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Vom kleinen Timmi zum Chef

©Sams
Tim Mittelberger (27) übernimmt das Unternehmen Dorf-elektriker von seinem Vater Herbert. Mit W&W sprach er über Herausforderungen, Pläne – und Änderungen.

Von Anja Förtsch / Wann & Wo

WANN & WO: Du wurdest im März zum Vorstandsmitglied der Jungen Wirtschaft Vorarlberg gewählt. Wie steht es in deinen Augen um die Junge Wirtschaft in Vorarlberg?

Tim Mittelberger: Zuerst muss ich ein ganz großes Lob an den bisherigen Vorstand aussprechen: Wir haben jetzt über 500 Mitglieder. Das ist ein total lebendiges Netzwerk, mit dem wir richtig gut arbeiten können. Aber zur Jungen Wirtschaft im Ländle: Wenn man dort hineinhört, dann ist Nachfolge ein Riesenthema, das jetzt wieder aktuell wird. Das war auch der Grund, warum ich vor vier Jahren bei der Jungen Wirtschaft eingestiegen bin. Ich habe in der Zeit aus dem Netzwerk sehr viel lernen und Fehler in meiner Unternehmenslaufbahn vermeiden können. Es gibt aber natürlich nicht nur Nachfolger im Land, sondern auch Gründer. Für die stellen wir eine Know-how-Basis zur Verfügung oder behandeln Themen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.

WANN & WO: Wird es Gründern oder Nachfolgern in Vorarlberg leicht gemacht? Passen die Rahmenbedingungen?

Tim Mittelberger: EDie Fragen sind meist ähnlich, etwa wie man eine Gründung finanziert. Es gibt in Vorarlberg schon Unternehmen, die leere Büros oder sogar ganze Etagen für junge Unternehmer ohne eigene Räumlichkeiten und begrenzter liquider Mittel zur Verfügung stellen. An solchen und anderen Rahmenbedingungen setzen wir als Junge Wirtschaft an und probieren zu informieren und zu helfen, wo wir können. Wir wollen damit den Mut von Gründern und Nachfolgern fördern. Darum ist unser neuer Vorstand auch so aufgestellt: Wir sind zwei Gründer und drei Nachfolger.

WANN & WO: Die Vorarlberger Wirtschaft war früher von der
Textilindustrie geprägt, das hat sich stark gewandelt. Was könnte sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ändern, wenn viele junge Unternehmer nachfolgen?

Tim Mittelberger: Ich selbst bin in einer sehr interessanten Branche, dem Handwerk. Das wird auch in den nächsten Jahren wichtig bleiben oder noch wichtiger werden. Aber genau da besteht auch ein Dilemma: Ich bekomme mit, wie viele Handwerker ihre Pläne immer noch mit Papier und Bleistift zeichnen, während es bereits Modelle und Technik gibt, bei der etwa ein Elektriker live auf sein Gerät gespielt bekommt, was ein Installateur auf seinem Gerät gerade in den Plan zeichnet. Da verändert sich allein schon unsere Branche extrem und es entstehen ganz neue Möglichkeiten. Besonders die Themen Smart Home, Energieautarkie und Künstliche Intelligenz werden immer wichtiger. Die Kunden kommen schon mit diesen Anforderungen und wenn ich die als Unternehmen nicht erfülle, habe ich es schwer. Auch das Employer Branding gewinnt immer mehr an Bedeutung: Unternehmen brauchen Instagram- und Facebook-Accounts nicht mehr nur als Werbung für die Kunden, sondern auch, um für Fachkräfte interessant zu werden.

WANN & WO: Der Fachkräftemangel ist also auch für euch und euer Unternehmen ein Thema?

Tim Mittelberger: Natürlich, in jeder Hinsicht. Gerade bei komplexen Themen wie Gebäudeautomation ist es richtig schwer, jemanden zu finden, der alle Anforderungen abdeckt. Aber auch ausgebildete Elektriker zu finden, gestaltet sich als eine große Herausforderung.

WANN & WO: Trifft das auch auf Auszubildende zu?

Tim Mittelberger: Für die gesamte Branche gesprochen, ja. Wir haben aber das Glück, dass wir damit im Moment keine Probleme haben. Wir haben jetzt 70 Angestellte und ab September 20 Lehrlinge. Wir hatten 15 Bewerber auf fünf Ausbildungsstellen und haben auch zum ersten Mal ein Assessment Center gemacht. Das ist in der Branche, soweit ich weiß, nicht so üblich und liegt vielleicht auch daran, dass wir unseren Fokus speziell auf die Auszubildenden legen.

WANN & WO: Liegt der Fokus generell mehr auf den Mitarbeitern, als auf den Kunden?

Tim Mittelberger: Von dem alten Prinzip „Der Kunde ist König“ distanzieren wir uns ein wenig. Der Kunde ist natürlich ein sehr wichtiger Bestandteil. Aber wir sehen ihn mittlerweile eher als Partner, denn als jenen, der sich alles wünschen darf und der Handwerker muss springen. Da ist mir der Mitarbeiter wichtiger. Wenn sich etwa ein Kunde und ein Angestellter streiten, stehe ich da ganz klar hinter meinem Mitarbeiter.

