1. November 2012 11:28; Akt.: 1.11.2012 11:41

“Es könnte weitere Bauernopfer geben”

LR Siegi Stemer räumt ein, Fehler gemacht zu haben. LR Siegi Stemer räumt ein, Fehler gemacht zu haben. - © VOL.AT/Paulitsch
Dornbirn – Schwarzgeld-Affäre zieht weitere Kreise: Landesrat Siegi Stemer geht mit Geschäftsführer Martin Schäffl hart ins Gericht. Ein Interview der NEUE Vorarlberger Tageszeitung.

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(Interview: NEUE/Walser, Schlingensiepen)

Wann haben Sie denn wirklich von der Existenz der Schwargeldkassa beim Sportservice erfahren?

Siegi Stemer: Mir war nicht mehr bewusst, dass Martin Schäffl den Begriff Handkassa verwendet hat. Da hat mich die Erinnerung im Stich gelassen. Der Begriff ist am Rande eines einstündigen Gesprächs gefallen.

Nur am Rande?

Stemer: Eigentlich haben wir uns über die Zukunft des Sportservice unterhalten: Wie kann es trotz der Differenzen zwischen allen Beteiligten weitergehen? Ich war in den vergangenen Wochen aber nicht nur mit dem Sportservice beschäftigt. Ich hatte mich um das Landesbudget zu kümmern, wir hatten Budgetklausur im Kleinwalsertal. Am 13. Oktober ist mein Vater gestorben.

Was sagt Landeshauptmann Markus Wallner?

STemer: Wir haben miteinander gesprochen und sind uns einig, dass die Optik nicht sehr gut ist. Ich habe einen Fehler gemacht. Das tut mir leid.

Wenn der Begriff Schwarzgeldkassa fällt, sollten doch alle Alarm­glocken schrillen?

Stemer: Das ist richtig. Es war aber, wie gesagt, ein sehr langes Gespräch zu einem ganz anderen Thema. Aus der Gesprächsaufzeichnung geht aber auch hervor, dass ich gesagt habe, dass man sofort den Landeshauptmann unterrichten solle, wenn es diese Kassa gibt. Die Antwort meines Gesprächspartners Martin Schäffl war die, dass er dies nicht vorhabe. Die Begründung: Er würde wegen seiner Sorgfaltspflicht als Geschäftsführer unter Druck kommen.

Es gibt ein Tonbandprotokoll des Gesprächs. Das ist doch hoffentlich nicht die Regel, dass Mitarbeiter Gespräche mit dem zuständigen Landesrat heimlich aufzeichnen?

Stemer: Das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Ein Tonband mitlaufen zu lassen, ohne den Gesprächs­teilnehmer vorher zu informieren, ist für mich ein klarer Vertrauensbruch. Ich sehe dies als ein bewusstes Hineinlegen des Chefs. Ich bin enttäuscht, da ich davon ausgegangen war, dass es sich um ein vertrauliches Gespräch handelt. Es fiel mehrfach der Satz “Ich vertraue dir”.

Wie können Sie sich erklären, dass diese Aufnahme in der Öffentlichkeit auftaucht?

Stemer: Für mich ist ganz klar Martin Schäffl derjenige, der den Gesprächsinhalt nach außen getragen hat. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass mit keiner Silbe erwähnt wird, dass möglicherweise auch ein Martin Schäffl seine Pflichten nicht erfüllt hat.

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass Schäffl bereits seit langer Zeit Kenntnis von der Kassa hatte.

Stemer: Welche Hinweise meinen Sie?

Es gibt wohl einen Brief an den Landeshauptmann, den verschiedene Mitarbeiter des Landessportzentrums unterzeichnet haben. Aus diesem soll unter anderem hervorgehen, dass Martin Schäffl seit längerem Kenntnis über das Abrechnungssystem hatte.

Stemer: Es ist so, dass die Kassa im Landessportzentrum in der Höchster Straße aufbewahrt wurde. Mehrere Personen hatten Zugriff.

Ist es richtig, dass eine Mitarbeiterin des Sportservice bereits im November 2011 die Anweisung von Schäffl erhalten hatte, keine Aufzeichnungen über die Ein- und Ausgaben besagter Kassa zu führen?

