Günter Grabher: "Erfolg mit viel Freizeit ist Illusion"

Der Textil-Tüftler Günter Grabher wurde kürzlich mit dem KMU-Preis 2018 ausgezeichnet.
Der Textil-Tüftler Günter Grabher wurde kürzlich mit dem KMU-Preis 2018 ausgezeichnet. ©Andy Sillaber
Unternehmer und KMU-Preisträger Günter Grabher über Musik, Innovationen und wie er das All erobern will.
KMU-Preis für intelligente Textilien
KMU-Preis 2018 verliehen
KMU Preis 2018

WANN & WO: Wie sind Sie beim Stoff gelandet?

Günter Grabher: Ich bin da etwas vorbelastet. Mein Vater war „Nochluagar“, heute würde man sagen „Machine Operator“, hat dann aber in die Versicherungsbranche gewechselt. Dennoch sollte ich in Dornbirn in die Textilschule gehen. Als „ghöriga Luschnouar“ konnte ich diesen Rat fast nicht ausschlagen. Damals war ich nicht so glücklich damit, im Nachhinein muss ich aber dankbar für diese Entscheidung sein. Ich dachte eher an eine Lehre im handwerklichen Bereich. Als ich zehn Jahre alt war, hat mir mein Vater ein Fahrrad geschenkt und mir aufgetragen, selbst darauf zu schauen. Als ich es nicht herbrachte, die Kette zusammenzubauen, hat er sie mir wieder aus der Hand genommen und gesagt, er wisse nicht, was aus mir mal werden solle. Von diesem Tag an hat mich Technik aber sehr interessiert, weil ich mir das nie mehr nachsagen lassen wollte.

WANN & WO: Wie wichtig ist es gerade in der Textilbranche, sich stetig weiter zu entwickeln?

Günter Grabher: Besonders im klassischen Bereich ist es nicht einfacher geworden. Umso wichtiger ist Innovation – und das in Kooperation mit anderen Unternehmen. Bei Smart-Textiles ist der Stoff nur ein Teil des Ganzen. Mikroelektronik, Übertragungstechnologie und Datenauswertung sind auch wesentliche Bestandteile. Im Bereich Faserverbundwerkstoffe braucht man eine Vielfalt an weiteren unterschiedlichen Kompetenzen. Ich bin der Meinung, es soll jeder machen, was er perfekt kann. Dann kommt auch ein perfektes Endergebnis heraus. Wir haben branchenübergreifend viele hervorragende Firmen in Vorarl­berg, was Kooperationen extrem spannend macht.

WANN & WO: Kann man so auch international erfolgreich sein?

Günter Grabher: Was Smart-Textiles angeht, schaut die ganze Welt auf das Ländle. Bei unserem Smart-Textiles-Symposium vor ein paar Wochen in Dornbirn war auch Jim Holbery, der Chef von Forschung und Entwicklung bei Microsoft, dabei. In deren Headquarter in Seattle stehen zwei Stickmaschinen. Microsoft setzt stark auf intelligente Textilien und Sensoren für neue Applikationen.

WANN & WO: Muss heute alles „smart“ sein?

Günter Grabher: Nein, aber das Thema ist in den letzten drei Jahren stark aufgekommen. Unsere Plattform feiert heuer das zehnjährige Jubiläum! Fakt ist aber, dass das Textil an sich nicht smart ist. Mit Elektronik oder Datenauswertung wird es dann smart. In Sachen Sensorik sind so aber Dinge umsetzbar, die sonst nicht möglich wären. Hightech muss nicht smart, aber neue Materialien können beispielsweise sehr robust und gleichzeitig leicht sein.

WANN & WO: Wie bewerten Sie die globale Entwicklung der Textil­industrie?

Günter Grabher: Sie war schon immer eine Schwellenindustrie und dort, wo es am billigsten ist. In der Textilindustrie hat man die Globalisierung als Erster erleben dürfen. Mittlerweile sind China und sogar Bangladesch zu teuer. Der Tross zieht Richtung Äthiopien, wo es noch billiger ist. Darum sind wir bei uns gezwungen, innovativ zu sein. Die Kombination Technik und klassisches Handwerk spielt eine große Rolle.

WANN & WO: Worauf muss sich die Industrie zukünftig einstellen?

Günter Grabher: Die Digitalisierung wird viele Lebens- und Arbeitsbereiche verändern. Viele wissen nicht, wie sie damit umgeben sollen. Bei uns geht es darum, gewisse Dinge zu erleichtern und messbar zu machen. Wir arbeiten viel im Bereich der vorbeugenden Instandhaltung, um vorherzusagen, wann welcher Bauteil einer Maschine kaputt geht. Die Angst, dass Digitalisierung Arbeitsplätze kostet, trifft in gewissen Bereichen wohl zu. Ich denke aber, dass die Herstellung von Sensoren und anderen Komponenten für die Digitalisierung auch wieder Arbeitsplätze schafft. Ich sehe das also nicht als Jobkiller, sondern speziell im Ländle auch als große Chance.

WANN & WO: Wie nachhaltig ist die Branche?

Günter Grabher: Wir würden uns oft wünschen, dass nachhaltige Produkte besser angenommen werden, auch wenn sie etwas mehr kosten. Die Textilindustrie ist bei Mikroplastik der wohl größte Verschmutzer. Der Abrieb an Kunststoff in der Waschmaschine ist enorm und landet noch am gleichen Tag im Bodensee. So lange das Bewusstsein in der Bevölkerung nicht da ist, wird sich das nicht ändern.

