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Märchenstadt am Rande des Harz

Quedlinburg dient seit Jahrzehnten der Filmindustrie als romantische Kulisse.
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Noch nie von Quedlinburg gehört? Das kann sein, aber gesehen haben das Städtchen mit seinen knappen 21.000 Einwohner wohl schon alle. Das Unesco– Welterbe dient seit Jahrzehnten der Filmindustrie als romantische Kulisse. Vom CSSR-Märchenschinken bis zum aktuellen Kinofilm „Goethe!“ stellte die Gemeinde im Harzvorland ihre Altstadt als einmaligen, authentischen Drehort zur Verfügung.

Auch Otto drehte hier

Familie Wehrenpfennig erinnert sich gerne: „Der Otto war auch zwischen den Dreharbeiten immer gut drauf. Mit seiner Zwergenmütze am Kopf hat er am Fenster gekratzt, um Einlass gebettelt und unsere Gäste geneckt.“ Die Wehrerpfennigs betreiben das Restaurant-Café „Zum Roland“ östlich vom Rathaus Quedlinburgs. Das Haus zählt nicht umsonst zu den ersten Sehenswürdigkeiten der kleinen Stadt im Harzvorland. Über die Erdgeschosse von insgesamt sieben windschief wunderschönen Fachwerkbauten verteilen sich die Gasträume des Cafés. Die einmalige Fassade diente schon in den Siebzigern dem DDRMärchenklassiker „Schneeweißchen und Rosenrot“ als Kulisse. Im Kinohit „7 Zwerge – der Wald ist nicht genug“ blödelte Otto Walkes vor der historischen Fassade.

Quedlinburg bezaubert Jahr für Jahr eine wachsende Zahl Touristen. Das Städtchen am Rande des Harz im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt blieb von Zerstörungen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts weitgehend verschont. Der weitläufige, historische Stadtkern besteht heute neben romanischen und gotischen Bauwerken vor allem aus rund 1400 originalen Fachwerkhäusern.

Ein Fachwerkmuseum

Das eigene Fachwerkmuseum „Ständerbau“ im Straßenzug „Word“, welches originalgetreu aus dem Jahr 1346 erhalten ist, steht Besuchern offen. Hier erfährt der Gast alles über die Quedlinburger Bautechnik und die verschiedenen Ornamente und die Knaggen, meist prachtvoll verzierte Konsolen zwischen den Geschossen. Das eigentliche Erlebnis im Museum vermittelt jedoch das Gebäude selbst: Keine Wand, weder Fußboden noch Decke stehen tatsächlich im rechten Winkel aufeinander. Das rechter- Winkel-verwöhnte Gehirn des Neuzeitlers reagiert auf den Trug von Erwartung und tatsächlicher Erfahrung zwangsläufig mit einigen Schwindelgefühlen.

Wer heute vom Café „Zum Roland“ über den großen Rathausplatz spaziert und über das „Word“ vorbei an Glasmalerei-, Spielzeugund Fachwerkmuseum den Schlossberg erklimmt, fühlt sich unmittelbar in ein Märchen versetzt. Die Rolle des neuzeitlichen Besuchers entspricht der eines Riesen. Die Eingangstüren der Fachwerkhäuschen sind gerade ein Meter fünfzig hoch, die Menschen im Mittelalter waren eben kleiner.

Stiftskirche und Schloss

Auf dem steil abfallenden Sandsteinfelsen des Schlossbergs befinden sich die romanische Stiftskirche St. Servatii sowie das dreiflügelige Renaissance-Schloss. Erstere wurde Anfang des 12. Jahrhunderts auf den Resten von drei Vorgängerbauten errichtet. Sie zählt zu den ältesten erhaltenen Kirchen Deutschlands. Unter dem Chor befindet sich die Krypta mit den Gräbern des ersten deutschen Königspaares: Heinrich I. und seiner Frau Mathilde. In den Schatzkammern links und rechts vom Altarraum kann der mehr als 1000 Jahre alten Domschatz bestaunt werden. Viele der unschätzbar wertvollen Ausstellungsstücke wurden 1945 von amerikanischen Besatzungssoldaten entwendet und kamen zum Teil erst Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nach Quedlinburg zurück.

Quedlinburg, als „Königliche Osterpfalz“, schon vom zehnten bis ins zwölfte Jahrhundert von großer geschichtlicher Bedeutung, lebt heute in erster Linie vom Fremdenverkehr. Mittelalterliche Türme und Mauern, der romanische Dom mit seinem Schatz, zahlreiche gotische Türme und Wehranlagen, vor allem die einmalige Fülle an Fachwerkbauten aus sieben Jahrhunderten machen Quedlinburg zu einem eindrucksvollen Ort der Begegnung mit deutscher Geschichte.