Stemer: Dazu möchte ich mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern. Ich gehe davon aus, dass der eine oder andere Mitarbeiter etwas zur Aufklärung beitragen kann. Möglicherweise wird es nicht nur ein Bauernopfer geben.

Weiteren Erklärungsbedarf dürfte Schäffl haben, was die Onlinebuchung der Feldtests seit Jahresbeginn betrifft.

Stemer: Wieso?

Aus der Kassa wurden alle externen Helfer bezahlt, auch die Leistungen, die bei Online-Aufträgen erbracht wurden. Das muss einem Geschäftsführer oder dem zuständigen Kontrollorgan doch auffallen.

Stemer: Das sollte zumindest dem Geschäftsführer auffallen, der Zahlungseingänge und -ausgänge überwachen sollte. Der Aufsichtsrat tagt vierteljährlich, stellt einen Soll-Ist-Vergleich an und vertraut auf die Berichte des Geschäftsführers. Falsche Buchungen sind in diesen Sitzungen nur feststellbar, wenn es um größere Beträge geht.

Es dürften 200 bis 350 Stunden schwarz ausbezahlt worden sein. Kann einem Geschäftsführer so etwas entgehen?

Stemer: Ich bin der Meinung, dass ihm so etwas nicht entgehen dürfte. Aber noch einmal: Zu mir sagte er, dass er von dieser Art der Abrechnung weder Kenntnis hatte, noch eine solche geduldet hätte.

Bei der ganzen Sache geht es ja nicht nur um die Handkassa, sondern vor allem um Streitigkeiten innerhalb des Sportservice – konkret zwischen Martin Keßler und Martin Schäffl?

Stemer: Es gibt offenbar zwei Lager. Ich weiß, dass Martin Keßler ein sehr emotionaler Mensch ist, der sehr direkt ist und immer voranprescht. Regeln, Gesetze, Paragrafen sind nicht seine Welt. Das ist sein Naturell. Mir wird ein Naheverhältnis zu Keßler nachgesagt. Ich kann nur vermuten, dass alles, was er getan hat, in guter Absicht erfolgt ist. Er war bei allen Dingen mit Feuer und Flamme dabei, ist ein starker Motivator. Sicher hat er dabei auch das eine oder andere Mal über das Ziel hinausgeschossen.

Was ist bei der Zusammenarbeit Ihrer Mitarbeiter falsch gelaufen?

Stemer: Im Jahr 2009/10 hat das noch gut funktioniert. Wir sind zu viert zusammengesessen. Martin Keßler, Martin Schäffl und Günter Kraft, der Leiter des Sportreferates und waren uns bezüglich des Sportkonzepts einig. Ich habe nicht mitbekommen, dass die Zusammenarbeit zwischen Keßler und Schäffl nicht gutgehen kann. Da ist eine starke, dynamische Person auf einen eher ruhigeren und zurückhaltenden Menschen getroffen. Zwei Jahre ist es gutgegangen, am Ende ist die Situation eskaliert. Im Nachhinein hätte ich vielleicht einiges anderes machen sollen. Da ist man dann immer gescheiter.

Es soll den Entwurf einer Presseaussendung gegeben haben, in dem auch die Rede davon war, dass Martin Schäffl zurücktritt?

Stemer: Dazu möchte ich nicht Stellung nehmen. Es gab aber Gespräche mit Martin Keßler. Der hat entschieden, dass er seine Kündigung einreicht. Er wolle der Weiterentwicklung des Sportservice nicht im Wege stehen und Schaden abwenden. Und es gab Gespräche mit Martin Schäffl.

Sollten sich Ihrer Meinung nach die Verantwortlichen auch von Martin Schäffl trennen?

Stemer: Es gibt jedenfalls Stimmen, die sagen, dass Schäffl und Keßler gleichzeitig suspendiert hätten werden müssen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Welche Konsequenzen wird die Schwarzgeld-Affäre haben?

Stemer: Zunächst müssen die Erhebungen abgeschlossen werden, dann werden die Ergebnisse beurteilt. Erst dann kann man darüber befinden, wer Verantwortung hat und welche Konsequenzen gezogen werden müssen.

(Interview: Emanuel Walser und Sonja Schlingensiepen)



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