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Vorarlbergs Demo-Macher: "Für viele bin ich ein Gutmensch"

Klaus Begle, aktuell der Demo-Macher in Vorarlberg.
Klaus Begle, aktuell der Demo-Macher in Vorarlberg. ©Sams
Klaus Begle hat die Demonstrationen ins Leben gerufen, die derzeit jeden Sonntag Hunderte auf die Straße ziehen. W&W wollte wissen, was den Psychiater antreibt.
Demonstration für Menschlichkeit

Von: Anja Förtsch (WANN & WO)

WANN & WO: Sie haben schon vor 35 Jahren in der Hainburger Au gegen die Regierung demonstriert. Jetzt gehen Sie jeden Sonntag auf die Straße. Haben Sie das Gefühl, dass sich nichts verändert hat?

Klaus Begle: Doch, ich denke, da hat sich viel getan. Wir hatten dazwischen viele Regierungen, die sehr gut waren. Für mich ist entscheidend, dass ein Bundeskanzler authentisch ist und weiß, wovon er redet. Dafür gibt es in der Vergangenheit gute und schlechte Beispiele.

WANN & WO: Sie sind selbst in der ÖVP-Fraktion in der Hohenemser Stadtvertretung. Ist das noch Ihre ÖVP?

Klaus Begle: Ja, ich fühle mich dort noch zuhause. Ich denke aber, dass sich die Volkspartei um der Macht willen, aus Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen, ein Stück weit verkauft hat. Die momentane Politik der ÖVP geht in meinen Augen einfach ganz klar nach rechts. Das Gespräch zwischen den Lagern ist marginal. Es wird nicht mehr geredet, sondern im Kurzschlussverfahren entschieden und verordnet.

WANN & WO: Auch in der Gesellschaft hat man den Eindruck, dass es nur noch Gutmensch oder Nazi gibt, links oder rechts, aber keine Mitte. Was kann die Gesellschaft selbst tun, um das zu kitten?

Klaus Begle: Was hilft, sind der Dialog, das aufeinander Zugehen und einander Zuhören, daran glauben, dass die anderen auch Menschen sind, auch wenn sie andere Überzeugungen haben. Was nicht hilft, sind einseitige Lösungen. Also solche, bei denen Zuwanderung entweder einfach komplett abgeklemmt wird oder bei denen Zuwanderung einfach komplett schrankenlos, unbegrenzt und ohne jede Kriterien durchgewunken wird.

WANN & WO: Vorarlberg ist kein traditionelles Demo-Land, wie etwa Frankreich, wo Streiks und Proteste allein schon historisch verankert sind. Seit einigen Wochen gehen aber jeden Sonntag Hunderte auf die Straße. Bewegt sich da gerade etwas im Land und in den Menschen?

Klaus Begle: Ich glaube, die Menschen sind dieselben. Aber wir haben seit einem Jahr unter der neuen Regierung eine konsequente Politik des Beschneidens von sozialer Fürsorge und von Sozialleistungen, zuletzt bei der Deckelung der Wohnbeihilfe. Das empört Menschen. Außerdem ist derzeit Advent, es geht um die christliche Botschaft, um den Aufruf, Menschen zu helfen. Im gleichen Atemzug Menschen des Landes zu verweisen, ist einfach grotesk. Menschen, die sich nichts weiter zu Schulden haben kommen lassen, als nicht beweisen zu können, vor welcher Katastrophe sie fliehen. Die Beweislast im Asylverfahren ist so unrealistisch, dass man das ändern muss. Das bekämpfen wir mit diesen Demonstrationen. Und ich scheue mich nicht, da auch meine eigene Partei zu kritisieren.

WANN & WO: Sie haben selbst zwei afghanische Jungen aufgenommen. Haben Sie Angst, wenn Sie von Abschiebefällen wie in Sulzberg oder Lustenau hören?

