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„Mit der Brechstange gegen die Natur!“

In Deutschland wächst der Protest gegen die geplanten Bohrungen.
In Deutschland wächst der Protest gegen die geplanten Bohrungen. ©dapd
Nur wenige Kilometer von Vorarlberg entfernt, im Raum Friedrichshafen/Überlingen, plant das britische Unternehmen „3Legs Resources“ Schiefergas abzubauen – mittels der heftig umstrittenen „Fracking“-Technologie.

„Fracking“ kommt in den USA schon seit mehreren Jahren zum Einsatz, nun soll die Gasgewinnungsmethode auch in Europa forciert werden. Und zwar direkt vor der Haustüre der Vorarlberger: „Die Hälfte des Gases in den USA wird durch Fracking gewonnen. Es gab bereits zahlreiche Zwischenfälle, in de­­nen Landstriche vergiftet wurden und Menschen durch verseuchtes Trinkwasser erkrankt sind“, weiß Dr. Adolf Groß, Fachbereichsleiter Energie und Klimaschutz im Amt der Vorarlberger Landesregierung.

OMV plant „Fracking“ auch in Österreich

In Europa gibt es riesige Gasvorkommen, aufgeteilt auf einige wenige Staaten. Die meisten davon befinden sich im mittleren Osten, aber auch Deutschland, Frankreich und Österreich gelten als gasreiche Staaten. Während „Fracking“ in Frankreich gesetzlich verboten wurde und der Widerstand in Deutschland gegen den Abbau wächst, gab die OMV kürzlich bekannt, im Weinviertel ebenfalls Gas mithilfe dieser aggressiven und umweltbelastenden Technologie gewinnen zu wollen. Groß: „Das hat in der Energieszene viele überrascht, diese Ankündigung kam vollkommen unerwartet. Angeblich hat die OMV einen Weg gefunden, ‚Fracking‘ ohne giftige Chemikalien zu betreiben. Ich bin aber sehr skeptisch, das muss erst bewiesen werden.“ Bei „Fracking“ wird eine Mixtur aus hochtoxischen und krebserregenden Chemikalien verwendet, über die genaue Zusammensetzung schweigen sich die Unternehmen aus. „Es braucht viel mehr Transparenz. Die Gesellschaft hat ein Recht darauf, zu erfahren, welche Chemikalien verwendet werden. Bereits geringe Dosierungen reichen für eine Gesundheitsschädigung aus. Und bei dieser Abbaumethode werden Unmengen davon in den Untergrund gepumpt“, so der Experte weiter. Auch das wieder abgepumpte Wasser stelle ein großes Problem dar, da es zusätzliche Schadstoffe aus dem Boden befördert. Groß: „Hier stellt sich auch die Frage, wo und wie dieses Abwasser gelagert oder dekonterminiert wird?“

Extremes Risikopotential

Was Groß am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass durch die Bohrungen extreme Risiken eingegangen werden, ohne dass die Öffentlichkeit dazu befragt wird: „Eine Bohr-Lizenz alleine reicht noch lange nicht aus, es bedarf hier einer breiten Debatte darüber, ob diese Maßnahmen überhaupt notwendig sind. Alle sprechen von der Energiewende, dennoch wird einfach weiter gemacht wie bisher. Es wird meines Erachtens sogar noch schlimmer: Sind die großen Gasvorkommen erschöpft, geht man mit der Brechstange auf die letzten Reserven der Natur los. Das ist eine verantwortungslose Haltung, die ich nicht tolerieren kann. Der Planet wird ohnehin schon mit allen Mitteln ausgebeutet, Umwelt- und Minderheiteninteressen sind dabei zweitrangig!“ Groß prangert zudem das enge Verhältnis zwischen Politik und Rohstofflobby an. Den teils staatlichen Unternehmen gehe es rein um Profitmaximierung: „Da es sich oft um große Arbeitgeber handelt, sieht der Staat weg. Es braucht deshalb eine gesamteuropäische Strategie. ‚Fracking‘ darf höchstens als Übergangstechnologie verstanden und die Gaspreise künstlich hoch gehalten werden, damit erneuerbare Energien stärker forciert werden können. Nur so können wir mit gutem Gewissen in die Zukunft blicken. Es geht schließlich darum, in welche Welt unsere Kinder geboren werden und welche Möglichkeiten ihnen noch zur Verfügung stehen.

Worst Case am Bodensee

„Welche Auswirkungen ‚Fracking‘ auf den Bodenseeraum haben könnte, lässt sich noch nicht sagen. Es ist auch noch nicht bekannt, wann damit begonnen werden soll“, so Groß. Niemand kenne die Untergründe zu hundert Prozent, auch Strömungen, Wind und Niederschläge würden eine Rolle spielen. Risiken ließen sich aber nicht ausschließen. Ob es bereits Gespräche zwischen den österreichischen und deutschen Behörden gibt, ist ihm nicht bekannt. Groß: „Ich glaube es aber kaum. Das entspräche nicht unserer Kultur.“

Stichwort “Fracking”

„Fracking“ (oder auch Hydraulic Fracturing) bezeichnet eine Technologie, mit der nach Gasvorkommen gebohrt wird. Dabei wird eine Mixtur aus Wasser, Quarzsand und verschiedenen (teils toxischen und krebserregenden) Chemikalien mit Hochdruck in die Gesteinsschichten gepumpt und diese dadurch gesprengt. Dabei tritt gebundenes Gas aus, das anschließend abgesaugt wird. In den USA kommt „Fracking“ schon seit rund zehn Jahren zum Einsatz – mit teils katastrophalen Folgen für Natur und Gesundheit. Ausgetretene Chemikalien verseuchten mehrfach Trinkwasserversorgungen, zahlreiche Menschen erkrankten. Die Oscar-nominierte Dokumentation „Gasland“ von 2010 zeigt schonungslos die Auswirkungen der Abbaumethode.

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