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"Vatileaks"-Prozess: Ex-Diener des Papstes zu 1.5 Jahren verurteilt

Das vatikanische Gericht sprach Paolo Gabriele am Samstag des Diebstahls schuldig.
Das vatikanische Gericht sprach Paolo Gabriele am Samstag des Diebstahls schuldig. ©EPA
Im Diebstahlsprozess gegen den früheren päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele hat das vatikanische Gericht den Butler zu 18 Monaten Haft verurteilt.
Papst-Butler hortete mehr als tausend Dokumente

Die Staatsanwaltschaft hatte eine dreijährige Haftstrafe gefordert. Strafmildernde Umstände wurden vom Gerichtspräsidenten Giuseppe Dalla Torre berücksichtigt. Gabriele wird für die Prozesskosten aufkommen müssen.

Am Dienstag hatte Gabriele vor Gericht gestanden, vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan entwendet zu haben. Zugleich bekräftigte er vor dem vatikanischen Gericht, dass er als Einzeltäter gehandelt habe. Gabriele berichtete, dass er bereits 2010 begonnen habe, vertrauliche Dokumente des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche an die Öffentlichkeit zu bringen. Er versicherte, dass er kein Geld dafür erhalten habe, allerdings seien in den letzten Jahren auch Dokumente über andere Personen des Vatikans an die Öffentlichkeit gekommen.

Verteidigerin forderte Freispruch

Gabrieles Verteidigerin Cristina Arru hatte einen Freispruch für ihren Mandanten gefordert. Der 46-jährige Gabriele habe nichts gestohlen, sondern sich die Papiere vom päpstlichen Schreibtisch nur zu Unrecht angeeignet. Arru begrüßte allerdings das Urteil des vatikanischen Gerichts. “Es handelt sich um ein ausgewogenes Urteil”, betonte die Rechtsanwältin.

Der 46-jährige Ex-Kammerdiener wird jetzt vorerst weiterhin unter Hausarrest bleiben. Das vatikanische Gericht muss inzwischen über die Haftbedingungen entscheiden. Nach Angaben des vatikanischen Pressesprechers, Pater Federico Lombardi, ist es realistisch, dass der Papst Gabriele begnadigt. “Die Möglichkeit einer Begnadigung ist konkret”, versicherte der Pressesprecher.

Gabrieles Doppelleben bleibt Rätsel

Er half dem Pontifex beim Ankleiden, bediente ihn beim Essen, bereitete sein Schlafzimmer vor, und begleitete ihn auf Reisen. Als Päpstlicher Kammerherr stand Paolo Gabriele wie nur ganz wenige dem Papst nahe. Der 46-jährige Gabriele, den der Heilige Vater gern “Paoletto” (Paulchen) nannte, war seit sechs Jahren wie Benedikts Schatten. Neben den Privatsekretären Georg Gänswein und Alfred Xuereb sowie vier Nonnen gehörte er zu den engsten Mitarbeitern des Pontifex.

Vatikanstadt/Rom. Auf unzähligen Fotos ist der pflichttreue Familienvater, der im Vatikan wohnen durfte, direkt neben Benedikt zu sehen. Alle Schlüssel zu Türen und Schreibtischen hatte Gabriele in seiner Tasche. Deshalb konnte er in den privaten Gemächern des Heiligen Vaters ein- und ausgehen. Doch neben seiner Tätigkeit als treuer Diener führte Gabriele ein Doppelleben.

Systematisch hat der fromme Vatikan-Bürger und verheiratete Vater von drei Kindern vertrauliche Briefe und Dokumente vom Schreibtisch des Papstes gestohlen und an den Journalisten Gianluigi Nuzzi weitergereicht. Dieser veröffentlichte die brisanten Dokumente in seinem Bestseller “Sua Santitá” (Seine Heiligkeit). Das Buch berichtet von schweren Machtkämpfen an der Kirchenspitze, sogar von einem Mordkomplott gegen den Papst, sowie von düsteren Geldwäsche-Geschäften der Vatikanbank IOR. Mit den an die Öffentlichkeit gebrachten Dokumente löste Gabriele den Skandal “Vatileaks” aus, der den Heiligen Stuhl als ein Hort der Intrigen und Machtspiele erscheinen lässt.

