin Beate Hartinger-Klein?

Tobias Giesinger: Wir werden weiter ignoriert. Sowohl telefonisch als auch per Mail ist die für Tierschutz zuständige Ministerin für uns nicht zu sprechen. Inzwischen haben wir knapp 90.000 Unterschriften. Die wollen wir auf jeden Fall persönlich im Ministerium übergeben.

WANN & WO: Was wäre dein Wunsch an Politik und Gesellschaft?

Tobias Giesinger: Offene Gesprächsbereitschaft und Diskussion. Transparenz über bestehende Strukturen in der Landwirtschaft. Eine ehrliche und kritische Auseinandersetzung mit unserem aktuellen Systems mit besonderem Fokus auf das Tierwohl. Und kritische Konsumenten, die hinterfragen, woher das Schnitzel kommt, das auf ihrem Teller liegt.

(WANN & WO)

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