AA

„Wir sind doch die Zukunft?“

©Wann & Wo
Die Pandemie erschwert vielen den Alltag – und manchen raubt sie die Zukunft. Studentin Corinna (22) klagte W&W ihr Leid.

von Anja Förtsch/Wann & Wo

Das Ende ihres Studiums und den Start ins Berufsleben hatte sich Corinna Lohs aus Altach etwas anders vorgestellt: Einige Stunden an ihrer Bachelor-Arbeit schnitzen, dann eine Pause an der frischen Luft machen, eine Freundin zum Kaffee treffen, weiterarbeiten und sich abends regelmäßig mit ihren Kommilitonen über die Abschlussarbeit austauschen, neue Impulse und Hilfe erhalten. Im Anschluss daran einen Job in der Jugendarbeit bekommen, wo sie sich während des Studiums schon ehrenamtlich engagiert hat. So der Traum der 22-Jährigen.

Doch die Realität sieht in Pandemie-Zeiten leider anders aus: „Ich sitze den ganzen Tag nur vor dem Laptop und über den Büchern und kann niemanden treffen, um mich auszutauschen“, klagt Corinna im Gespräch mit WANN & WO. Doch noch viel banger ums Herz wird ihr, wenn sie an die Zukunft denkt: „Aufgrund der Corona-Pandemie hat die Politik viele Finanzierungen in der Jugendarbeit gestrichen. Das bedeutet, dass es in der näheren Zukunft auch kaum freie Stellen geben wird. Ich werde also schauen müssen, dass ich erst einmal woanders unterkomme und später mal in die Jugendarbeit wechseln kann.“

Jeder Zweite ist auffällig

Ein positiver Ausblick in die Zukunft ist das nicht. Und so geht es gerade vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Österreich. Denn genau wie Corinna werden viele der Generation von Zukunftsängsten und Perspektivlosigkeit geplagt. Das ergab kürzlich eine viel beachtete Studie der Uni Krems mit dem österreichischen Bundesverband für Psychotherapie. Demnach zeigt bereits mehr als die Hälfte der jungen Menschen depressive Symptome. Für Corinna aus Altach ein durchaus realistisches Bild – sowohl im Hinblick auf sich selbst, als auch auf ihre Generation. Denn schließlich war sie erst kürzlich für ein Praktikum in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, kennt also die Stimmung aus allernächster Nähe. „Die Pandemie wirkt wie ein Vergrößerungsglas für Probleme, die ohnehin schon da sind. Das hab ich an den Jugendlichen im Praktikum beobachten können“, schildert sie. „Gleichzeitig fehlt der Ausgleich. Man kann sich nicht ablenken, es fehlt so vieles. Doch das Schwere bleibt.“ Dabei geht es ihr selbst nicht anders: „Ich mache mir Sorgen über meine Zukunft und habe Angst um meinen 95-jährigen Opa. Zudem wohne ich mit meiner Familie in einer kleinen Wohnung. Wir können uns kaum aus dem Weg gehen, sodass es öfter kracht.“ Auch die jüngsten Lockerungen sind für sie kein Lichtblick. „Einerseits bekomme ich so etwas Hoffnung auf ein bisschen mehr Normalität.“ Andererseits habe sie aber Angst, dass viele die Bedrohung nicht mehr ernst nehmen und die Zahlen steigen. „Und wir damit nur im nächsten Lockdown landen.“ Statt Öffnungen wünscht sie sich eher eine Vision für die Zukunft ihrer Generation. „Man hat den Eindruck, dass es den Entscheidungsträgern immer nur um die Wirtschaft geht. Aber wir sind doch die zukünftigen Wirtschaftenden.“

Expertenbericht

Das sind die Erfahrungen aus der Vorarlberger Jugendarbeit

Generelle Belastungen:

Die Jugendarbeiter nehmen bereits Auswirkungen auf die Jugendlichen in ihrer Betreuungsarbeit wahr. Michaela Moosmann vom Verein Amazone etwa berichtet gegenüber W&W von

  • Mangel an Freizeitangeboten
  • Mangel an niedrigschwellig
  • erreichbaren, außerfamiliären Ansprechpartnern bei Problemen
  • Schul- und Lernprobleme
  • Zukunftsängsten
  • Ängsten um Eltern, Großeltern und andere Angehörige
  • familiären Konflikten durch beengte Wohnverhältnisse und
  • wachsenden psychischen Problemen

Spezielle Belastungen von Mädchen:

Mädchen und junge Frauen erfahren darüber hinaus laut Michaela Moosmann vom Verein Amazone noch weitere Belastungen. „Von ihnen wird aufgrund des vermehrten Daheimseins und der zunehmenden Belastungen der Eltern häufig die Übernahme von mehr Haushaltspflichten oder der Betreuung jüngerer Geschwister verlangt“, sagt Moosmann. „Junge Frauen, die selbst bereits Mutter sind, klagen dazu über große existentielle Sorgen. Frauen, die in systemerhaltenden Berufen wie Pflege oder Einzelhandel arbeiten, über extreme Belastungen.“

Appell an die Politik:

„Wir sind besorgt auch um die langfristigen Auswirkungen, wenn normales entwicklungspsychologisches Verhalten mit Zwang unterdrückt wird“, sagt Moosmann. „Die extreme Dominanz des Covid-Themas in allen Lebensbereichen und der gleichzeitige Mangel an Alternativen und Ausgleich verändert Bewusstseins- und Denksysteme von Mädchen und jungen Frauen.“

Ängste und Sorgen? An diesen Stellen gibt es Hilfe

Jugendliche, die durch die Corona-Pandemie Sorgen und Nöte erfahren, können sich an verschiedene Stellen wenden. Ansprechpartner für alle ist etwa der Rat auf Draht, online unter rataufdraht.at oder telefonisch unter der Notrufnummer 147. Der Verein Amazone in Bregenz setzt sich gezielt für die Anliegen von Mädchen ein und berät ebenfalls kostenlos und unter Schweigepflicht. Kontakt gibt es per Mail an beratung@amazone.or.at oder telefonisch unter 05574 45801 (Mittwoch, Freitag und Samstag, 15 bis 17 Uhr).

Studie: Doppelt so viele Jugendliche wie Erwachsene depressiv

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Maßnahmen beeinträchtigen erheblich die psychische Gesundheit der gesamten Bevölkerung und besonders auch der Kinder und Jugendlichen. So kommt eine Studie der Uni Krems und des Bundesverbands für Psychotherapie zu dem Ergebnis, dass ein Viertel der Österreicher an depressiven Verstimmungen leidet. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen trifft das sogar auf die Hälfte zu – doppelt so viele.

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

Wann_Und_Wo
home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Wann & Wo
  • „Wir sind doch die Zukunft?“
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen