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Zeitwechsel

©Darko Todorovic
Lech-Zug. Was ist das? Haben wir nicht gelernt, dass die Zeit ohne Wechsel in stetem Tick-Tack vergeht? Ist es der Wechsel der Dinge, der uns Zeit erleben lässt?

Wer aus dem geschäftigen Tal hinauf fährt nach Zug am Arlberg und in der Dämmerung nur wenige Schritte aus der Ortschaft hinausgeht, bekommt eine Vorstellung, was Stille Nacht heißen kann: Nur eigener Atem und Puls sind zu hören, Reglosigkeit ringsum. Folgt darauf eine helle Zeit?

Zurück im Ort, im Haus „Rote Wand“: Bilder der Ortsgeschichte. Skifahrer in stürmischer Schussfahrt, gleißende Schneefelder. Daneben Ansichten der Siedlung, gerade mal zwei Menschenleben her. Die zeigen einen Wechsel, den dramatisch zu nennen kaum hinreicht. Lebensumstände, wie ausgewechselt. Ausgewechselt: die Zeit?

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1_1 ©Ein Haus mit zwei Seiten Die gestrickte Konstruktion des alten Schulhauses wurde – wo möglich – freigelegt; eine innere Schale sichert den energetischen Standard. Foto: Darko Todorovic

Was hat sich in dieser Zeitspanne alles getan! Aus der Walsersiedlung, ein halbes Jahrtausend von knapp einem Dutzend Familien autark belebt, ist ein angesehener Touristenort geworden. Und doch: Im Unterschied zu so vielen ähnlichen Orten im Alpenraum, die gänzlich auf den Kopf gestellt wurden, steht hier noch viel auf eigenen Füßen. Drei Bauernfamilien betreiben Landwirtschaft und unschwer ist im neuen Dorf das alte Ortsbild zu erkennen: Die meisten Häuser aus dem frühen Bild mit der Kirche in der Mitte stehen noch. Bemerkenswert: Sie werden nicht von Bauten der neuen Zeit erdrückt, weil man sich bei der Erweiterung der Ortschaft an das Maß der Alten gehalten hat.

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2_1 ©Bei diesem Empfang braucht man sich um den Appetit nicht sorgen. Moderne Technik, wie ausgeklügelte Beleuchtung und Kühltechnik bestärken, was der Raum verspricht. Foto: Darko Todorovic

Eines der alten Bilder zeigt drei Handvoll Kinder, wie Orgelpfeifen aufgestellt, Geschlecht und Alter gemischt: die Klasse der örtlichen Dorfschule vor dem Schulhaus neben der Kirche: Unterrichtsräume, Sennerei und Lehrerwohnung unter einem Dach, errichtet vor 250 Jahren, zu Zeiten, als man im Ländle noch um den Sinn von Schule stritt. Wurde hier Zukunft schon zu dieser Zeit anders buchstabiert?

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2_2 ©Eine Kunst, die sich nicht verstecken muss: Im Obergeschoß kann der Gast auf Schritt und Tritt verfolgen, wie entsteht, was er sich dann auf der Zunge zergehen lässt. Foto: Darko Todorovic

Mit der Übersiedlung des Schulbetriebs Mitte der 1960er-Jahre ins benachbarte Lech wurde es ruhig ums Schulhaus – auf die Dauer zu ruhig, fand der Nachbar Joschi Walch. Der Vater hatte Ende der 1950er-Jahre aus dem Bauernhof ein Gasthaus gemacht und mit dem Pferdeschlitten Gäste bis aus Lech eingesammelt; dreißig Jahre später folgte ein Hotel, das hohe Gäste gesehen hat – schließlich bot der Ort am Ende des Weges mit Blick auf die Rote Wand Bergluft vom Feinsten. 130 Betten hat der Betrieb heute und der Weitblick der Wirtsleute zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie der Art des Ortes gerecht wurden – verteilt sich das Hotel doch auf mehrere freistehende Gebäude. „Gäste kommen im Winter wie im Sommer. In jedem Haus im Dorf brennt Licht, im Sommer haben wir Kühe auf den Weiden, im Winter die Lichter der Pisten. Wir sind ein ursprünglicher Ort, ohne Bausünden“, führt der Hausherr aus.

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2_3 ©Dinge des Alltags verhandeln, dazu ein Mahl zwischendurch, am Boden bleiben: die Jausen-Stube im Erdgeschoß. Foto: Darko Todorovic

Es war nur eine Frage der Zeit, das alte Schulhaus neu zu beleben. „Es sollte wieder zugänglich werden, positiv zum Dorfleben beitragen, ein Ort werden, der von den Leuten hier und den Fremden besucht wird.“ Mit der Gemeinde machte man Pläne, das Haus bleibt in ihrem Besitz, der Wirt finanziert den Umbau und betreibt das Haus mit Baurechtsvertrag über 50 Jahre. Entsprechend das Zusammenspiel der Nutzung: Im Erdgeschoß eine Jausenstube für jedermann, im Obergeschoß ein Gastraum für Gourmets.

