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Zeitzeugin Helga Pollak-Kinsky liest aus ihrem Theresienstädter Tagebuch

Herausgeberin Hannelore Brenner und Zeitzeugin Helga Kinsky-Pollak im Gespräch über eine Zeit, die nie vergessen werden darf.
Herausgeberin Hannelore Brenner und Zeitzeugin Helga Kinsky-Pollak im Gespräch über eine Zeit, die nie vergessen werden darf. ©Bandi Koeck
Bludenz. (BK) Bei der letzten Veranstaltung der Reihe "Diskurs Direkt - die letzten Zeugen des Holocausts" kamen wieder unzählige Interessierte in die Remise. Helga Pollak-Kinsky las aus ihrem Theresienstädter Tagebuch 1943 - 1944.
Lesung über Kindhheit in Theresienstadt

Gemeinsam mit Herausgeberin Hannelore Brenner, welche sich seit Jahren mit dem “Zimmer Nr. 28” und dem Leben der charismatischen Zeitzeugin beschäftigt, las Helga Pollak-Kinsky ihre sowohl auch die Memoiren ihres Vaters Otto Pollak.

Die am 28. Mai 1930 in Wien geborene Pollak erzählte eingangs über ihre Kindheit im 15. Bezirk, wo ihr Vater ein großes Musikcafé betrieb. “Ich verbrachte eine behütete Kindheit. Politik wurde von mir fern gehalten.” Die schreckliche Wende begann bereits vor dem Anschluss, als zwei Bomben auf das Café der Familie geworfen wurden. “Ich habe über dem Fenster, wo darunter die Bombe gezündet wurde, geschlafen.” 1938 ließen sich die Eltern scheiden. Pollak erzählte über ihre Erinnerungen an die Abdankung von Schuschnigg und dass Nazis, die im Haus wohnten, ihr beim Einmarsch erlaubten, aus ihrem Fenster zu schauen. “Sie drückten uns zwei Hitlerflaggen in die Hand und ich hab sie auch gewedelt.” Kurz darauf durfte sie die Schule nicht mehr besuchen und ging zu ihrer Tante nach Brünn/Tschechien. Ihre Mutter floh 1939 per Dienstbotenvisum nach England. Sie selbst hätte auf einem Kindertransport nachkommen sollen, doch daraus wurde nichts. Pollak sah die Mutter acht Jahre lang nicht mehr. Zusammen mit Vater Otto kam sie im Herbst 1941 nach Kiov. “Ein SA-Mann holte meinen Vater aus einem Transport. Er war als Kaffeehausbesitzer populär und hatte offensichtlich auch Freunde bei der SA” so die Zeitzeugin.

Am Tag vor der Deportation schenkte der Vater seiner Tochter ein Tagebuch. Er selbst hatte auch ein Kalendertagebuch dabei. Der erste Eintrag von beiden findet kurz vor der Deportation am 18. 1. 1943 statt. Otto Pollak notiert sogar das Gewicht von sich und der Tochter: 72 und 50 kg. Am 26. 1. 43 kommen sie nach Theresienstadt – Helga hat 39 Grad Fieber und zieht ins Mädchenheim im Gebäude der ehemaligen Kommandantur. “Theresienstadt ist ein Ort der Angst, des Hungers und des Schreckens für Männer, Frauen und Kinder” schrieb sie damals in ihr Tagebuch. Im Konzentrationslager befinden sich 1943 5.000 Kinder und 140.000 Häftlinge im Durchgangslager – 33.000 Menschen sterben. Ihre Mutter fehlt ihr sehr. Sie gab ihr Foto ins Tagebuch und stellte sich vor, dass sie das, was sie schreibt, ihr erzählen würde.

“Im Heim geht es nicht sehr freundschaftlich zu. Wir tun so, als wären wir gerade gekommen. Die Kinder tragen blau-weiße Kleidung, die Farben des Zionismus” lautet ein Tagebucheintrag vom 2. April 1943. Am 5. Juli 43 werden sechs ihrer besten Freundinnen abtransportiert. 5000 Menschen befinden sich in der sog. “Schleuse”. “Der Abschied war sehr schwer.” Helga plagen schreckliche Albträume. Den jüdischen Menschen wird gesagt, dass sie ins “tschechische Familienlager” nach Auschwitz-Birkenau kommen würden. Auschwitz-Birkenau ist ein reines Vernichtungslager. “Vielleicht werden wir einmal erkennen, dass wir unnütz Blut vergießen mit diesem Krieg.”

29. 10. 44: Vater und Tochter müssen sich verabschieden. Helga wird nach Auschwitz abtransportiert, ihr Vater bleibt als Invalide zurück in Theresienstadt. 5. 1. 45: Ihre Mutter schrieb einen Rotkreuzbrief an den Vater, der verzweifelt ist und Gewissensbisse hat, da er nicht mit der Tochter nach Auschwitz ging. Als Helga Pollak-Kinsky nach Auschwitz kam, folgte kein Gepäck und sie fragte sich, wie die alten Leute aus den hohen Viehwagons kommen würden, aber viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. “Rechts bedeutete das Leben und links der Tod.” 1.500 auf ihrem Transport wurden sofort in die Gaskammern geschickt, 200 Frauen und darunter auch Helga Pollak kamen nach zweitägigem Aufenthalt in Auschwitz ins Arbeitslager nach Sachsen. “Uns wurden allen die Haare geschoren, die Kleidung getauscht und wir wurden von einer SS-Frau im Laufschritt gejagt. Die Pritschen hatten keine Matratzen und wir bekamen nichts zu essen, wurden ständig gezählt und mussten stundenlang Appell in der Kälte stehen. Geduscht wurden wir mit kalten Wasser ohne Handtücher. Die neue Kleidung passte nicht: Es gab keine Unterwäsche und die Schuhe waren viel zu klein.” Gegen Kriegsende waren alle Schienen mit Gefangenen oder Munitionstransporten belegt und unsere Aufseherin war eigentlich froh, wenn sie uns los war und nicht so nahe an der russischen Grenze war. So gingen wir zu Fuß zurück nach Theresienstadt. Das Wiedersehen mit meiner Freundin und meinem Vater war unvergesslich, aber ihc musste sofort in Quarantäne.” Für Helga sei es zwar Freiheit gewesen aber Chaos, denn jeder hätte jemanden gesucht und das Kriegsende sei nicht das gewesen, was man sich erhofft habe. “Dass ich wieder ein normaler Mensch sein kann ist ein Gefühl, das kannst du dir nicht vorstellen” sagte sie vor dem Bludenzer Publikum. “Ohne schrecklich hungern zu müssen und ein eigenes Bett mit Matratze zu haben.”

Das Buch „Mein Theresienstädter Tagebuch 1943 – 1944“ kann unter der ISBN 978-3-00-043804-2 bezogen werden. Es beinhaltet auch Kinderzeichnungen von Theresienstadt.

 

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