Willkommen auf der Insel

"Es war ein sehr schönes Wachsen, wie das in einem Garten auch ist." (Bettina Gräfin Bernadotte, Bauherrin)
"Es war ein sehr schönes Wachsen, wie das in einem Garten auch ist." (Bettina Gräfin Bernadotte, Bauherrin) ©Darko Todorovic
Der berühmte „erste Eindruck“ prägt die folgenden: sei es von Menschen, Häusern, Städten – oder eben: der Insel Mainau. Gut, wenn dieser entscheidende Moment räumlich verstanden und von Bauherrschaft, Planenden und Bauenden gekonnt gestaltet wird.
Comturey Insel Mainau

Wer sich – wie es sich für eine Insel eigentlich gehört – per Schiff vom See her nähert, sieht schon von Weitem aus dem üppigen Grün die roten Mauerblenden des spätbarocken Schlosses leuchten, Herz der Insel und bis heute Wohnstatt der gräflichen Familie Bernadotte. Kurz darauf löst sich steinern hinter Mammutbäumen ein alter Festungsturm vom Hintergrund: die Comturey, benannt nach den Komturen, den ritterlichen Verwaltern während der 500-jährigen Niederlassung des Deutschen Ordens auf der Mainau. Im Mittelalter bewohnten sie den Turm, im Keller des massiven Bauwerks wurde der eine oder andere gute Tropfen Most und Wein gekeltert. Das Schiff wendet Richtung Hafeneinfahrt, eine neue Ansicht tut sich auf. Wo die Anreisenden bislang eine eher unübersichtliche Gemengelage aus Mauern, Sonnendächern und Terrassenbauten sahen, ist nun visuelle Ruhe eingekehrt. Freundlich tönt eine Stimme zur Begrüßung aus den Hafenlautsprechern, ebenso freundlich grüßt die Architektur der neuen Comturey: ein unaufdringliches, einladendes „Willkommen!“ aus Landschaft und Gebäude.

Landschaft. Das Haus folgt der Hanglinie des östlichen Inselufers. Gärten, Essenz der Mainau, nehmen seine Dachflächen ein. Das Gebäude konkurriert nicht mit der Landschaft, sondern bringt sie neu zur Geltung, zum Beispiel die 200 Jahre alten Mammutbäume an der Hafeneinfahrt. Foto: Darko Todorovic
Landschaft. Das Haus folgt der Hanglinie des östlichen Inselufers. Gärten, Essenz der Mainau, nehmen seine Dachflächen ein. Das Gebäude konkurriert nicht mit der Landschaft, sondern bringt sie neu zur Geltung, zum Beispiel die 200 Jahre alten Mammutbäume an der Hafeneinfahrt. Foto: Darko Todorovic ©Landschaft. Das Haus folgt der Hanglinie des östlichen Inselufers. Gärten, Essenz der Mainau, nehmen seine Dachflächen ein. Das Gebäude konkurriert nicht mit der Landschaft, sondern bringt sie neu zur Geltung, zum Beispiel die 200 Jahre alten Mammutbäume an der Hafeneinfahrt. Foto: Darko Todorovic

„35 Prozent kommen mit dem Schiff vom See hierher“, erklärt Bettina Gräfin Bernadotte, wie viel ihr an der gelungenen Geste des Gebäudes liegt, „unsere Gäste sollen hier eine ruhige und schöne Situation vorfinden.“ Im Wettbewerbsverfahren zum Projekt fand sie diese Haltung im Vorschlag des Bregenzer Architekten Matthias Hein am deutlichsten verwirklicht: „Der Entwurf hat eine Aussage, die ganz klar ist.“ Als Geschäftsführerin des Unternehmens Mainau geht es Gräfin Bettina dabei nicht einfach um eine modisch-reduzierte Formensprache, sondern um die Schärfung und passende Kommunikation des Angebots. Das sind im Wesentlichen Natur und Landschaft der Insel, die entspannen und erholen sollen. Bei einem Andrang von manchmal über 10.000 Gästen am Tag ist da Architektur gefordert, die in sich ruht, die klare Wege und Plätze formt, die attraktive Blicke bietet, die aber auch die komplexen betrieblichen Abläufe im Hintergrund sinnvoll organisiert und behaust.

