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Gefährlicher Waffennarr vom Schwarzwald hinterlässt wirres Manifest

Auch Theodore Kaczynski lebte in einer Hütte im Wald
Auch Theodore Kaczynski lebte in einer Hütte im Wald ©DPA-APA-Twitter-Offizielles Fahndungsfoto der Polizei
Sein Werk mit viel Gesellschafts-Kritik ähnelt dem Manifest des berühmten Unabombers Theodore Kaczynski. Ein Profiler glaubt: Das Manifest des immer noch Flüchtigen könnte von einer Netflix-Serie inspiriert sein.
Polizei sucht gefährlichen Waffennarr
Großfahndung im Schwarzwald
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Ein bewaffneter Mann hat am Sonntag in Oppenau im Schwarzwald Polizisten bedroht und ihnen die Waffen abgenommen. Anschließend flüchtete der 31-jährige Deutsche in einen Wald und wird seither mit einem Großaufgebot gesucht - auch drei Tage später noch.

Den Ermittlungen zufolge geriet er schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt - unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. 2010 war er zu einer Jugendstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden. Er hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Pforzheim im Jahr zuvor mit einer Sportarmbrust auf eine Frau geschossen und diese schwer verletzt.

"Große Affinität zu Waffen"

Nach den Worten von Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer hat der gesuchte Mann aus Oppenau im Schwarzwald eine "große Affinität zu Waffen". Der Oberstaatsanwalt bezeichnete den 31-Jährigen als "Waffennarr". Er sei in der Schwarzwald-Gemeinde bekannt und erscheine als etwas "seltsame Person". Er sehe sich als "Waldläufer", der gut allein in der Natur zurechtkomme. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich der Gesuchte noch in der Region Oppenau aufhält. "Er lebt im Wald, er fühlt sich hier sicher", sagte Polizeipräsident Reinhard Renter. "Der Wald ist schlicht sein Wohnzimmer."

Im Herbst habe er seine Wohnung in Oppenau verloren und sei seitdem ohne festen Wohnsitz. Einen Beruf habe er gelernt, sei aber zuletzt arbeitslos gewesen. In der Gartenhütte habe er sich ohne Erlaubnis häuslich eingerichtet - daher habe der Besitzer die Polizei gerufen.

Der fieberhaft von der Polizei Gesuchte ist nach Angaben der Ermittler ein Waffennarr, hat aber wohl keinen rechtsradikalen Hintergrund. Das sagte Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer am Dienstag und fügte hinzu: "Wir wissen nicht, was den Schuldigen bewogen hat, so zu handeln."

Wirres Manifest hinterlassen

Wie die deutsche "Bild"-Zeitung nun enthüllte, hat der gefährliche Waffennarr vom Schwarzwald - in den Boulevard-Medien auch "Wald-Rambo" genannt - vor seiner Flucht ein Manifest hinterlassen.

Das Manifest des Wald-Rambos

Die "Bild"-Zeitung hat das Manifest des Flüchtigen von einem Profiler analysieren lassen. Seine wichtigste Erkenntnis: Das Manifest des 31-jährigen Deutschen ähnelt dem Manifest eines der berühmtesten Kriminellen Amerikas frappant:

"Es ähnelt dem Manifest des Unabombers Theodore Kaczynski sehr und ist dem zu ähnlich, als dass das ein Zufall sein könnte. Ich bin sicher, dass dieser Fall oder die Netflix-Serie ihm bekannt war und ihn inspirierte. Stil, Inhalt und Zeichensetzung sind gerade in den ersten Sätzen fast identisch. Auch Theodore Kaczynski lebte in einer Hütte im Wald", analysiert der Profiler gegenüber der Zeitung.

So wie der Unabomber beklagt auch sein möglicher Fan gesellschaftliche Zustände in seinem Manifest: So schreibt der Deutsche beispielsweise, dass die Technik die Menschheit versklaven würde und dass die Menschen in armen Ländern ausgebeutet würden. Laut dem Profiling existiert aber ein großer Unterschied zwischen den beiden Manifesten: Im Gegensatz zu jenem des Unabombers enthält das Werk des deutschen Waffennarren keine Drohungen.

Als "Unabomber" schickte der amerikanische Mathematik-Professor Kaczynski 16 Briefbomben an amerikanische Unis und Fluglinien. Drei Menschen kamen dabei ums Leben, 23 wurden zum Teil schwer verletzt.

Das ist der Unabomber

- DER UNA-BOMBER THEODORE JOHN KACZYNSKI führte in den USA 17 Jahre lang Krieg gegen die Technologie. Bei seinen 16 Anschlägen starben drei Menschen, mehr als 20 wurden verletzt. Im Mai 1998 wurde der damals 55-jährige ehemalige Mathematikprofessor von einem Gericht in Sacramento zu viermal lebenslanger Haft verurteilt. Als "Una-Bomber" wurde er bezeichnet, weil sich seine ersten Anschläge gegen Universitäten und Fluggesellschaften (universities and airlines) richteten. Gefasst wurde Kaczynski schließlich über seinen Bruder David. Als er 1995 die Veröffentlichung eines Manifests erreichte, erkannte David in den Zeitungen die Hetze seines Bruders gegen Technologie. Das FBI verhaftete Theodore im April 1996.

