Vom edlen Hemdchen zum Job Ahoi

Birgit Fleisch liebt ihre Arbeit bei Job Ahoi, einem Arbeitsprojekt der Offenen Jugendarbeit Dornbirn.
Birgit Fleisch liebt ihre Arbeit bei Job Ahoi, einem Arbeitsprojekt der Offenen Jugendarbeit Dornbirn. ©Edith Rhomberg
Birgit Fleisch: Die Textilbranche war ihr Leben, jetzt sind es die Jugendlichen. 
Birgit Fleisch

Dornbirn/Götzis. Die Berufswahl war nicht ungewöhnlich im Textilland, das Vorarlberg einst war. Dass aber Nicole Kidman in der heißesten Szene des Films „Eyes wide shut“ ausgerechnet das Lieblings-Wäschestück von Birgit Fleisch trug, war so nicht vorhersehbar. Wie es dazu kam, und warum an der Nähmaschine jede Sekunde zählte, weiß die Meisterin ihres Fachs.

Die 1969 in Dornbirn geborene und in Götzis aufgewachsene Damenkleidermacherin besuchte die dreijährige Textilschule in Dornbirn und legte nach ein paar Jahren Praxis die Meisterprüfung ab. „Dass ich danach im Nähsaal im Akkord arbeitete, verstanden manche nicht, sie sahen darin einen gewaltigen Rückschritt“, erinnert sich die Textil-Fachfrau. „Klar war es hart, aber es brachte mir was fürs Leben“, begründet sie ihre Entscheidung, „ganz unten anzufangen“. Darauf baute nämlich die spätere Führungskraft Birgit Fleisch auf. An ihre breitgefächerte Praxis reihte sich die Aufgabe in der Arbeitsvorbereitung. Wie sollte sie den Näherinnen exakte Zeitvorgaben geben, ohne selbst eine Ahnung davon zu haben? Gut, dass sie verstand, dass die eine Näherin beste Ergebnisse dann erzielte, wenn sie immer ein- und dieselbe Naht nähte, während eine andere es vorzog, Knöpfe an ein Nachthemd zu nähen. Eines blieb gleich: die Zeit war das Maß der Dinge und ausschlaggebend für das, was in der Lohntüte war. Wenn die genähte Stückzahl mit der Zeitvorgabe übereinstimmte, war es gut. Wenn nicht, gab es entsprechend weniger Geld und mitunter so wenig, dass es nicht bis zum Monatsende reichte.

Nähen im Ausland

Weiterbildung war für die Textilerin wichtig. Sie belegte Seminare für die REFA-Zeitermittlung – ein System, das in der Textil- und in anderen Branchen angewendet wurde. Sprachkurse machte sie ebenfalls, denn genäht wurde fortan auch im Tessin, in Ungarn und Bulgarien. Der bekannte Slogan „Huber Trikot macht froh“ begleitete Birgit Fleisch während acht Jahren, von 1994 bis 2002. Sie reiste als Mittelsfrau zwischen dem Götzner Stammhaus und den Nähbetrieben und war auch für die Qualitätssicherung zuständig. „Und jetzt kommt es“, sagt sie lächelnd. Im Tessin wurde nämlich ein Wäscheteil mit Kultstatus, jenes edle Hemdchen mit Satinträgern der Marke Hanro genäht, dessen Trägerin im erwähnten Film Tom Cruise verfiel. „Die Verkaufszahlen dieses Hanro-Modells 1501 schnellten dermaßen in die Höhe, dass es eine wahre Freude war“, erzählt sie heute noch begeistert.

Und irgendwann war es genug. „Es war die Zeit, als jedes Jahr eine Näherei zugegangen ist und viele Näherinnen gekündigt werden mussten“, erzählt Birgit Fleisch von der Tragödie, die sie nicht mehr live miterleben wollte. Bei ihrem neuen Job als Werkstattleiterin bei „Jugend am Werk“ in Bludenz spürte sie sofort, dass die Arbeit mit Jugendlichen künftig das Richtige für sie war – bis die dortige Textilwerkstatt aufgelassen wurde.

Bei der Offenen Jugendarbeit Dornbirn (OJAD) lebt nun Birgit seit 2009 ihre Begabung, textile Fähigkeiten zu vermitteln und ihre Lebenserfahrung mit jungen Menschen zu teilen. „Hier bleibe ich“, sagt sie voller Zuversicht, als Leiterin des textilen Arbeitsprojekts Job Ahoi nun definitiv angekommen zu sein. Hier verdienen junge Menschen ihr erstes Geld und lernen viel Nützliches auf ihrem Weg in die Arbeitswelt.

Als Leidenschaft und Glück beschreibt Birgit Fleisch ihren großen Garten zu Hause. Was für andere oft harte Arbeit ist, hört sich bei ihr mehr an wie eine Art Meditation. Denn beim Jäten oder Graben werde sie nicht müde, sie schöpfe dabei viel neue Energie.

Birgit Fleisch

Geboren: 5. April 1969 in Dornbirn

Erlernter Beruf: Damenkleidermacher-Meisterin

Wohnt in Götzis und arbeitet bei Offene Jugendarbeit Dornbirn

Motto: Man sieht nur mit dem Herzen gut

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