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Van der Bellen eröffnete Bregenzer Festspiele mit Parteienschelte

Alexander Van der Bellen.
Alexander Van der Bellen. ©Stiplovsek
Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat bei der Eröffnung der 77. Bregenzer Festspiele am Mittwoch an die Parteien appelliert, um die besten Lösungen zu kämpfen - und den "Ablenkungskampf um Begrifflichkeiten und Deutungshoheiten" sowie den Populismus scharf kritisiert.
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Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) beschwor ebenso "Stärke durch Zusammenhalt statt Schwäche durch Spaltung". Und auch Festspielpräsident Hans-Peter Metzler plädierte für Aufgeschlossenheit.

Wie in den vergangenen Jahren sprach Van der Bellen in seiner Eröffnungsrede in Bregenz nur am Rande über Kunst. "Es ist wieder einmal Zeit, Dinge anzusprechen, die angesprochen werden sollen oder müssen", stellte er am Anfang seiner Ausführungen fest. "Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen, dass Sprache wieder zum Ausgrenzen verwendet wird. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass wieder von einem 'wir' und 'den anderen' gesprochen wird", unterstrich der Bundespräsident.

Innenpolitische Auseinandersetzungen

Damit spielte er - ohne Nennung der Parteien - nicht nur auf die innenpolitische Auseinandersetzungen zwischen den Regierungsparteien ÖVP und Grüne an (Stichwort: "normal denkende Menschen" vs. "präfaschistoid"), er nannte auch "das Volk", von der FPÖ für sich reklamiert, und "unsere Leute", zuletzt im Fokus auch der SPÖ.

"Wer sind 'unsere Leut'? Bin ich dabei? Sind uns 'die anderen' dann egal? Wer sagt, wer dazu gehört und wer nicht? Wer bestimmt, wer 'normal' ist und wer nicht?", fragte Van der Bellen. Es sei gefährlich, solche Begriffe so absolut zu verwenden, "denn sie werden sehr schnell gedankenlos wiedergegeben und tragen dann mehr und mehr zum Zerbrechen einer Gemeinschaft bei", so der Bundespräsident. Solche Zitate würden mittlerweile von verschiedenen Parteien verwendet, wähnte sich Van der Bellen in Österreich "manchmal wie im Hochwahlkampf".

Manche Politiker glaubten an den Populismus. "Aber Populismus ist nicht daran interessiert, Lösungen zu finden. Populismus will trennen, will ausgrenzen", sagte Van der Bellen. Populismus wolle, dass Probleme bleiben, weil das helfe, Emotionen und die Hoffnung zu schüren, Wahlen zu gewinnen. "Hören Sie auf mit dem Ablenkungskampf um Begrifflichkeiten und Deutungshoheiten. Kämpfen Sie lieber um die besten Lösungen", forderte der Bundespräsident alle in der Politik auf. Es gebe so viele Themen, die diskutiert und gelöst und vermittelt werden müssten, nannte er Bereiche wie Wohlstand, Klima, Umwelt, sozialen Zusammenhalt oder Bildung.

"Müssen auf die liberale Demokratie achten"

Ebenso betonte Van der Bellen den Wert der liberalen Demokratie. "Wir müssen auf die liberale Demokratie achten und in ihr die konstruktive Kritik und den konstruktiven Streit pflegen, sonst steuern wir auf eine Autokratie zu, in der es nur denen gut geht, die zum 'wir' gehören, und es denen schlecht geht, die zu 'den anderen' gehören", sagte das Staatsoberhaupt. Liberale Demokratie gehöre allen. Auch die positiven Aspekte der Migration und Integration für Österreich hob Van der Bellen hervor. "Lassen Sie uns ruhig streiten, aber mit Sachargumenten. Konstruktiv streiten. Bringen wir das Beste in uns und an Österreich zum Vorschein und nicht das Niedrigste", so der Bundespräsident.

Nehammer: "Es ist wichtig, dass man Normalität in Österreich benennen darf"

Das sagt Bundeskanzler Karl Nehammer zur Rede von Alexander Van der Bellen: "Der Bundespräsident und ich sind in regelmäßigem Austausch. Wir verstehen uns sehr gut. Er hat ein inhaltliches Thema aufgebracht. In diesem Fall bleibe ich dabei: Es ist wichtig, dass man Normalität in Österreich benennen darf. Ich habe schon einmal gesagt, dass ich hier schon nicht normal finde, dass man über Normalität überhaupt eine große Debatte führt."

©Rhomberg

"Ich finde es wichtig, dass man das zur Kenntnis nimmt, dass die Menschen einfach in ihrer Vielfalt, auch in der Politik, sich wiederfinden müssen. Unsere Aufgabe als politisch Verantwortliche, als Bundesregierung, mir als Bundeskanzler, ist es, Politik für die Vielen zu machen und die Wenigen nicht zu vergessen. Das Problem sind die Extremen wie die Rechtsextremen und die Linksextremen, die sozusagen dann da die Mitte verlassen. Wenn die Ausnahme plötzlich die Regel wird, dann fühlt sich die Mehrheit nicht mehr repräsentiert", so Nehammer.