Vor Gericht wehrte sich Kaczynski gegen der Versuch der Pflichtverteidiger, ihn als geisteskrank einstufen zu lassen. Reue über seine Taten zeigte er nicht. Er unternahm mehrere Selbstmordversuche. Mit einem Geständnis vermied er die Todesstrafe. Die Kaczynski-Familie entschuldigte sich vor der Öffentlichkeit. Der "Una-Bomber" hatte wie ein Einsiedler gelebt. Im US-Staat Montana lebte er in einer Hütte ohne Strom oder fließendes Wasser. Dort baute er seine Bomben. Einige davon schickte er per Post, andere legte er eigenhändig. Zu seinen Zielen gehörten Computerwissenschafter, Lobbyisten, Genetiker.

Jugendfreunde erzählten, dass er mit 13 Jahren kleine Sprengkörper basteln konnte. Er übersprang zwei Klassen der Highschool, um mit 16 Jahren auf der Elite-Universität Harvard aufgenommen zu werden. Zur Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg 1967 wurde er Professor der Mathematik in Berkeley (Kalifornien). Zwei Jahre später kündigte er, ohne Gründe zu nennen.

In den vergangenen Jahren haben Einzelgänger aufgrund ihrer Gesinnung immer wieder blutige Feldzüge verübt. Opfer wurden häufig unschuldige Menschen wie zuletzt bei dem Anschlag in Oslo und dem Massaker gegen Jugendliche auf der norwegischen Insel Utöya.

Einzelgänger mit politischem Hintergrund führten blutige Feldzüge

DER BRIEF- und ROHRBOMBENATTENTÄTER FRANZ FUCHS verübte in Oberwart im Burgenland im Februar 1995 einen Rohrbomben-Anschlag, bei dem vier Bewohner einer Roma-Siedlung getötet wurden. Am 10. März 1999 wurde Fuchs von einem Geschworenensenat im Grazer Landesgericht wegen mehrerer Briefbomben- und Rohrbombenattentate zu lebenslanger Haft verurteilt. Der sechswöchige Prozess hatte vor allem wegen der gebrüllten Hasstiraden und rechtsextremen Parolen des Angeklagten, der schließlich von der Verhandlung ausgeschlossen wurde, Aufsehen erregt.

Das Landesgericht Graz erkannte den Vermessungstechniker aus dem dem südsteirischen Gralla für schuldig, in den Jahren 1993 bis 1997 unter dem Namen der sogenannten Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA) Anschläge in Oberwart mit vier Toten, ferner in Stinatz und Klagenfurt begangen zu haben, sowie der Urheber einer Briefbomben-Serie gewesen zu sein. Unter jenen, die Briefbomben erhielten und teilweise verletzt wurden, waren der Hartberger Pfarrer August Janisch, der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, die ORF-Redakteurin Silvana Meixner und die Flüchtlingshelferin Maria Loley. Der Klagenfurter Polizeibeamte Theodor Kelz verlor durch eine Rohrbombe beide Unterarme.

Am 28. Februar 2000 erhängte sich der Urheber der Bombenserie in Österreich in der Justizanstalt Graz-Karlau mit Hilfe eines Kabels.

- DER OKLAHOMA-ATTENTÄTER TIMOTHY McVEIGH verübte im April 1995 einen Anschlag auf ein Behördengebäude in Oklahoma City, bei dem insgesamt 168 Menschen getötet wurden, darunter 19 Kinder. Dabei waren vor mehr als zwei Jahren 168 Menschen getötet und über 600 verletzt worden. Er wurde im Juni 1997 zum Tode verurteilt und nach mehrmaliger Verschiebung der Hinrichtung im Juni 2001 im US-Staat Indiana mit einer Giftspritze getötet.

McVeigh hatte am 19. April 1995 mehr als drei Tonnen Sprengstoff in einen Mietwagen geladen und vor dem Bundesgebäude in Oklahoma abgestellt. In Briefen und Interviews hatte der Golfkriegsveteran seine Tat als Vergeltung für die Polizeiaktion von Waco im Jahr 1993 gerechtfertigt. Beim Sturm der US-Bundespolizei auf das Anwesen des Sektenführers David Koresh in Texas waren damals rund 80 Menschen getötet worden, darunter 22 Kinder. Er habe der US-Regierung eine Lektion erteilen wollen, schrieb McVeigh an seine Heimatzeitung "Buffalo News". Als Abschiedsbotschaft hinterließ er das Gedicht "Invictus", mit dem er sich für unbesiegt erklärte.

(APA)

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