Gezielter Anschlag auf den 30-jährigen Ismail K. in Lustenau

Lustenau - Ein beispiellos brutales Schussattentat schockt Vorarlberg. Halb eins in der Nacht auf Donnerstag. Ein 1,80 Meter großer Mann, Baseballkappe, Lonsdale-Jacke, betritt die Avanti-Tankstelle in Lustenau.
Grafik: So lief die Schussattacke ab
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Normalbetrieb in betroffener Tankstelle
Zeugenaufruf des Landeskriminalamts
SPÖ ist besorgt

Die Szene ist zunächst unspektakulär, der Mann kauft nur ein Red-Bull. Die den VN vorliegenden Überwachungsvideos belegen deutlich, dass der Mann die Tankstelle ausgespäht hat. Auffallend schaut er in den Nebenraum, wo sich Ismail Kaya, das spätere Opfer, aufhält.

Kommando stürmt Tankstelle

15 Minuten später stürmt der Lonsdale-Mann gemeinsam mit einem Kommando von drei Vermummten in die Tankstelle. Ismail Kaya telefoniert gerade. Die Vermummten sind schwer bewaffnet, neben der Faustfeuerwaffe schwingen sie auch eine Eisenstange. Um 00.42 Uhr schießt ein maskierter Täter Ismail Kaya gezielt in die Brust, das Opfer bricht zusammen. Die Überwachungskamera hält die unfassbaren Szenen schonungslos fest. Der Tankstellenpächter und ein Angestellter, die sich zum Tatzeitpunkt im Nebenraum aufhalten, müssen hilflos zusehen. Der zweifache Familienvater Ismail Kaya, 30, liegt lebensgefährlich verletzt am Boden. Die Kugel traf ihn unterhalb des Kehlkopfes in die Brust, auch die Speiseröhre wurde verletzt.

Schussopfer: Bitte warten!

Bis das Schussopfer einer Notoperation unterzogen werden konnte, dauerte es ungewöhnlich lange. Zwei Stunden musste der lebensgefährlich verletzte Mann im Notarztwagen vor der Tankstelle ausharren – kein Spital hatte Platz! Nach VN-Informationen gestaltete sich die Situation für die junge Notärztin folgendermaßen: Das nächstgelegene Krankenhaus Dornbirn verfüge über keinen Schockraum. Das LKH Bregenz hätte zwar einen Schockraum, aber keinen Spezialisten für die Thoraxverletzung. Und in Feldkirch hatte kein OP-Team Zeit, St. Gallen wollte das Opfer dem Vernehmen nach erst gar nicht. Schließlich wurde der schwerverletzte Ismail Kaya ins 50 Kilometer entfernte Friedrichshafen – und später von dort gar nach Ulm gebracht.

Opfer liegt in Ulm

Die VN konfrontierten Klinik-Direktor Gerald Fleisch mit der Odyssee des schwerverletzten Schussopfers. Der Transport nach Friedrichshafen sei die Entscheidung der handelnden Ärzte vor Ort gewesen, die über das Netzwerksystem die idealste Versorgungsmöglichkeit gesucht hätten, so Fleisch. Interne Untersuchungen des Krankenhaus-Chefs haben ergeben: In Feldkirch gab es zu diesem Zeitpunkt zwei weitere Notfälle, die Intensivbetten seien laut Fleisch voll gewesen – während in Friedrichshafen zu diesem Zeitpunkt sowohl der OP als auch Intensivkapazitäten frei waren. „Das hat alles seine Richtigkeit gehabt“, sagt Fleisch den VN. Weil weitere Spezialisten zugezogen werden mussten, sei dann der Verletzte zwei Stunden nach dem Eintreffen in Friedrichshafen nach Ulm weitertransportiert worden. Am Donnerstagvormittag, knapp zehn Stunden nach der brutalen Schussattacke, veröffentlicht die Kriminalpolizei Fahndungsfotos. Wenig später gehen Hinweise ein, dass einer der Täter – jener ohne Maskierung – sich kurz vor der Bluttat in der Avanti-Tankstelle an der Hofsteigstraße in Hard aufgehalten haben könnte. Videoaufzeichnungen bestätigen die Vermutung. „Wir wissen, dass der Mann am Mittwoch von 22 bis 24 Uhr in dieser Tankstelle war und an Glücksspielautomaten spielte“, sagt Stefan Schlosser vom Landeskriminalamt auf VN-Anfrage.

Motiv unklar

Die Kriminalpolizei ermittelte gestern intensiv im Umfeld des Opfers, um einen Rückschluss auf ein mögliches Motiv zu erhalten. Die Hintergründe blieben jedoch unklar. Einen Überfall schließen die Ermittler aus. „Die Männer haben keinerlei Handlungen in Richtung Raub gesetzt. Wir gehen von einem gezielten Schussdelikt aus“, so Schlosser. Die grenzüberschreitende Fahndung nach den Tätern blieb vorerst erfolglos.

Rechtsextremes Motiv nicht ausgeschlossen

Lonsdale ist ein englischer Bekleidungshersteller. Im deutschsprachigen Raum wird die Marke von Neonazis getragen, weil der Name die Buchstabenkombination „NSDA“ enthält – die als Anspielung auf die NSDAP verstanden werden kann. Die Firma selbst distanziert sich von Rechtsextremen.

(Von Gerold Riedmann, Jörg Stadler, Klaus Hämmerle und Andreas Dünser)hofsteigstraße, lustenau, vorarlberg, austria

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