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"Schaut euch um und schaut euch um" oder "Mein Abschied vom Buchsbaum"

Vorarlberg wird auch 2013 nicht von der Buchsbaumzünsler-Plage verschont.
Vorarlberg wird auch 2013 nicht von der Buchsbaumzünsler-Plage verschont. ©VOL.AT/ Steurer (Themenbild)
Nachdem die gefräßigen Raupen bereits in den vergangenen Jahren großen Schaden bei Buchsbäumen in Vorarlberg angerichtet haben, sucht der Schäd­ling Vorarlbergs Gemeinden auch dieses Jahr heim. Ein Erfahrungsbericht von VOL.AT-Leserreporterin Iris Rami Rachilem*:
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“Nun ist, was ich letztes Jahr bereits befürchtet habe, doch geschehen: Alle unsere Buchsbaumbüsche, die kleinen wie die großen sind ausgerissen, gehäckselt, verbrannt…

Der letzte und größte Buchsbaum, er prangte jahrelang stolz vor unserem Haus, reckt nur noch sein bleiches blattleeres Astgerippe klagend in die Luft. Bald wird sich Efeu tröstend um ihn ranken…

Der Zünsler hat ganze Arbeit geleistet und sich dabei selbst seines Futters beraubt – eigentlich müsste es heißen: ‚beraupt’! Zu Tausenden hingen die gefräßigen Raupen an ihren Fäden wie Lametta in der benachbarten Thuja, manche kletterten an der Hauswand empor, andere wiederum machten sich bereits hungrig über die nebenstehende Berberitze her…

Das war nun eindeutig zu viel! Bereits vor zwei Jahren hatte ich mit Argusaugen meine Buchs-Büsche beobachtet, war aber gottlob nie fündig geworden. Der Zünsler, dieser asiatische Einwanderer, trieb sein Unwesen hauptsächlich im Oberland. So war es auch noch zu Beginn des letzten Jahres – als bereits jeder Gartenbesitzer den anderen mit den Worten begrüßte: ‚Hast Du ihn auch schon, den Zünsler? ‘

Nein, ich war verschont geblieben, fühlte mich auserkoren, sozusagen als Belohnung, weil mein naturwilder Garten resistent sei, gegen Schädlinge…. So glaubte ich. Meine Büsche schnitt ich wie jedes Jahr liebevoll zu Kugeln – freihändig versteht sich, mit der damals neuen, heute verrosteten Buchsbaumschere, vorvorletztes Jahr auf der Dornbirner Messe erstanden!

So widmete ich mich anderen Gartenpflanzen! Schließlich war Beerenzeit!

Und dann traf mich eines Tages beinahe der Schlag… Der Zünsler… Was heißt, der Zünsler? Eine ganze Zünsler-Invasion! Das übertraf die schlimmsten Befürchtungen! Bis dahin hatte ich mir ja noch gar keine genaue Vorstellung gemacht… der Zünsler, ein Schmetterling und ein paar lästige Raupen… aber DAS??? – Mein Lieblingsbuchsbusch, sah plötzlich kahl aus, einfach so über Nacht…

Na wartet… euch werd’ ich’s zeigen! Gift kommt bei mir nicht in Frage und im Garten schon gar nicht… also abspritzen, mit dem Hochdruck-Wasserstrahl, wie empfohlen. Doch – meine Güte – die Raupendinger waren vermutlich froh, bei der Sommerhitze so eine Erfrischung zu bekommen, jedenfalls war die Wirkung eher für die Katz, denn für den Buchs…

Ein Kinderlied ging mir im Kopf herum, „Schaut nicht um und schaut nicht um, es geht ein schlauer Fuchs herum….” Vielleicht, weil sich Fuchs auf Buchs reimt und umgekehrt, so machte ich mir meinen Reim daraus: „Schaut euch um, schaut euch gut um, der Zünsler kriecht im Buchs herum…”