Erschwert hat sich Gabriele seine Position dadurch, dass die Polizei in seiner Wohnung nicht nur entwendete Dokumente fand, sondern neben einem Buch aus dem 16. Jahrhundert auch einen Scheck über 100.000 Euro sowie einen Goldklumpen. Für “kaum glaubwürdig” hielten die Ermittler die Beteuerungen Gabrieles, er habe das teure Buch aus dem 16. Jahrhundert nur für den Schulunterricht seines Sohnes ausgeliehen und ebenso zurückbringen wollen wie den Scheck und das Goldstück. Wegen des “schweren Diebstahls” päpstlicher Geheimdokumente musste Gabriele bereits 53 Tage in Untersuchungshaft verbringen.

Aber warum soll Benedikts Butler die Dokumente entwendet haben? Finanzielle Motive werden ausgeschlossen. Den Ermittlern in der Affäre sagte Gabriele, er habe die gestohlenen Papiere weitergegeben, um gegen “das Böse und die Korruption” vorzugehen. Überall sah er “Korruption und Verfall” in der Kirche. Daher habe er gedacht, “dass ein Schock – auch über die Medien – heilsam sein und die Kirche aufs richtige Gleis zurückführen” könne. Er bezeichnete sich dabei selbst als “Mittler” des Heiligen Geistes.

Psychologische Gutachter, die im Auftrag der vatikanischen Justiz Benedikts den Kammerdiener beobachteten, bezeichneten ihn als Mensch von “einfacher Intelligenz”. Ständig habe man ihn “anleiten und führen” müssen. Daher bezweifeln viele Beobachter, dass “Paoletto” allein gehandelt habe.

Im Vatikan war man schon länger auf der Suche nach einem Spion. Seit Anfang des Jahres waren immer wieder Geschichten über Machtkämpfe an die Öffentlichkeit gekommen, die nur aus internen Vatikan-Kreisen stammen konnten. Im Vordergrund stand dabei der Unmut hochrangiger Kurienmitglieder mit Kardinalsekretär Tarcisio Bertone, der als Außenseiter betrachtet wurde, weil er nicht aus der vatikanischen Diplomatie stammte und mit dem administrativen System der Kurie nicht vertraut ist.

Wer sind also die Hintermänner in der “Vatileaks”-Affäre? Vatikan-Insider gehen davon aus, dass der untreue Butler mehrere Komplizen hatte. Davon ist beim Prozess jedoch wenig aufgetaucht. Die vatikanischen Richter sind der Ansicht, dass Gabriele als Einzeltäter gehandelt habe. Dabei hatte der unkenntlich gemachte und mit verzerrter Stimme präsentierte Gabriele in einem im Februar ausgestrahlten TV-Interview behauptet, dass es etwa 20 Personen im Vatikan gebe, die wie er zu Enthüllungen bereit seien, um Transparenz zu sichern. Nach Vermutungen von Experten wollten mehrere Leute dem Papst mit der Aktion schaden.

Der Autor des Enthüllungsbuchs Nuzzi soll jedenfalls nicht der Kopf der Verschwörer sein. Der Journalist versicherte, dass er lediglich seine Pflicht als Reporter erfüllt und vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan im Interesse der Öffentlichkeit gedruckt habe. Laut Nuzzi sei Gabriele kein Sündenbock, sondern eine “mutige Person”. “Gabriele hat bestimmt das Vertrauen des Heiligen Vaters verraten, doch wir müssen uns fragen, warum er es getan hat. Er hat es getan, weil er vor seinen Augen nur Vorwürfe der Korruption gesehen hat, die von wichtigen Bischöfen erhoben wurden, undurchsichtige Beziehungen zwischen Staaten und eine Reihe von Problemen, die den Vatikan erschütterten”, betonte Nuzzi.

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