WANN & WO: Beobachtest du diesen Perspektivwechsel auch in
anderen Branchen?

Tim Mittelberger: Ja, ich habe erst kürzlich mit einem Gastronomen gesprochen, der mir von einem Gast erzählte, der ein zu drei Vierteln aufgegessenes Schnitzel, das tadellos war, zurückgehen ließ und den Kellner dafür anschimpfte. Daraufhin hat der Gastronom ihn freundlich gebeten zu gehen und klargestellt, dass er seinen Kellner auf keinen Fall verlieren will.

WANN & WO: Du hast auch schon das Thema Nachfolge angesprochen. Wie unterscheiden sich die Anforderungen an Nachfolger von denen an Gründer?

Tim Mittelberger: Die größte Herausforderung ist die Kommunikation. Nicht nur zwischen Unternehmer und Nachfolger, sondern auch zur Belegschaft. Alle müssen genau wissen, was vorgeht. Man braucht einen strukturierten und klaren Plan, wie so eine Nachfolge abläuft. Hin und wieder tauchen trotzdem Unklarheiten auf, auch zwischen meinem Vater und mir. Die sind praktisch immer auf Fehler in der Kommunikation zurückzuführen und auch über diese zu lösen.

WANN & WO: War es für deine Geschwister ein Problem, dass du die Nachfolge antrittst?

Tim Mittelberger: Meine kleine Schwester ist gerade erst 16 Jahre alt, für sie ist das noch kein Thema. Meine große Schwester hat klar gesagt, dass für sie die Familie im Vordergrund steht. Sie arbeitet bei uns im Personalbereich und hat keine Ambitionen nach der Geschäftsführung.

WANN & WO: Hat die Nachfolge auch das persönliche Verhältnis zwischen dir und deinem Vater
verändert?

Tim Mittelberger: Ja, das Verhältnis ist jetzt viel intensiver, wir haben uns noch besser kennengelernt. Und die klassische Trennung von Privat und Beruf geht in dem Fall ohnehin nicht. Wir kleben ja jetzt wirklich Tag und Nacht aneinander (lacht). Aber in unserem Fall ist alles sehr gut gegangen.

WANN & WO: Im März 2020 wirst du Geschäftsführer. Fühlt es sich an, wie ein großer Adventskalender, bei dem das Ziel jeden Tag näherkommt und die Aufregung wächst?

Tim Mittelberger: Natürlich ist es wie ein großes Geschenk, auf das ich warte. Aber dadurch, dass sich der Prozess so lang hinzieht und ich ohnehin schon seit
meiner Lehre im Unternehmen bin, ändert sich eigentlich gar nicht so viel. Außerdem werde ich heute schon von vielen Mitarbeitern als Chef wahrgenommen und auch so angesprochen – auch wenn ich für viele früher der kleine Timmi war, der schon mit zehn Jahren im Lager herumgerannt ist oder später der Timmi, der hier die Ausbildung gemacht hat und ein ganz normaler Angestellter war. (lacht)

WANN & WO: Hat dieser zehnjährige Timmi denn damals auch schon daran gedacht, das Unternehmen seines Papas irgendwann in der Zukunft einmal zu
übernehmen?

Tim Mittelberger: Nein, der zehnjährige Timmi wollte unbedingt Sänger werden. (lacht) Der 18-jährige Timmi wollte dann etwas mit Sprachen machen oder Mathedozent werden. Auch meine Eltern hätten damals nie gedacht, dass ich die Firma übernehmen würde. Aber irgendwann wollte ich mir dann die Lehre immerhin einmal anschauen und es hat mir schließlich super gefallen. Ich muss auch ehrlich sagen, wenn ich nicht aus einer Unternehmerfamilie stammen würde, hätte ich sicher nie etwas mit Elektrotechnik gemacht. Trotzdem tue ich es jetzt fürs Leben gern, arbeite in meiner Funktion mit Menschen und das ist genau das, was ich machen will.

WANN & WO: Und deinen Vater hat deine Entscheidung sicher auch gefreut.

Tim Mittelberger: Allerdings. Und das sagt er auch sehr oft. Er hat aus einer Garage heraus eins der drei größten Elektroinstallationsunternehmen Vorarlbergs gegründet und geht völlig auf bei dem Gedanken, dass das jetzt in der Familie weitergeführt wird. Man darf aber auch nicht vergessen, was es für ihn bedeutet, diese Firma nach Jahrzehnten aus der Hand zu geben.

WANN & WO: Gibt es Dinge, die du anders entschieden hättest, als dein Vater?

Tim Mittelberger: Das Thema Marketing sehe ich zum Beispiel ein wenig anders. Mein Vater fand Werbung eher nebensächlich und meinte, es funktionierte schon alles über Mundpropaganda. Aber auch da kommen wir mittels richtiger Kommunikation immer auf einen gemeinsamen Nenner. Auch wenn er es jetzt als Geschäftsführer noch könnte, ist er mir noch nie über den Mund gefahren.

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