AA

"Turbokuh-Mentalität im Ländle"

Bregenz (VN) - Grünen-Chef Johannes Rauch spricht über den deutschen Dioxin-Skandal und Konsequenzen für Vorarlberg.

Welche Lehren sind aus dem Dioxin-Skandal zu ziehen?

Rauch: Eine Komplettreform des gesamten Systems der Agrarpolitik und der Agrarförderung ist notwendig. Wir müssen weg von dieser Großindustrie. Wir müssen hin zu regionalen, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln! Eine durchschnittliche Vorarlberger Kuh gab 2007 pro Jahr 6600 Kilogramm Milch. 1997 waren dies noch 5200 Kilogramm. Das ist eine Steigerung von 27 Prozent in nur zehn Jahren. Durch die Zufuhr von Kraftfutter und eine umfassende medikamentöse Behandlung werden derartige ‚Leistungen‘ gezüchtet.

 

Dann ist die Landwirtschaft Ihrer Ansicht nach auch in Vorarlberg auf dem falschen Weg?

Rauch: Ja. Die Turbokuh- Mentalität und die Leistungszucht treiben auch in Vorarlberg ihre Blüten. Das hat Auswirkungen. Ich darf da nur an die Euterkrankheit erinnern, die vor zwei Jahren bei 112 Alpkühen entdeckt wurde. Da hat ja auch der Landesveterinär gesagt, das Fördersystem müsse umgebaut werden. Hoch­leistungszucht auf Alpen funktioniert nicht. Die Landwirtschaftspolitik ist auf dem falschen Weg. In Vorarlberg, in Österreich und in Europa. Auf EU-Ebene ist es ja herrschende Politik, Überschüsse und Masse zu produzieren. Gestützt wird das mit 1,1 Milliarden Euro pro Jahr. Lebensmittel werden aber nicht nur in immer größerer Menge produziert, sondern auch in immer geringerer Qualität. Fehl-Ernährungen nehmen dramatisch zu, Gesundheitskosten steigen. Wir müssen zurück zu Qualität und Regionalität in der Lebensmittelversorgung.

 

Sehen Sie da nicht zu schwarz? Immerhin gilt die Vorarlberger Landwirtschaft als recht naturbelassen.

Rauch: Ich bin ein absoluter Verfechter der Leistungsabgeltung bei kleinbäuerlichen Betrieben, vor allem in den Berglagen. Die leisten einen unglaublichen Beitrag zur Erhaltung der Kulturlandschaft. Dort muss das Geld hin. Und nicht in Zuckersubventionen für Fruchtsafthersteller! Bei dem Spiel ‚höher, schneller, weiter‘ kann die Vorarlberger Landwirtschaft auf Dauer nicht mithalten. Doch die offizielle Vorarlberger Landwirtschaftspolitik setzt genauso auf Leistung und auf mehr Produktion wie alle anderen. Mit der ‚Ländle-Marke‘ lässt man die Konsumenten glauben, Ländle sei gleich Bio. Das ist aber nicht der Fall! Wie viele von den sogenannten Alpschweinen etwa wirklich eine Alpe gesehen haben, das möchte ich gerne wissen.

 

Ein harscher Vorwurf.

Rauch: Das gilt nicht querbeet! Aber wenn man sieht, wie sich Biobetriebe Tag für Tag mühen, strenge Auflagen einzuhalten und mit konventionellen Betrieben in einem Wettbewerb stehen, dann muss man volle Transparenz und Sauberkeit verlangen! Ansonsten ist es ja auch eine Wettbewerbsverzerrung. Das ist wie bei einer Schwangerschaft. Ein bisschen schwanger sein, geht nicht. Genauso wenig ist es möglich, ein bißchen bio zu sein. Deswegen muss der Gesamtumbau in Richtung Bioland Vorarlberg erfolgen. Das wäre ja auch als Marke extrem gut zu verkaufen, gemeinsam mit dem Tourismus beispielsweise. Das brächte uns einen enormen Wettbewerbsvorteil. Unsere Chance ist die Qualität, nicht die Quantität! Wir müssen voll auf die Qualitätsschiene setzen. Und das wäre das Bioland Vorarlberg.

 

Was stellen Sie sich unter dem Bioland Vorarlberg vor?

Rauch: Die Komplettumstellung der gesamten landwirtschaftlichen Produktion und Förderung in Vorarlberg auf Bio. Das wäre weniger klimaschädlich. Bio produziert um 50 Prozent weniger C02. Und ist gesünder. Beispiel Biomilch: Jahrelang hat man uns erklärt, so etwas würde nicht gehen, so etwas würde sich nicht rechnen. Jetzt gibt es die Biomilch seit zwei Jahren, und sie ist ein Verkaufsschlager! Das heißt: Bio funktioniert. Man muss es nur wollen. Und daran krankt es. Das gilt auch für sämtliche landesnahen Betriebe: Ich fordere seit Jahren, dass man etwa in Spitälern oder in Heimen auf regionale Produkte setzt, anstatt wegen ein paar Cent Preisvorteil Lebensmittel zu importieren.

 

Kann Ihrer Ansicht nach Dioxinverseuchtes Futtermittel auch nach Vorarlberg gelangt sein?

Rauch: In Österreich werden im Jahr 500.000 Tonnen Futtermittel importiert, das man als Kraftfutter für die Hochleistungszucht verwendet. Es ist also davon auszugehen, dass auch in Vorarlberg selbstverständlich Kraftfutter importiert wird. Futtermittel sind im Übrigen auch nicht lückenlos kontrollierbar im Hinblick auf Gentechnikfreiheit und Pestizid-Einsatz.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • "Turbokuh-Mentalität im Ländle"
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen