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Die hohe Kunst der Kiste

Frau Grabher am westlichsten Punkt des Hauses, Blickrichtung Hoher Kasten. Frau Grabher am westlichsten Punkt des Hauses, Blickrichtung Hoher Kasten. - © Darko Todorovic
von Tobias Hagleitner - Feldkirch – Kisten-Architektur gibt es zuhauf im Land der Hüslebauer(innen). Doch die Disziplin der einfachen Form will beherrscht sein. Wie die Kubatur des Rechtecks zum attraktiven Lebensraum für Menschen wird, lässt sich am besten an Bewährtem zeigen. Nach sechsjähriger Alltagspraxis dient eine Wohnanlage in Feldkirch als Fallbeispiel – fünf mögliche Erkenntnisse.

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Es ist ein heißer Tag. Frau Grabher, eine der Bauherrinnen – genauer gesagt Baudamen – ist stilbewusst in sommerliches Weiß gekleidet. Eine Anekdote mit Anleihen aus der Welt der Damenmode steht nicht unpassend auch am Beginn ihrer Erläuterungen zum Haus. Der erste Entwurf, vier weit auskragende Baukörper in der Fall-Linie des Hangs, sei vom Fachbeirat für architektonische und städtebauliche Fragen abgelehnt worden: „Die Architekten im Beirat meinten damals, einer Frau sähe man ja auch nicht unter den Rock.“ Stattdessen schlug das Gremium, das sich in Feldkirch seit 1993 um Qualitätssicherung im öffentlichen wie privaten Bauen bemüht, einen Baukörper vor, der sich zurückhaltender entlang der Höhenschichten entwickeln und die Geländekante dadurch präzisieren sollte. Der Planer der Wohnanlage, Baumeister Herbert Neuhauser, nutzte die Kritik als gestalterischen Motor und entwickelte in wenigen Monaten ein neues Projekt von großer städtebaulicher wie formaler Präzision. Das war 2004. Heute führt die Baudame stolz durch das zur Gänze vermietete Haus, das ein Jahr darauf fertiggestellt und 2006 erstmals bezogen wurde. Stolz ist sie zu Recht: Gemeinsam mit ihren Schwestern hat sie auf dem nicht ganz einfachen Grundstück in exponierter Lage über dem Feldkircher Bahnhof ein interessantes Mietwohnprojekt als nachhaltiges Investment realisiert, das sie auch selbst verwaltet und betreut. 20 Einheiten finden in dem zweigeschoßigen Bau von etwa 100 Metern Länge Platz, eine Tiefgarage gibt es im Untergeschoß.

Erkenntnis 1: Die Kiste ist ein Landschaftselement

Den für Feldkirch typischen Längsverlauf zwischen Amberg und Känzele im Südosten und dem Ardetzen im Nordwesten zeichnet das Gebäude deutlich nach. In der Höhe etwas abgehoben, hält es damit die Verbindung zur Stadtstruktur darunter und ist zugleich selbstverständlicher Teil des Bergrückens. Es ist gelungen, bestehende Qualitäten des Geländes zu erschließen. Die bergseitige Streuobstwiese mit den alten Bäumen wurde durch den Bau gefasst und neu erlebbar gemacht, zugleich wurde der städtische Raum in sinnvoller Dichte in die attraktive Hanglage erweitert. So wird der lang gestreckte Riegel nach vorne zur prominenten urbanen Geste, nach hinten zum Rückgrat für den Landschaftsraum. Nicht zuletzt durch die großzügigen Verglasungen auf beiden Seiten ist die „Kiste“ hier ein vermittelndes Übergangselement, ein Typus peripheren Bauens, der sich durchaus auch an anderen Ortsrändern empfehlen würde.

Erkenntnis 2: Es darf rappeln in der Kiste

Frau Grabher fühlte sich anfangs an einen CD-Player erinnert. Und tatsächlich sehen die dunklen Stahl-Balkone ein wenig aus wie Ladefächer eines elegant designten Soundsystems. Musik ist hier zwar nicht zu hören, aber sichtbar wird sie doch. Die Auskragungen rhythmisieren die Fassade. Wie zwanzig kleine Finger und ihre Schatten bespielen sie den Baukörper auf der gesamten Länge. Auch das Wechselspiel von Fensterband und raumhoher Verglasung – die Wandfelder in Sichtbeton zart akzentuiert vom weichen Ton der Lärche – fügt sich gut in diese Melodie.

