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Ich, der Salon

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Ich liebe mich am meisten, wenn ich leer bin. Wenn niemand in mir drinn ist, keiner, auch nicht mein Saloneur, dessen Leibeigener ich bin, herumfummelt. Am erträglichsten ist es, wenn er am Klavier sitzt und spielt. Wenn mein Saloneur ein Buch sucht, nervt mich das, wenn er dazu auch noch die Aluleiter besteigt, um es dann ganz oben ausfindig zu machen, wenn er dann wackelig herunterklettert, vorsichtig, das gefundene Buch in der rechten Hand haltend, nervt das. In einer meiner weißen Wände ist ein Riss, wohl von der Holzkonstruktion oder von der Erschütterung wie z.B. dem Prestissimo der Beethoven f-moll Sonate.

Ich hätte gerne saubere Fenster, habe aber schmutzige, der Staub filtert meine Sicht auf die Außenwelt. Der schwarze Klavierkasten steht an der weißen Stirnwand, mittig, sein Pianino, Marke Ehrbar, mein Saloneur hat das Piano von der Oma Dora geerbt. Sie hat „Ciribiribin“ darauf gespielt und triliert. Wunderbar, so wie es heute noch Lucrezia Bori tut auf → youtube.

Auf dem Klavier liegen Noten in drei Schichten, ein zerschlissener roter Band “Stimmen der Meister”, Die Ecossaises blinzeln heraus und Alla turca. Liederbücher, Monty Python Songs mit dem grinsenden Cover. Surabaya Johnny. Ein Blatt „Ehre sei Gott und Lob sei …“. Dieses Blatt hat mein Saloneur vom Kirchenchor Peter & Paul aus Lustenau, den er zwei Jahre leitete, mitgenommen. Pfarrer Giselbrecht hat damals „ordiniert“, d.h. das Ordinarium missae Sonntag für Sonntag durchgezogen und für den Einsatz dezent zum Chor herauf genickt. Gut zwanzig Lustenauer Vierschröter und -innen hockten auf den Stühlen im Probelokal, ein tremolierender Sopran ist ihm noch heute im Ohr. So eine Vibratorin kann das Kyrie von Hasslers Missa secunda zusammenhauen! Wenn sie nicht gestorben ist, tremoliert sie noch immer. Als sein Salon ist es mir erlaubt, meinem Saloneur ins Hirn zu schauen. Einmal, sehe ich drin, soll bei der Probe ein Erdbeben gewesen sein, das Kreuz habe gewackelt. In den 70-ern habe er dem Kirchenchor ein Kärntner Volkslied beigebracht, obwohl das ja „weltlich“ war. O Wunder, die gepanzerten Weiber und hölzernen Männerschädel samt den Wundbrüdern haben es später sogar lieben gelernt und dabei die Augen verdreht:

„Wos kümman mi di Sternlan, wos kümmat mi da Mond, mi kümmat lei des Haisle, wo mei Diandle drin wohnt“. Mein Saloneur, noch jung an Jahren, hat später wegen so einem Diandle den Chor hingeschmissen. Da mussten die Gottlober einen neuen suchen. Chor weg, Diandle dann auch. „A grosses Gsprang hebt nid lang“, weiß der Volk. „Chiribiribie!“

Die Türe geht auf. Die Putzfrau ist da und beginnt mich zu saugen. Ist die Welt denn ein ewiges Saugen? Schad, dass mein Saloneur nicht da ist, der hätte sie hinauskomplimentiert. Übrigens ein sehr diplomatisches Wort, odr?

Ulrich Gabriel
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