Klaus Begle: Einer meiner Jungs steckt gerade im Asylverfahren. Er hat Angst, einen negativen Erstbescheid zu bekommen, einfach weil 80 bis 90 Prozent davon negativ sind. Ehrlich gesagt, ich kann mir noch nicht vorstellen, was ich machen werde, wenn bei mir die Polizei vor der Tür steht und ihn aus dem Haus holen will. Ich weiß nicht, was ich da mobilisiere. Der andere Junge hat ein anerkanntes Bleiberecht, er weiß aber, dass sein Ausweis befristet ist und er zurückgeschickt werden kann. Obwohl er fünf, sechs Jahre hier eine Ausbildung gemacht, die Sprache und Kultur erlernt hat, Jobchancen hat. Man kann sich vorstellen, was das für ihn bedeutet.

WANN & WO: Oft wird die Dauer der Asylverfahren kritisiert und dass die Geflüchteten in der Zeit nicht arbeiten dürfen.

Klaus Begle: Das macht Menschen krank und kriminell. Die Regierung produziert das, was sie bekämpft. Wir leben in einem wohlhabenden Land mit guten Möglichkeiten bezüglich Bildung, Gesundheit und Arbeit. In 80 Prozent der Länder ist das anders. Wenn ein kleiner Teil dieser Menschen hierherkommt und sein Glück bei uns sucht, dann ist das die effektivste Entwicklungshilfe, die wir leisten können. Wenn diese Menschen hier eine Ausbildung machen, irgendwann Geld heimschicken, ihre Verwandten nachholen, Kontakte wieder aufnehmen, dann ist das für mich Christentum pur. Das ist wirkliche Hilfe.

WANN & WO: In Vorarlberg leben Menschen aus vielen Nationen. Warum richtet sich die Wut so oft auf Menschen aus beispielsweise Syrien, Libyen oder Afghanistan?

Klaus Begle: Auch die Jugoslawen und die Türken waren in der Vergangenheit mit den gleichen Ressentiments behaftet, als sie gekommen sind. Sie waren aber in der Zahl noch nicht so groß und vor allem ging es uns selbst in der Zeit noch nicht so gut. Wer viel hat, der hat ja das Elend, dass er sich schwer tut zu teilen. Das ist ein natürliches, aber auch ein sehr schändliches Phänomen. Sie sind aber auch von der kulturellen, religiösen und sprachlichen Distanz unserem Verständnis viel weiter entfernt. Sie brauchen auch länger für die Integration. Die Möglichkeiten, Integration zu erreichen, werden aber immer weiter zerstückelt. Das ist einfach unmenschlich. Deshalb demonstrieren wir für ein menschlicheres Fremden- und Asylrecht, bis diese Regierung das verändert.

WANN & WO: Das heißt, die Demonstrationen gehen auch nach Weihnachten weiter?

Klaus Begle: Ich werde sie sicher weiter unterstützen.

WANN & WO: Auf dem Plakat sind die Demonstrationen nur bis 16. Dezember angekündigt.

Klaus Begle: Wir müssen immer fortlaufend das Demonstrationsrecht anmelden und auch bewilligt bekommen von der Bezirkshauptmannschaft. Das ist in der Realität nicht so einfach zu handhaben, wie es im Gesetz steht. Es wird ziemlich anstrengend und fast unmöglich, wenn man vom Platzbesitzer nicht rechtzeitig Antwort bekommt und dann lediglich 48 Stunden Zeit hat, um für eine Demonstration zu mobilisieren.

WANN & WO: Also werden Ihnen in Ihren Augen Steine in den Weg gelegt?

Klaus Begle: Da sind dann plötzlich viele andere Dinge wichtiger. Da ist ein Christkindlmarkt, da werden Weihnachtsbäume verkauft, dort ist eine Matinee. Wir sollen einfach niemandem in die Quere kommen. Ich will ja keinen Streit verursachen aber das Demonstrationsrecht kann laut Gesetz nur bei schwerwiegenden Sicherheitsbedenken und Verkehrsbehinderungen untersagt werden. Und das wird nicht wirklich so gehandhabt. Demonstrieren ist in Vorarlberg verpönt.