Erkenntnis 3: Farben sind „modern“

Dass so viele aktuelle Wohnbauten „fade Kisten“ sind, hat auch mit der Angst vor Farbe zu tun. Meist enden die Vollwärmeschutzfassaden zum Schluss in blassem Unentschieden, werden mit prüdem Mäusegrau gestrichen oder in verkorkstes Beige getaucht. Dass Buntheit die ästhetische Erscheinung eines Gebäudes schärfen kann, ohne dabei schrill zu wirken, wird an der Südostfassade deutlich. Die sichtbaren Außenwände der Stiegenkerne in den fünf Zugangsbereichen wurden in Gelb, Braun, Blau, Rot und Grün gestaltet. Die Töne stammen ausgerechnet aus dem Farbenrepertoire Le Corbusiers, jenes so bedeutenden Architekten der vermeintlich „weißen“ Moderne, der durchaus als einer der Urväter der nicht nur im Ländle beliebten Kisten-Ästhetik gelten kann.

Erkenntnis 4: Präzision in Detail und Material

Was edle Einfalt von banalen Schachteln unterscheidet, zeigt sich vor allem bei näherer Betrachtung: Der Sichtbeton ist sauber, das Ankerbild wohlproportioniert, die angehängten Balkonkörper sind haarscharf bis in die Ecken ausformuliert, auch in der Untersicht. Innen fließt der Raum ungestört zwischen den weißen Wänden, durch die schlanken Lärchenholzprofile werden die Fenster zu Panoramen. Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle die „sensible“ Bauphysik des Fallstudien-Objekts. Wer nicht lüftet, wird mit ein wenig Kondensat bestraft – eine freundliche Erinnerung des Hauses an seine Bewohner(innen), dass auch die Luft einmal zu dick werden kann.

Erkenntnis 5: Auf den Inhalt kommt es an

Leerstand habe es bisher noch nie gegeben, meint Frau Grabher. Die Bewohner(innen), meist Singles oder Paare, schätzen das Ambiente der Wohnungen, die Aussicht, die Nähe zur Stadt, die Erholungsmöglichkeiten gleich hinterm Haus. Nicht zuletzt fördert die bauliche Struktur den Austausch untereinander. So trifft man sich zum Grillen, geht gemeinsam Mountainbiken oder zum Weinfest in die Innenstadt. Ein Haus gehört schließlich auch belebt und gemeinschaftlich bewohnt – das ist wohl der wichtigste Teil der Kistenkunst.

Daten & Fakten

Objekt: Wohnanlage Göfiser Straße, Feldkirch

Bauherrschaft: Errichtergemeinschaft Göfiser Straße

Architektur: Bmst. Herbert Neuhauser, Fraxern

Statik: M+G Ingenieure, Feldkirch

Objektdaten

Planung: 2003/2004

Ausführung: 2004/2005

Grundstücksfläche: 4426 m²

Bebaute Fläche: 863 m²

Nutzfläche: 1385 m²

Bauvolumen: 7660 m³

Wohnungen: 20

Bauweise: Sichtbeton mit Holzausfachungen

vai Vorarlberger Architektur Institut
Seit November 2011 zeichnet das vai für Projektauswahl und redaktionelle Gestaltung der Coverserie von „Leben&Wohnen” verantwortlich. Die wöchentlich erscheinenden Architekturgeschichten ergeben in Summe einen anschaulichen Querschnitt der aktuellen architektonischen Entwicklung in Vorarlberg.

Die Ausstellung „Hohe Auflage” inszeniert diese Medienkooperation und verknüpft die redaktionellen Beiträge zur Gesamtschau in den Räumlichkeiten des vai, Marktstraße 33, Dornbirn. Ausstellung noch bis 6. Oktober 2012 Dienstag‑Freitag, 14–17 Uhr, Samstag 11–17 Uhr; v-a-i.at

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