WANN & WO: Wie begegnen Sie dem aktuellen Facharbeitermangel?

Günter Grabher: Wir probieren hier ein bisschen eine Gegeninitiative zu den Start-ups auf den Weg zu bringen, mit unseren „Silver Stars“. Wir versuchen, Leute in der Pension zu motivieren, mit uns etwas zu machen. Durch Pensionierung verlieren wir täglich mehr Know-how, als wir dazu bekommen.

WANN & WO: Wie sehen Sie das Thema Lehre und Asyl?

Günter Grabher: Wir setzen uns viel mit dem demografischen Wandel auseinander. Ich frage mich, wer in 15 bis 20 Jahren noch die Pensionen zahlen soll. Wir brauchen Zuwanderung und speziell Leute, die eine Lehre machen und arbeiten wollen. Wir sind ein Innovationsland, kein Industrieland. Innovation lebt von äußeren und kulturellen Einflüssen, die wir glücklicherweise von allen Seiten haben. Wenn wir da noch mehr bekommen können, dürfen wir froh sein.

WANN & WO: Wie war es, sich mit 25 Jahren selbständig zu machen?

Günter Grabher: Ich war in der Scherlerei Hagen beschäftigt, wo ich das Potenzial im Bereich Stickereiveredelung sah. So entstand die Idee, mich selbständig zu machen. Auf der Bank stieß ich damit nicht auf viel Gegenliebe, weil es im Textilbereich schon schwierige Zeiten waren. Ein bisschen Geld habe ich aber bekommen und eine Maschine gekauft.

WANN & WO: Wie waren die ersten Jahre als Unternehmer?

Günter Grabher: Die ersten fünf Jahre saß ich bestimmt 16 bis 18 Stunden täglich an der Maschine. Heute hört man im Bereich Start-up, es sei mit viel Freizeit und Urlaub verbunden. Das sind ja schöne Illusionen, aber wenn man Erfolg haben möchte, bedeutet das speziell am Anfang viel Einsatz und Arbeit.

WANN & WO: Warum scheitern so viele Start-ups?

Günter Grabher: Die Statistik ist ernüchternd. Wenn die anfängliche finanzielle Unterstützung ausläuft, bekommen viele Probleme. Der Druck von Anfang an ist wichtig für ein Unternehmen. Wenn man sich gleich drei Jahre Zeit lassen kann, ist das extrem gefährlich. Oft fehlen auch essentielle Dinge in den Businessplänen dieser Startups. Industrialisierung kostet zum Beispiel viel Geld und Zeit, man will ja auch irgendwann mal in möglichst großer Stückzahl etwas verkaufen. Auch in Sachen Vermarktung sind viele nicht gut aufgestellt. Eine Facebookseite ist meiner Meinung nach zu wenig. So wird man den Markt nicht erobern.

WANN & WO: Und Sie wollen bald das All erobern?

Günter Grabher: Wir haben ein Textil entwickelt, das in die Ariane-Rakete kommen soll, so Gott will. Dabei handelt es sich um ein Abschirmungstextil, das in der Spitze der Rakete eingesetzt werden soll.

WANN & WO: Würden Sie manche Dinge heute anders machen?

Günter Grabher: Ich wundere mich schon über die eine oder andere Risiko­bereitschaft, die ich hatte. Heute hätte ich wohl nicht mehr den Mut in diesem Ausmaß. Das gab dann schon so manche schlaflose Nacht.

WANN & WO: Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zum Job?

Günter Grabher: Ich darf bei den Altherren noch ein bisschen Eishockey mitspielen. Da kann ich mich voll auspowern und komme auch recht spät ins Bett, weil wir danach immer relativ großen Durst haben (schmunzelt). Musik ist mir auch sehr wichtig, eher in Richtung Stromgitarren. Ich bin großer Motörhead-Fan und habe Lemmy sicher 18 Mal live gesehen. In der Firma gibt es eine Gruppe, mit der wir auch auf das eine oder andere Festival gehen. Das sind Wochenenden, an denen man viel Kraft tanken kann. In ein paar Tagen fahren wir nach Erfurt zum Slayer-Konzert.

WANN & WO: Ihre Familie ist ja auch voll im Unternehmen eingebunden?

Günter Grabher: Meine Frau hat einen Sohn in die Ehe mitgebracht. Enrico ist am Freitag 40 geworden und hier bei V-Trion Geschäftsführer. Er ist aber auch viel in der Produktion unterwegs. Angelika macht alles was administrativ anfällt – für alle Firmen, was ein enormer Aufwand ist. Ihnen beiden habe ich schon zu verdanken, dass sie mir den Rücken freihalten. Andererseits reden wir halt sogar an Weihnachten unter dem Christbaum nur über das Geschäft.

WANN & WO: Was für spannende Dinge haben Sie in der Schublade?

Günter Grabher: Wir sind zum Beispiel schon längere Zeit an einer Herzklappe dran. Hier entwickeln wir mit Stickereitechnologie Sehnenfäden für ein neues Implantat. Dabei arbeiten wir mit Univ.Prof. DDr. Werner Mohl zusammen, der vor einigen Jahren als innovativster Herzchirurg ausgezeichnet wurde.

Zur Person

Name: Günter Grabher
Geboren: Oktober 1969
Beruf: Gründer/Geschäftsführer Grabher Group
Herkunft/Wohnort: Lustenau
Familie: Verheiratet mit Angelika, Stiefsohn Enrico

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