Ein starker Start für ein steiles Stück

Von VN/Christa Dietrich-Rudas
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Start mit Wetterglück: Die Premiere am See konnte gestern Abend stattfinden. Start mit Wetterglück: Die Premiere am See konnte gestern Abend stattfinden. - © VN/Paulitsch
„André Chénier“ begeistert wieder: Seebühnenpremiere gestern Abend geglückt.

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Das Premierenpublikum, das am Mittwochabend nach der Uraufführung der Oper „Solaris“ von Detlev Glanert so heftig applaudierte, hat wohl auch die Wolken von Bregenz weggeklatscht. Am Donnertagabend jedenfalls füllte sich die riesige Büste des Revolutionsführers Marat wieder mit Leben, die Premiere der Wiederaufnahme der Oper „André Chénier“ von Umberto Giordano konnte am See stattfinden. Die Bregenzer Festspiele erreichen mit dem nicht bei jedermann bekannten Werk in einer anspruchsvollen Inszenierung so viele Menschen wie kein anderes Musiktheaterunternehmen.

Überzeugung bestätigt

Und nach der Erstaufführung im Vorjahr hat sich auch die Risikobereitschaft des Intendanten David Pountney bestätigt. Seiner Überzeugung, dass das 1896 uraufgeführte Stück bestens für die Seebühne geeignet ist, haben sich die Kritiker im In- und Ausland angeschlossen. Und wo immer man jemanden traf, der die Aufführung gesehen hatte, hörte man begeisterte Kommentare.

Sehr gute Besetzung

Die Freilufttauglichkeit der wuchtigen Musik hat sich unter Ulf Schirmer am Pult der Wiener Symphoniker, mit denen er eine stabile Grundlage für die Sänger bildete, gestern erneut bestätigt.

Ein paar Effekte und die von David Blake geschaffene Musik für den Bruch zwischen Ancien Régime und Revolutionsregierung braucht es nur zur Ergänzung, ansonsten ist Umberto Giordanos Komposition aus einem Guss und durchaus jenes Element, das hier alles zusammenhält. Sofern auch die Sängerbesetzung stimmt. Hector Sandoval (Chénier), der bereits im letzten Jahr überzeugte, meisterte die schwierige Partie auch gestern absolut höhensicher. Tatiana Serjan (Maddalena), die man in Bregenz von früheren Produktionen kennt, bringt enorme Energie ein. Voluminös und entsprechend timbriert kommt die Stimme zur Tribüne. Gemeinsam mit Sandoval sorgt sie für Gänsehaut.

Kraftvoll dramatisch tritt John Lundgren als Carlo Gérard auf, und mit Rosalind Plowright steht eine Persönlichkeit mit enormer Kraft auf der Bühne, die gleich mehrere Rollen zu bewältigen hat. Eine dynamische Krysty Swann (Bersi) bestätigt den Eindruck, dass das Casting für die Seebühnenproduktion wieder mit großer Sorgfalt und Kenntnis vonstatten ging.

Ein Glücksfall ist es, wenn ein Bühnenbild und Inszenierungsabläufe entwickelt werden können, die diese musikalische Kompaktheit ergänzen.

Ein weiteres Dream-Team

David Fielding, der das Jacques-Louis-David-Gemälde des ermordeten Revolutionsführers Marat riesenhaft vergrößert und ins Dreidimensionale übertragen hat, und Keith Warner, der auch für ein mehr oder weniger vertikales Podium genügend Ideen einbringt, haben sich nach David Pountney und Stefanos Lazaridis („Nabucco“) oder Antony McDonald und Richard Jones („Ein Maskenball“) als ein Dream-Team für das Musiktheater auf dem See erwiesen.

Worin liegt nun das Besondere an dieser Umsetzung? Nachdem Ort und Zeit der Handlung von „André Chénier“ exakt festgeschrieben sind, ist eine Aktualisierung, wie sie etwa Puccinis „Tosca“, deren Story ebenfalls exakt datiert ist, inzwischen durchaus verlangt, nicht oder nur schwer möglich. Diesem Umstand begegnet das Team, zu dem auch die Kostümbildnerin Constance Hoffmann zählt, mit großer Genauigkeit. Trotz der engmaschigen Randbedingungen strotzt die Aufführung vor Ideenreichtum. (Und ist im zweiten Jahr in den Chorszenen noch etwas dichter.)

Folgerichtig

Dichter Chénier, den es bekanntermaßen wirklich gab und für den der Zusatz „ou la mort“ galt, nachdem er erkannte, dass es unter der Schreckensherrschaft mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ nicht weit her war, erhält ein großes Buch als Auftrittspodium. Erinnerungen spielen sich darauf in filigraner Scherenschnittoptik ab. Die Buchstaben, die „Liberté“ ergeben, erscheinen wie ein Gefängnis. Gemeinsam mit seiner Geliebten Maddalena kippt er sie weg, um einen kurzen Moment der echten Freiheit und des Glücks zu genießen. Der Schauplatz des zirzensischen Luftballetts, an dem sich die Vertreter des Ancien Régime ergötzen, wird zur Stätte des Grauens. Ein Spitzel Robes­pierres seilt sich folgerichtig aus dem riesigen Auge der Skulptur ab und Chéniers Todesurteil wird im Inneren dieses großen, zurückklappbaren Kopfes gefällt. Er ist mit Büchern gefüllt. Versöhnliche Schriften haben den Dichter zu Fall gebracht, Literatur ist es aber auch, die eine Gegenwelt schaffen kann. Nicht nur, wenn – wie hier – Idealisten zu Fanatikern werden. Bezüge zu zeitnahen Revolutionen stellt der Besucher im Kopf her.

Große Wirkung

„André Chénier“ ist letztlich auch ein Stück Musiktheater, in dem menschliche Konflikte und große Emotionen zum Ausdruck kommen. Eingebettet in die Landschaft am Bodensee wurde damit ein Gesamtkunstwerk von großer Wirkung geformt. Ein starker Start für ein steiles Stück.

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