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Freikirchen: "Schwache sind ein gefundenes Fressen!"

©W&W
Drei Jahre lang waren Harald (45) und Ingrid (47) Mitglied der freien Christengemeinde in Feldkirch. Angst hat ihr Leben bestimmt. Aber sie haben den Ausstieg geschafft.

WANN & WO: Wie seid ihr Mitglied in dieser Gemeinschaft geworden?

Harald: Ich war immer schon auf der Suche nach Antworten in meinem Leben. Eines Tages wurde ich auf der Straße angesprochen. Die Werbeschrift, eine sogenannte Einladung zur Evangelisation, hat mich neugierig gemacht. Anfangs war ich wirklich fasziniert, denn die freien Christen unterscheiden sich in einigen Punkten von der katholischen Kirche, zum Beispiel gibt es die persönliche Entscheidung, die Heilsgewissheit und frei gestaltete Gottesdienste. Man darf auch frei sprechen.

WANN & WO: Wie kann man sich die Mitgliedschaft vorstellen?

Harald: Die Glaubensgrundsätze kommen direkt aus der Bibel, gerettet ist man nur nach der persönlichen Entscheidung zu Jesus. Man soll seinen Blick ständig auf Jesus richten – nach seinem Willen leben. In Gottesdiensten und Hauskreisen wird zusammen gebetet, gesungen und gegessen. Das Beisammensein, die Gemeinschaft ist das Wichtigste. Man sollte eigentlich nur Kontakt mit den Mitgliedern der Gemeinschaft pflegen, auch bei der Partnerwahl muss darauf geachtet werden. Ein Ziel besteht darin, Freundschaften mit anderen abzubrechen, damit eine soziale Abhängigkeit zur Gemeinschaft entsteht.

WANN & WO: Wieso wird aber diese soziale Abhängigkeit erzeugt?

Harald: Um die Menschen in der Gruppe zu halten. Man muss folgendes bedenken, jedes Mitglied gibt „freiwillig“ den „Zehnten“ ab, das sind zehn Prozent des Gehalts. Bei jeder Veranstaltung geht auch der Klingelbeutel herum. Bemerkenswert ist, dass es nicht klingelt, sondern nur raschelt. Nur Papiergeld kommt in die Kollekte. Es geht nur um Geld!

WANN & WO: Wie kann es sein, dass Menschen in diese Abhängigkeit rutschen?

Ingrid: Bei mir war es totale Gehirnwäsche: Regelmäßige Zu­­sammenkünfte, die Predigt und vor allem das Angst machen. Man blockiert sich für alles rundherum und hat nur Kontakt mit der Gemeinde. Man hört ständig, dass man sich nicht versündigen soll, man wird kontrolliert, angeschwärzt. Außerdem wird man regelrecht süchtig nach diesen Veranstaltungen, um sein Gewissen zu beruhigen.

WANN & WO: Aber wie kann es sein, dass Menschen so etwas mit sich machen lassen?

Harald: In den meisten Fällen kommen die Menschen zu den freien Christen, wenn sie Probleme haben. Mit schwachen, labilen Personen haben sie leichtes Spiel. Sie sind ein gefundenes Fressen für solche Gemeinschaften. Aber ich muss auch sagen, dass es manchen durchaus eine Hilfe sein kann, um wieder auf den rechten Weg zu kommen. Viele suchen nach einem neuen Ziel und das wird ihnen mit dem christlichen Glauben gegeben.

WANN & WO: Was war euer Auslöser zum Austritt aus der Gemeinschaft?

Harald: Wir sind drauf gekommen, dass hier etwas falsch läuft. Es geht nur um Geld und den Erhalt der Gemeinde. Außerdem haben wir bemerkt, dass die Bibel sehr widersprüchlich ist. In den zehn Geboten steht, du sollst nicht töten. Trotzdem lassen sich Aufrufe zur Gewalt finden. Damit können wir uns einfach nicht identifizieren.

WANN & WO: Wie hat die freie Christengemeinde darauf reagiert?

Ingrid: Wir waren schockiert, wie abweisend und ablehnend die Mitglieder waren. Sie haben uns einfach links liegen gelassen. Die vermeintlichen Freundschaften beruhen alleine nur auf dem christlichen Glauben. Sie haben uns wie Sünder behandelt, das heißt, totaler Kontaktabbruch.

WANN & WO: Wie geht es euch heute damit?

Ingrid: Es geht mir nun viel, viel besser. Ich bin ein sehr sensibler Mensch. Daher war es anfangs sehr schwer, Distanz zu gewinnen. Die Angst in die Hölle zu kommen, bzw. ein Sünder zu sein, hat mich noch lange verfolgt. Mittlerweile ist aber alles von mir abgefallen. Ich kann offen darüber sprechen.

WANN & WO: Was sagt ihr nach euren Erfahrungen zu der staatlichen Anerkennung?

Harald: Der Staat erkennt doch alles als Glaubensgemeinschaft an, was Geld in die Kasse bringt. Außerdem haben sie die gesetzlichen Vorlagen erfüllt. Es passiert alles freiwillig, sie machen nichts Verbotenes in dem Sinn. Aber mein Rat an alle Mitglieder, die einen Ausweg suchen: Distanziert euch, hört auf in der Bibel zu lesen und denkt einmal gründlich über das Gehörte nach. (Wann & Wo)

Freikirchen – Österreich mit „weltweit einzigartiger“ Situation:
Zu den „Freikirchen in Österreich“ gehören in Vorarlberg fünf freikirchliche Gemeinden. Der Zusammenschluss von fünf christlichen Freikirchen in Österreich hat am 26. Juli 2013 die staatliche Anerkennung erhalten. Konkret bedeutet das, dass die „Freikirchen in Österreich“ somit die jüngste von insgesamt 16 staatlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften in Österreich sind. Und eine „weltweit einzigartige“ religionsrechtliche Situation geschaffen wurde.

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