USA: Neue Anschläge?

Al-Kaida-Chef Osama bin Laden hat den irakischen Schiiten mit Anschlägen gedroht. Terroristenführer droht Vergeltung für "Völkermord" an - US-Geheimdienstmitarbeiter bestätigte Echtheit.

Auf den Straßen des Irak liegen inzwischen jeden Tag Leichen von Menschen, die nur weil sie Schiiten oder Sunniten waren, von Angehörigen der jeweils anderen Religionsgruppe gefoltert und erschossen wurden. Die Politiker in Bagdad erklärten zwar immer wieder, die Schwelle zum Bürgerkrieg sei noch nicht überschritten. Sie rückt aber, wenn man auf die Massenentführungen und Mordserien der vergangenen Wochen blickt, klar in Sichtweite.

Ausgerechnet in dieser gefährlichen Phase gießt Osama bin Laden, der meistgesuchte Terrorist der Welt, Öl ins Feuer. Er spricht davon, dass irakische Schiiten Sunniten „liquidieren“, und deshalb „bestraft“ werden müssten. Sicher gibt es schiitische Banden und Milizen im Irak, die Sunniten töten. Doch auch die sunnitischen Terrorgruppen kennen keine Gnade gegenüber schiitischen Zivilisten, wie auch der jüngste Anschlag auf den Markt in Sadr-City beweist.

Bin Laden ruft auf dem Tonband indirekt zu Anschlägen in den vorwiegend von Schiiten bewohnten Städten des Südirak auf. Die Schiiten, so erklärt die dem Al-Kaida-Anführer zugeschriebene Stimme auf dem Tonband, dürften sich in ihren Städten so lange nicht sicher fühlen, wie sich auch die Sunniten in Mosul, Falluja und Ramadi nicht sicher fühlen könnten. Dieser verqueren Logik war Bin Laden bereits früher bei seinen „Kriegserklärungen“ an westliche Staaten gefolgt. Damals hatte er erklärt, Al-Kaida trage den Terror in die Städte der Amerikaner und Europäer, weil diese dafür gesorgt hätten, dass Palästinenser, Afghanen und andere Moslems nicht in Sicherheit leben könnten.

Doch der Inhalt des neuen Tonbandes des Al-Kaida-Anführers zeugt auch von einem Strategiewechsel an der Spitze des Terrornetzwerks. Zwar war Al-Kaida immer schon eine Organisation fanatischer sunnitischer Moslems, die Schiiten prinzipiell für „Ungläubige“ halten, weil sie angeblich Heilige anbeten und dadurch die Einheit Gottes in Zweifel ziehen. Wegen dieses religiös-ideologischen Grabens wäre auch eine Zusammenarbeit zwischen den Al-Kaida-Terroristen und dem schiitischen Regime in Teheran nicht denkbar. Bisher war die Al-Kaida-Führung aber davor zurückgeschreckt, neben ihrem Kampf gegen „die westlichen Kreuzfahrer und die Verräter-Regime in der islamischen Welt“ noch eine dritte Front gegen die schiitischen Moslems zu eröffnen.

Im vergangenen Oktober tauchte sogar ein Brief auf, den der Al-Kaida-Vize Ayman al-Sawahiri an den jordanischen Top-Torroristen Abu Musab al-Zarqawi geschrieben haben soll, und in dem er diesen davor warnte, schiitische Zivilisten im Irak zu töten. In dem Brief hieß es, die Schiiten seien zwar „Verräter“. Der Kampf gegen sie könnte die Gründung eines islamischen Staates im Irak jedoch behindern. Seit dem Tod des von den Amerikanern getöteten „Schiitenhassers“ Zarqawi ist noch kein Monat vergangen, da ändert Al-Kaida den Kurs.

Doch ob Bin Laden die Schiiten und Sunniten im Irak durch seine Drohungen wirklich zu noch mehr Gewalt anstacheln kann, bleibt abzuwarten. „Bin Laden und die amerikanischen Besatzer haben doch beide das gleiche Ziel: Sie wollen im Irak einen Bürgerkrieg heraufbeschwören“, meint Asmaa Fakhri (30), Studentin aus Bagdad.

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