WANN & WO: Die Demos haben auch politische Gegner. Oft ist es nicht nur Wut und Unverständnis, was Menschen kritisch gegenüber Geflüchteten sein lässt, sondern auch Angst. Verstehen Sie, dass die Menschen Angst haben?

Klaus Begle: Ja, das verstehe ich schon, natürlich. Wenn ich jetzt durch Innsbruck laufe, werde ich das nachts auch mit anderen Gefühlen machen. Und wenn ich im Zug sitze und in meinem Vierer-Abteil sitzt um mich herum eine Roma-Familie, fühle ich mich auch bedrängt und verunsichert. Das ist natürlich, wenn Menschen kommen, die nichts haben, die eine fremde Sprache sprechen, die mitunter auch gewalttätig sind.

WANN & WO: Die Tötung eines Bregenzers in Innsbruck im November, die Attacke eines Geflüchteten in einem Zug in Feldkirch im Oktober, Vorfälle in Asylheimen – immer sind Messer die Waffen, für die es aber keinen Waffenschein braucht. Woher kommt das? Wie kann man das Problem in den Griff kriegen?

Klaus Begle: Ich habe mir diese Frage schon gestellt, als in Götzis ein 14-Jähriger seinen Vater mit einem Messer kaltblütig erstochen hat. Als Psychiater kann ich sagen: Menschen werden nicht plötzlich gewalttätig, das ist ein Prozess. Diesen zu beeinflussen und zu steuern, dafür ist jeder verantwortlich, etwa wenn er Gewalttendenzen in seinem Umfeld sieht. Gewalt ruft immer wieder Gewalt hervor, das ist ein Spirale. Und wer diese Spirale bremst, der tut etwas gegen solche Angriffe.

WANN & WO: Sie sind mit den Sonntagsdemos für ein menschlicheres Fremden- und Asylrecht politisch sehr aktiv, zeigen offen ihr Gesicht. Haben Sie Angst, zur Zielscheibe von Wut zu werden oder ist Ihnen so etwas bisher tatsächlich schon passiert?

Klaus Begle: Ja, ich habe schon Angst davor. Aber ehrlich gesagt, das passiert nicht oft bis jetzt. Ich werde bisher schon von Leuten attackiert, die mich als Gutmenschen, als Schlepper, als jemand, der das eigene Volk schädigt, bezeichnet und beschimpft. Das passiert auf WhatsApp oder wenn ich versuche, Unterstützung für die Demonstrationen zu erhalten und an jemanden gerate, der da ganz anders eingestellt ist, als ich. Dann bekomme ich durchaus drohende Antworten. Ich habe in meiner Praxis keine Security, keine Kameras und kein Gewehr unter dem Schreibtisch. Ich versuche, auf Leute zuzugehen, nachzufragen, auch vielleicht meine eigenen Fehler zu hinterfragen und so Gewalt deeskalisieren zu lassen.

WORDRAP

Zuhause: Ist da, wo Fremde willkommen sind. Wut: Ist eine ganz wichtige Emotion. Angst: Ist ein gefährliches Phänomen. Gutmensch: Ist ein Schimpfwort, das gegenwärtige gesellschaftliche Strömungen geprägt haben. Meinung: Ist ganz wichtig, hat jemand, der authentisch ist und sich traut hinzustehen. Vorarlberg: Ist ein selbstbewusstes und offenes Land.

Zur Person

Name: Klaus Begle (55) Wohnort: Hohenems Geboren: 6. Dezember 1963 Ausbildung: Psychotherapeutische Ausbildung, staatliche Anerkennung in Österreich, zertifizierter Gutachter (Schweiz)

(WANN & WO)

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