Zeitzeugin Ágnes Heller spricht in Remise über das Böse

Weltbekannte Philosophin, Shoah-Überlebende und überzeugende Zionistin: Die 80-jährige Ágnes Heller.
Weltbekannte Philosophin, Shoah-Überlebende und überzeugende Zionistin: Die 80-jährige Ágnes Heller. ©Bandi R. Koeck
Bludenz. (BK) Sie gilt als eine der renommiertesten Philosophinnen weltweit: Die 80-jährige Ágnes Heller, Holocaust-Überlebende aus Ungarn, referierte zum Thema „Die Erscheinungen des Bösen“.
Ágnes Heller live in Bludenz

Am Vormittag hielt sie die Eröffnungsrede zur Ausstellung „Darüber sprechen“ von erinnern.at am Bundesgymnasium Bludenz und sprach zu den interessierten Schülern – am Abend machte sie einen einstündigen Vortrag zur Erscheinung des Bösen in der voll versammelten Remise. Heller zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Vertreterinnen ihres Faches. Sie erlebte als Kind jüdischer Eltern den nationalsozialistischen Terror in Ungarn sowie die politische Unterdrückung während des Sozialismus. Zusammen mit ihrem Gatten Ferenc Fehér emigrierte sie nach Melbourne in Australien, wo sie eine Professur annahm. Große Bekanntheit erhielt Heller als Nachfolgerin von Hannah Arendt an der New School for Social Research in New York.

„Ich glaube, dass man den Holocaust nicht verstehen kann“ so die rüstige 80-jährige. Antisemitismus war laut ihren Ausführungen ein Bedürfnis, wofür es allerdings keinen zureichenden Grund für den Holocaust gegeben hat. So hielt es sich laut Heller auch mit der totalitären Gesellschaft, die eine Vorbedingung lieferte oder auch die moderne Technik: „Ohne Züge und Gaskammern, und ohne Aufklärung, hätte dieser organisierte Massenmord anders ausgesehen.“ Der Holocaust sei kein geschichtliches, sondern vielmehr ein mythologisches Ereignis, das es nicht zu verstehen gäbe, da es bis in die Gegenwart reichen würde. „Den Holocaust kann man nicht erörtern, denn er steht über jedem Verständnis“ sagte sie im Stehen – mit kräftiger Stimme.

Sie zitierte Kant, Arendt und auch Adorno, der sagte, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich wäre. „Es gibt wahrhaftig nichts, das mehr aussagt, als Auschwitz selbst“ so Heller. Sie sei immer dazu bereit, ein Denkmal für den unbekannten Menschen zu errichten. Im Anschluss an den Vortrag beantwortete die Philosophin noch dutzende Fragen aus dem Publikum. Auffallend viele wurden ihr von den jugendlichen Schülern gestellt. Eine war, ob sie ihren Peinigern vergeben könne. Heller: „Wenn sich jemand persönlich bei mir für das Leid entschuldigt, dann kann ich vergeben. Jedoch kann ich nicht für meine Eltern und Geschwister vergeben.“ Eine andere Frage stellte ein türkischer Schüler, der damit wohl provozieren wollte: „Was halten Sie von einer Demokratie wie Israel, die palästinensische Menschen und Babys tötet.“ Die Frage passte zwar überhaupt nicht zum Thema, aber Heller gab sofort eine Antwort: „Die Palästinenser sind die Feinde Israels, die Bomben aus Gaza auf Israel schießen. Dort herrscht Krieg.“ Das Fazit des Abends könnte lauten: „Alle haben Vorurteile, doch die Möglichkeit, diese zu überprüfen ist schon da.“

 

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