Also Raupen sammeln. Neben mir stand nun also ein Kübel mit heißem Wasser und ich wühlte im Buchs herum… „schaut nicht um und schaut nicht um, ich bringe alle Raupen um…” und obwohl anfangs mit schlechtem Gewissen, steigerte sich meine Arbeit, je länger sie dauerte – und sie dauerte sehr lange – zu zunehmend tiefer Befriedigung…

Ich würde einigen Raupen ja gerne ein paar Buchsblätter gönnen, ich würde auch noch die abgefressenen Büsche, zähneknirschend zwar, in Kauf nehmen, aber was ich den Raupen nicht verzeihe, das ist, dass sie – pardon – in meine Buchsbüsche scheißen, und dass der Geruch der winzigen gelbgrünen Kotkügelchen, mit Verlaub, meine Nase sehr empfindlich stört. An sowas denkt man ja nicht, zumindest ich habe nicht an dieses Phänomen gedacht. OK, es ist eine Raupenplage, die kann man vielleicht eindämmen… aber dass ich bei dieser Arbeit im heißen Sonnenlicht auch noch mit meinen Schattenseiten konfrontiert wurde, brachte mich doch etwas aus dem Gleichgewicht.

Plötzlich entdeckte ich nämlich bei mir ganz niedrige Instinkte… ich mordete mit Lust… ich sah zu, wie die Raupen im heißen Wasser nach ein paar ‚Zuckungen’ leblos zu Boden sanken… ich stellte nach ein paar Stunden hämisch fest, dass die Raupen gar nicht schwimmen können, denn das Wasser war mittlerweile ausgekühlt… Ich begann zu zählen, an die 70 Stück hatte ich schon ertränkt und noch immer fand ich welche. Eigentlich wären sie ja recht hübsch, hell- und dunkelgrün schwarz gemustert mit einem schwarzen Köpfchen, sie sahen mich an – das fühlte ich – und ich hatte mich immer für friedliebend gehalten… das da war jedoch Krieg, Massenvernichtung inmitten meiner Gartenidylle!

Als ich nach Tagen, trotz hunderten meuchelgemordeten Raupen noch immer die gefräßigen Monster in meinen Buchs-Büschen entdeckte (die Kotkügelchen klebten mittlerweile beinahe an allen Ästen, dazwischen die weißen Gespinste mit bereits eingepuppten Raupen) ergab ich mich. Ich war schon ganz krumm vom stundenlangen Bücken und mein Karma war mit Sicherheit bereits im Eimer, will sagen auf niedrigster Stufe angelangt. Ich verließ den Kriegsschauplatz.

Eines Abends suchte – vom Regen vertrieben und vom Licht angezogen – eine ganze Invasion von Schmetterlingen bei uns auf der Terrasse Zuflucht. Alle weiß mit dunklem Rand, hübsch anzusehen und dennoch graute mir. Die Vorstellung, dass all diese Flatterlinge ihre Eier in den verbliebenen Buchsbäumen ablegen würden, ließ mich resignieren.

Den Winter über hoffte ich noch, dass die Eier vielleicht erfrieren könnten, oder dass ein rettendes, bienenfreundliches Mittel gegen die Raupen gefunden würde. Noch im Frühjahr gab ich die Hoffnung nicht auf. Es pfiffen die Spatzen von den Dächern… und sie huschten in die Büsche! Vielleicht, vielleicht so dachte ich, beginnen ihnen die Raupen zu schmecken und sie nehmen die Raupen in ihren Speiseplan auf…?

Und nun? Für meine Buchsbaumbüsche ist es zwar zu spät, doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Angeblich beginnen unsere Spatzen tatsächlich die Zünsler-Raupen als potentielles Futter zu akzeptieren… und an meinem Buchsgerippe habe ich kürzlich drei grüne Blättchen entdeckt! Wenn das kein Grund zur Freude ist!”

Weiter zum VOL.AT-Gartentipp: Herbert Geringer über den Buchsbaumzünsler und wie man ihm beikommt.

* Pseudonym

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