»“Zum Dorfleben beitragen, einen Ort schaffen für die Leute von hier und die Fremden.” (Joschi Walch, Bauherr)«

Es ist das alte Schulhaus geblieben – in Lage, Abmessung und Material. Doch nicht nur das: Die historische Konstruktion wurde von späterem Beiwerk befreit – der Strickbau ist wieder sichtbar wie zu Beginn. Wo nötig, ersetzen neue Konstruktionen hinfällige Bauteile – die Verschalungen der Riegelwände aus aufgearbeitetem Altholz, die Kastenfenster entsprechend Beispielen aus Museumsbauten, ein neues Innentäfer aus Altholz. Wo heutige Standards es verlangen, wurde neu gebaut – der Erdgeschoßboden wurde tiefergelegt, die Außenwand erhielt eine neue innere Doppelschale, die einerseits dämmt und andererseits die Geschoßdecke und das Dach trägt. Auf Schritt und Tritt: Zusammenspiel der Zeiten. Und wo neue Nutzungen es erforderlich machen, kommt nur Bestes auf der Höhe der Zeit infrage – etwa bei Beleuchtung oder Küchentechnik. Dasselbe beim Möbel: Bäuerlich robust am Tag, mondän gepolstert am Abend.

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2_4 ©Der Herd bildet den Oikos, das Zentrum des Hauses. Die Gäste versammeln sich darum, geborgen von der behaglichen Hülle des neu eingefügten Holztäfers. Foto: Darko Todorovic

Präzis benennt der Wirt das Motto des Hauses: Die Ressourcen der Talschaft nutzen – die Milchprodukte, die Kräuter, das Bergwasser, vor allem: das Wissen und Können der Leute. Doch auch hier ein Wechselspiel: „Regionalität nicht nach Schema, sondern innovativ: bodenständig und Haute Cuisine. Neugierig, experimentell: Das ist unser Obergeschoß, mit neuartigen Menüs und einer Genussschule, wo mit Gästen gekocht oder Neues probiert wird.“ Hier sitzt man an einem langen Tisch um die offene Küche herum: Kochen und Essen als Ereignis.

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2_61 ©Wohlüberlegt: Der Hausherr erklärt den Zusammenhang zwischen Erhaltung des alten Hauses, neuer Ergänzung, Gastronomie und kreativem Regionalismus. Foto: Darko Todorovic

Zusammenspiel – das heißt nicht nur, dass hier zusammenkommt, was anderswo fein säuberlich auseinandergehalten wird: das Früher und das Heute, die alte Zeit und die modernen Zeiten. Zusammenspiel, das heißt auch Spiel, etwa Schauspiel, Freude an der Verwandlung. Und ob nun dieses alte Täfer tatsächlich von hier ist; ob jenes moderne Gericht nicht doch in der Tradition wurzelt – was tut das unter solchen Umständen zur Sache? Was zählt, ist der Auftritt. Von neuem beginnen, die Rollen wechseln, und doch dabei bleiben – immer neu und immer gleich: Zeitwechsel.

Daten und Fakten

Objekt: Altes Schualhus (Gastgewerbe) Lech-Zug
Eigentümer/ Bauherr: Rote Wand Hotelbetriebs GmbH (Joschi Walch)
Architektur: Dietrich | Untertrifaller Architekten, www.dietrich.untertrifaller.com
Projektleitung: Susanne Gaudl
Statik: Statik Beton: Mader-Flatz, Bregenz; Statik Holz: mkp, Dornbirn
Fachplaner: Bauphysik: B. Weithas, Lauterach; Elektroplanung: D. Brugger, Thüringen Haustechnik: Klimaplan, Hohenems
Planung: Juni 2014 – Juli 2015
Ausführung: April 2015 – Juli 2015
Grundstücksgröße: 108 m²
Nutzfläche: 110 m² (36 Sitzplätze)
Bauweise: Rohbau/Konstruktion: Holzbau; Außenwände: Holzbau gestrickt und Holzständerwände; Dach: Holzbaukonstruktion mit Schindeln; Decken und Innenwände: Holzbaukonstruktion mit Holztäfer aus Altholz; Kastenfenster aus Altholz; Türen aus Altholz; Bodenbeläge: Eiche; Sonnenschutz: Holz-Fensterläden
Ausführung: Baumeister Beton: i+R Bau, Lauterach; Baumeister Holzbau: OA.SYS, Alberschwende; Innenausbau, Türen und Fenster: Lorünser, Vandans; Stühle Erdgeschoß: Markus Faißt, Hittisau; Holzböden: Walch, Lech; Heizung-Sanitär: Bömag, Schruns; Lüftung: Ender, Altach; Elektro: egd, Dornbirn; Beleuchtung: Halotech, Innsbruck
Energiekennwert: 36 kWh/m² im Jahr (Heizwärmebedarf)

Für den Inhalt verantwortlich:
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