Regionale Rohstoffe werden nicht nur für den Bau, sondern auch in der Küche bevorzugt. Blick in den Selbstbedienungsbereich, im Hintergrund ein kleiner Shop mit Produkten von der Insel. Foto: Darko Todorovic
Regionale Rohstoffe werden nicht nur für den Bau, sondern auch in der Küche bevorzugt. Blick in den Selbstbedienungsbereich, im Hintergrund ein kleiner Shop mit Produkten von der Insel. Foto: Darko Todorovic ©Regionale Rohstoffe werden nicht nur für den Bau, sondern auch in der Küche bevorzugt. Blick in den Selbstbedienungsbereich, im Hintergrund ein kleiner Shop mit Produkten von der Insel. Foto: Darko Todorovic

Mit einer Rückwand aus Stahlbeton schmiegt sich das Gebäude in den Hang, nur unterbrochen vom Kellergewölbe der Comturey, dessen Eingang nun mitten im Herzen der neuen Räumlichkeiten liegt. In den hinteren Bereichen wurden die Küchen-, Back- und Lagerräume für die seeseitigen Gästezonen der Restaurants eingerichtet. Zwischen diesem betriebsinternen Rückgrat und den öffentlichen Teilen des Gebäudes sind immer wieder Lichthöfe eingeschnitten, die auf der einen Seite für angenehmes Arbeitslicht, auf der anderen für überraschende Lichteffekte und Einblicke sorgen, zum Beispiel auf alte Mauerteile der Festung oder kleine Schattengärten, die in den Atrien angelegt wurden.

Dass es gelang, die überzeugende Konsequenz des Konzepts bis zur Fertigstellung umzusetzen, rechnet Bettina Gräfin Bernadotte dem Architekten Matthias Hein hoch an. Foto: Darko Todorovic
Dass es gelang, die überzeugende Konsequenz des Konzepts bis zur Fertigstellung umzusetzen, rechnet Bettina Gräfin Bernadotte dem Architekten Matthias Hein hoch an. Foto: Darko Todorovic ©Dass es gelang, die überzeugende Konsequenz des Konzepts bis zur Fertigstellung umzusetzen, rechnet Bettina Gräfin Bernadotte dem Architekten Matthias Hein hoch an. Foto: Darko Todorovic

Nach vorne ist das Haus über die gesamte Länge Richtung See geöffnet, wobei die Uferlinie mit einem eleganten Knick in der Mitte nachgezeichnet wird. So wendet sich der nördliche Teil, wo Shops, ein Selbstbedienungs-Restaurant und ein Café mit eigener Backstube untergebracht sind, dem alten Hafenbecken zu, die südliche Gebäudehälfte mit À-la-carte-Restaurant und Bankett-Räumen blickt hingegen auf den offenen See. Der Knick ermöglicht nicht nur Ausblicke von unterschiedlicher Qualität (öffentlicher hier, intimer da, einmal Nähe, einmal Weite), er bringt von außen betrachtet Spannung in die mit gut 100 Metern doch beachtlich lange Front. Wer vom Hafen kommend daran vorbeispaziert, verliert das Interesse nicht. Wer noch keinen Durst oder Hunger hat, setzt intuitiv gemächlich das Promenieren fort und findet sich wie selbstverständlich plötzlich ein ganzes Stückchen höher am richtigen Weg zur weiteren Erkundung der Blumeninsel. Dort, wo sich der Weg allerdings wieder zum Platz erweitert, wird, wer es nicht ohnehin schon plante, wie von selber innehalten und von der Aussicht, die sich hier eröffnet, eingenommen sein. Dieser (vorerst noch spärlich begrünte) Garten ist das Dach des Hauses und was unten als weit auskragendes Vordach die Gäste vor der Sonne schützt, gibt hier als langgestreckte Brüstung ein großartiges Panorama frei.

Daten & Fakten

Objekt: Comturey Insel Mainau
Eigentümer/Bauherr: Mainau GmbH
Architektur: Hein Architekten, Bregenz

Fachplaner/ Ingenieure: Bauaufsicht: HIRTHE Architekt, Friedrichshafen; Landschaftsarchitektur: Thomas Steinmann, Winterthur; Tragwerksplanung: Mader Flatz, Bregenz

Planung: 06/2011-03/2014
Ausführung: 11/2012-04/2014
Nutzfläche: 2055 m²

Bauweise: Stahlbetonkonstruktion; Innenausbau: Weißtanne; Fußböden: Magnesia-Estrich; Holzfenster; Fassade: Weißtanne/Douglasie; Heizung: Nahwärmenetz (Holzvergasung)

Ausführung: Rohbauarbeiten: Karl Stocker, Pfullendorf; Zimmerer: Martin, Eigeltingen; Fenster: Böhler, Wolfurt; Innenausbau: Stegmüller, Rosenfeld; Estrich: A. Chini, Freudenstadt; Heizung/Klima: Widmann, Singen; Elektro: Hofmann, Krauchenwies

(Quelle: VN/ Leben & Wohnen)

Für den Inhalt verantwortlich:
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