"Wir sagen: Es ist okay, die Normalität zu beschreiben. Und es ist wichtig, dass wir Politik für die Vielen machen und dabei die Wenigen nicht vergessen. Es ist in Ordnung, wenn jemand sich dazu entschließt, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, aber einer, der mit dem Auto fahren muss, soll kein schlechtes Gewissen haben müssen. Und genauso ist es okay, wenn jemand sich dazu entschließt, vegan zu leben. Aber es muss auch okay sein, wenn andere gerne Schnitzel essen", so Bundeskanzler Karl Nehammer abschließend.

Weltoffenheit, Zuversicht, Mut und Freude

Weltoffenheit, Zuversicht, Mut und Freude bildeten zentrale Begriffe in der Rede von Kulturminister Werner Kogler (Grüne). Altes Denken werde bei vielen Fragen nicht weiterbringen, Populisten wollten gar keine Lösungen und hätten keine Antworten. Umso wichtiger sei es, "dass alle gesellschaftlichen Kräfte, die auf tatsächliche Lösungen und Verbesserungen aus sind, zusammenfinden", beschwor Kogler "Stärke durch Zusammenhalt statt Schwäche durch Spaltung". Das gelte besonders für die Verteidigung der Errungenschaften Europas und der liberalen Demokratien auf dem Kontinent, nannte er die europäische Einigung "eine zivilisatorische Höchstleistung". Und doch sei alles, was Europa und Österreich groß gemacht habe, nicht mehr selbstverständlich, da oder dort sogar gefährdet, wählte er ähnliche Worte wie Van der Bellen. "Wir sollten hingegen die riesigen Chancen für Europa nutzen, die es gerade wieder gibt", so Kogler an die Zuhörer: "Wir haben keine Zeit zu verlieren, aber eben Chancen zu gewinnen."

"Freude in schwierigen Zeiten nicht nehmen lassen"

Die Festspiele seien ein Herzstück der Region rund um den Bodensee. "Alle, die herkommen, sind davon beeindruckt, dass hier so viele Menschen über Grenzen hinweg miteinander verbunden sind und nachgeradezu im europäischen Geist zusammenarbeiten ", sagte der Vizekanzler. Angesichts etwa des Kriegs in der Ukraine, der höchsten Inflation seit Jahrzehnten oder der Erderhitzung wisse man nicht, was die Zukunft bringe. Allerdings könne man sie "leidenschaftlich gestalten", betonte Kogler. Hilfreich dabei sei es, Irritationen und Ängste anzusprechen, mutig zu entscheiden, Vielfalt zuzulassen oder auch Freude zu haben. "Die Freude dürfen wir uns gerade in schwierigen Zeiten nicht nehmen lassen", unterstrich Kogler. "Nicht zuletzt deswegen lieben wir die Kunst", sagte der Vizekanzler.

"Lassen Sie sich inspirieren!"

Festspielpräsident Hans-Peter Metzler griff einen Gedanken des Philosophen Hanno Sauer auf, wonach biologische und kulturelle Evolution "jeweils Sonderfälle eines allgemeinen Prinzips" seien. Evolution im Verständnis der Bregenzer Festspiele heiße, "dass wir sowohl neue Wege beschreiten, Vielversprechendes ausprobieren als auch auf Bewährtes zurückgreifen, auf Erfolgreiches setzen", sagte Metzler. Das Festival sei stolz auf seinen internationalen Ruf und insbesondere "auf die Neugier und Aufgeschlossenheit unserer Besucher". In Bezug auf die Stoffe in den heuer programmierten Inszenierungen stellte der Festspielpräsident fest, dass Kunst sehr wohl aufrütteln und herausfordern dürfe. "Lassen Sie sich inspirieren!", sagte er an das Publikum gerichtet.

70. Veranstaltungen auf dem Programm

Bis 20. August stehen am und auf dem Bodensee insgesamt über 70 Veranstaltungen auf dem Programm, für die rund 215.000 Karten aufgelegt wurden. Mindestens 90 Prozent der Tickets waren zu Festspielbeginn bereits gebucht. Den künstlerischen Auftakt des Festivals bildete am Mittwochabend die Premiere von Giuseppe Verdis "Ernani" als Oper im Festspielhaus. Die Wiederaufnahme von Giacomo Puccinis "Madame Butterfly" als Spiel auf dem See war für Donnerstagabend programmiert. Für die 26 Aufführungen von "Madame Butterfly" gelangten 185.000 Karten in den Verkauf. Mit den Opernwerken "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" sowie "Die Judith von Shimoda" stehen auch eine Österreichische Erstaufführung bzw. eine Uraufführung auf dem Programm.

Festspielempfang auf dem Vorplatz des Festspielhauses

Abseits der Reden bestach die live im TV übertragene Eröffnung durch die Darbietungen der Festspiel-Künstler, die auf höchstem Niveau in vielfältigen Auszügen das Festspielprogramm vermittelten. Moderator Nikolaus Habjan sorgte mit seinem Handpuppen-Ehepaar Robert und Grete wie in den vergangenen Jahren für beste Unterhaltung. "Seien's ruhig streng, das kommt gut an", sagte etwa Grete zum Bundespräsidenten vor dessen Rede. Nach dem Abschluss der Eröffnungszeremonie mit der Europahymne traf man sich - auch das ist Tradition in Bregenz - zum nun "Festspielempfang" genannten Volksempfang auf dem Vorplatz des Festspielhauses.

(APA)

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