Türkisches Vorarlberg: Integration bringt Konflikte

Politikwissenschaftler Hüseyin Cicek.
Politikwissenschaftler Hüseyin Cicek. ©Steurer/Cicek
Für Hüseyin Cicek sind Diskussionen ein Ausdruck erfolgreicher Teilhabe an der Gesellschaft.
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Von Mike Prock / VN

Viele Teile der türkischen Gesellschaft in Vorarlberg sind schon gut integriert und nehmen am Leben teil, sagt Politikwissenschaftler Hüseyin Cicek im VN-Interview. Integration bedeute allerdings nicht, in Harmonie zusammenzuleben; im Gegenteil.

Die VN stellen gerade türkische Kultur- und Moscheevereine in Vorarlberg vor. Welche Rolle spielen diese Vereine?

Cicek: Vereine spielen grundsätzlich in allen Einwanderungsgruppen eine wichtige Rolle. Sie sind ein Stück Heimat, man kann mit Gleichgesinnten aus dem Heimatland zusammenkommen. Türkische Vereine haben verschiedene gesellschaftliche und politische Aufgaben übernommen. Sie sind zudem das Sprachrohr gewisser Teile der türkischen Einwanderungsgesellschaft. Viele fühlen sich aber auch nicht vertreten oder sind nicht dabei. Wir sprechen also nicht von einer homogenen Gruppe.

Gibt es auch Vereine, in denen die Religion keine Rolle spielt?

Cicek: Es gibt einzelne kemalistische Vereine, türkisch linke oder kurdisch linke Vereinigungen, die nicht religiös, sondern politisch ideologisch ausgerichtet sind. Das hat in Vorarlberg in den letzten Jahren aber stark abgenommen. Seit den 80er-Jahren beobachten wir einen Vormarsch der Religionen. Nicht nur des Islams, sondern auch anderer Religionen. Evangelikale Gruppen sind auch sehr stark.

Welche Rolle spielen die Vereine im Integrationsprozess?

Cicek: Mitglieder der Vereine sitzen in verschiedenen Integrationsplattformen, sowohl in Gemeinden als auch auf Landesebene. Sie versuchen zwar, die Interessen ihres Vereins zu vertreten, aber auch zwischen Vereinsmitgliedern und Politikern der Mehrheitsgesellschaft zu vermitteln. Vertreter beider Seiten können entweder zum Brandbeschleuniger werden oder Konflikte eindämmen. Ein Thema, das zum Beispiel derzeit in der Community diskutiert wird, ist die doppelte Staatsbürgerschaft. Während Österreich bei Südtirolern kein Problem hat, wird in der türkischen Einwanderungsgesellschaft heftig debattiert, weshalb das nicht auch für sie gilt. Manche meinen, dass die Türken im Land nicht akzeptiert werden, egal was sie tun. Andere versuchen die Wogen zu glätten.

Warum sind die Debatten über Integration emotionaler geworden?

Cicek: Die Einwanderungsgesellschaft ist sichtbarer geworden, große Teile nehmen an der Gesellschaft teil. Der Dienstleistungssektor ist zum Beispiel sehr stark in der Hand von Einwanderungsgruppen. Das ist ein positiver Wandel, manche nennen ihn Vielfalt. Dadurch kommen Themen zur Sprache, die vor einigen Jahren nicht auf der
Tagesordnung standen.

Auseinandersetzungen sind also Teil eines positiven Wandels?

Cicek: Für manche bedeutet Integration immer noch, dass sich die Zuwanderer assimilieren. Für Teile der anderen Seite heißt das: Unabhängig davon, was wir machen, werden wir immer noch so angesehen, als wären wir nicht so weit mitzusprechen. Das stimmt natürlich nicht. Das Problem ist, dass man früher gemeint hat, Integration führe zu Harmonie. Aber das Gegenteil ist der Fall. Gelungene Integration führt dazu, dass man in Spannung zueinander steht, dass man gewisse Entwicklungen kontrovers diskutieren kann.

Es gibt immer wieder Versuche, türkische Parteien zu gründen. Zeigt das eine Parallelgesellschaft?

Cicek: Wenn die Parteien sich innerhalb der Verfassung und der Gesellschaftsordnung bewegen sowie die Interessen der in Österreich lebenden Menschen vertreten, sehe ich dies als Teil gelungener Integration. Wenn aber ein Verein oder eine Partei bei Vorfällen mit schwammigen Äußerungen daherkommt oder situationselastisch argumentiert, dann ist es ein Problem und man müsste genau hinschauen.

Wie wichtig ist die Sprache?

Cicek: Man hat sich in den letzten Jahren auf Sprache konzentriert, das ist ganz wichtig. Durch die Sprachförderung können viele an der Gesellschaft teilhaben, was wiederum nicht nur Harmonie hervorruft. Wenn man Leute zu Emanzipation erzieht, vertreten sie ihre Meinung. Diese Spannungen müssen ausgehalten werden. Man kann nicht antworten mit: Wem es nicht passt, soll gehen. Wir haben auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft mit extrem rechten Positionen zu kämpfen. Zu den Rechtsextremisten sagt man es auch nicht. Wie auch? Sie haben ja auch die österreichische Staatsbürgerschaft.

Wie soll die Politik mit extremen Positionen umgehen?

Cicek: Es gehört zumindest dazu, dass man wachsam ist und sich überlegt, mit wem man öffentlich auftritt und wen man in einen Integrationsbeirat einlädt. Dazu muss man sich in der Einwanderungsgesellschaft auskennen und die Sprache sprechen. Verantwortliche sollten sich nicht darauf beschränken, blauäugig Veranstaltungen abzuhalten, in denen Friede, Freude, Baklava herrscht.

Zur Person
Hüseyin I. Çiçek Politikwissenschaftler und Religionspolitologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa. Geboren 28.9.1978 in Erzincan (Türkei). Kam als Siebenjähriger mit seiner Familie nach Vorarlberg. Laufbahn Nach einer Maurerlehre absolvierte er die Studienberechtigungsprüfung und studierte in Innsbruck, New Orleans und Erlangen.
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