Zahlreiche Filmklassiker

Die liebevoll restaurierte Altstadt, wo weder Antennen noch moderne Straßenbeleuchtung oder andere optische Reize der Neuzeit den authentischen Eindruck stören, verleihen Quedlinburg die Qualität, die Filmregisseure oftmals zu schätzen wissen: Vom Klassiker wie „Fünf Patronenhülsen“ mit Manfred Krug über Serien wie „Pfarrer Braun“ mit Ottfried Fischer bis zu „Goethe!“ mit Moritz Bleibtreu und Alexander Fehling entstanden Dutzende Filme in der mitteldeutschen Kleinstadt.

1200 Gebäude stehen unter Denkmalschutz

1200 Gebäude der Quedlinburger Altstadt stehen unter Denkmalschutz. Rund 650 davon wurden seit der Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands restauriert. Der „Wende“ verdankt das mittelalterliche Städtchen nicht nur das großzügige Restaurierungsprogramm und die Auszeichnung als Unesco „Welterbe“: Die kulturlose einstige SEDFührung plante in den Sechzigerjahren, das einmalige Altstadtensemble zu schleifen und durch DDR-Plattenbauten zu ersetzen. Die Pläne der Arbeiterpartei scheiterten am Geldmangel. Am 9. November 1989 demonstrierten in Quedlinburg 30.000 Menschen gegen das DDR-Regime – nicht ahnend, dass in Berlin zur gleichen Zeit die Mauer geöffnet wurde.

Käsekuchen vom Feinsten

Unterhalb des Schlossberges befindet sich einer der schönsten Plätze der Stadt, der Finkenherd – hier sollte man Vincents Käsekuchenbäckerei und das Klopstockhaus besuchen.

Eine ganz spezielle Galerie

Die Lyonel-Feininger- Galerie – eine Symbiose zwischen historischem Fachwerkbau und moderner Architektur – zeigt die weltweit bedeutendste Sammlung an Druckgrafiken Feiningers.

Ein Ausflug mit der Eisenbahn

Quedlinburg ist an das Netz der Harzer Schmalspurbahnen angeschlossen. So lässt sich ein Sight-Seeing- Ausflug mit Eisenbahnromantik und einem Ausflug in die Natur des Harz verbinden.

Eines der größten Flächendenkmale in Deutschland

Mit einem historisch bebauten Stadtkern, der sich über mehr als 80 Hektar erstreckt, gehört Quedlinburg zu den größten Flächendenkmalen in Deutschland. Die Altstadt gilt mit ihren 1200 Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten und dem mittelalterlichen Stadtgrundriss als außergewöhnliches Beispiel für eine europäische mittelalterliche Stadt.

15 Millionen Euro sind notwendig, um den Quedlingburger Schlossberg zu retten. Die Hauptprobleme sind das desolate Sandsteinmassiv und eine über die Jahrhunderte ständig größer gewordene Bebauung des Berges – ein Gutachten für die Sanierung wurde erstellt, dazu ein Spendenkonto eingerichtet.

99 verschiedene Käsekuchen warten auf Gäste

Bei Vincents Käsekuchenbäckerei sollte man unbedingt eine Rast einlegen. Aus 99 verschiedenen Käsekuchen, vom herzhaft würzigen Harzer Ziegenkäse bis zum süßen, kalt gerührten Grüne-Banane-Kuchen, erwarten den Gast einmalige Geschmackerlebnisse. In der Küche des wildromatischen Fachwerkshauses lässt sich der Chef gerne beim Backen über die Schulter schauen.

Reiseinfos

Anreise: Quedlinburg von Bregenz aus über die A14 (Hörbranz), A 96 (Memmingen), A7 (Kreuz Feuchtwangen), A6 (Nürnberg), A9 (Leipzig), A14 (Aschersleben): 665 Kilometer, ca. sechs Stunden Fahrzeit; mit dem Zug ca. 9 1/2 Stunden (vier Mal Umsteigen, Lindau, Ulm, Hildesheim und Halberstadt), Kosten ca. 130 Euro für eine Einzelfahrt Erwachsener.

Unterkunft: Unterbringung in zahlreichen kleinen Fachwerkhäusern ab 30 Euro (EZ). Privatzimmervermietung über die Homepage www.quedlinburg.de. Eine stilechte Unterkunft mitten in der historischen Altstadt bietet das Best Western Hotel „Quedlinburger Stadtschloss“ aus dem Jahr 1564, errichtet von Freiherr von Hagen; Vier Stern Superior-Komfort (www.grandcityhotels.de).

Allgemeine Informationen zu geführten Besichtigungen sowie Wanderungen und Ausflügen in den Harz unter www.quedlinburg.de.

( VN-M. Duschek)

 

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