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Vater von Kampusch klagt Autor

Die Veröffentlichung des ersten unautorisierten Buches über den Fall Natascha Kampusch "Mädchen im Keller" hat nun juristische Konsequenzen.

Der Vater von Kampusch, Ludwig Koch, plant, den Autor Michael Leidig wegen eines darin abgedruckten Interviews mit ihm zu klagen, das er nie gegeben haben will.

„Ich weiß davon nichts und habe nie ein Interview gegeben. Das ist eine Frechheit! Ich werde Michael Leidig klagen!“, kündigte der Vater in einer Aussendung an.

Da das Buch vorerst nur in England erschienen ist, ist die juristische Situation allerdings schwierig. Persönlichkeitsrechte sind dort nämlich nur „rudimentär“ ausgeprägt, so Natascha Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger. Es gebe dazu kein niedergeschriebenes Gesetz.

Das Kampusch-Buch: Kein Klischee wird ausgelassen

Auch in Großbritannien schlug im August die Nachricht über die Flucht von Natascha Kampusch nach acht Jahren Gefangenschaft in einem Keller in Strasshof a.d Nordbahn wie eine Bombe ein. Wochenlang berichteten vor allem Boulevardblätter über das Schicksal der jungen Frau. Da ist es sicherlich kein Zufall, dass pünktlich zum Weihnachtsgeschäft ein Buch zum Thema erschienen ist, das aus rechtlichen Gründen aber nur in Großbritannien verkauft werden darf.

„Girl in the Cellar“ (Mädchen im Keller) der Journalisten Allan Hall und Michael Leidig hat eigentlich alle Chancen, ein Bestseller zu werden: eine Sensationsstory, eine Kontroverse um die Veröffentlichung und der zeitgerechte Erscheinungstermin. „Natürlich habe ich von dem Mädchen gehört“, sagt Sonja, eine Malerin, auf Frage der APA in einer Londoner Buchhandlung. „Aber kaufen würde ich mir das Buch nicht. Was soll es da noch Neues geben?“

Das Buch ist seit Ende der vergangenen Woche im Handel. Der Verlag Hodder & Stoughton gibt sich jedoch mit Auskünften zugeknüpft. Weder über Auflage, noch über ausgelieferte Exemplare oder Verkaufsziele will man Angaben machen. Eine Sprecherin versicherte lediglich, dass der Verlag „alle angemessenen rechtlichen Schritte getroffen hat, dass die Publikation in Einklang mit dem englischen Recht steht“. Das Buch werde nicht außerhalb Großbritanniens angeboten, daher sehe man auch keine Grund für eine Klage der Betroffenen.

Die britischen Wochenendzeitungen hingegen berichteten auch über mögliche rechtliche Schritte der jungen Frau. Ihr Medienanwalt hat bekanntlich gegen einen Vorabdruck aus dem Buch, der über die Internetseite der Zeitung „The Times“ international zugänglich war, eine Klage angekündigt. Sonst findet die Veröffentlichung bisher wenig Beachtung. In den meisten Buchhandlungen im Zentrum Londons kann man „Girl in the Cellar“ zwar mittlerweile auf Nachfrage sofort bekommen, prominent platziert ist es aber nirgends. Für Rückschlüsse auf den Verkauf sei es noch zu früh, meint man etwa beim Buchhändler Foyles.

Das Werk selbst will nach Angaben der Autoren zeigen, dass die Kampusch-Geschichte nicht in schwarz-weiß, sondern in einer Vielzahl aus Grautönen gesehen werden müsse. Genau das gelingt ihnen aber nicht. Über Österreich und Wien wird so gut wie kein Klischee ausgelassen, vom der Nazi-Zeit bis zum Dritten Mann, von der Sachertorte bis zum Wiener Walzer fehlt nichts, was dem englischen Leser die Wiedererkennung erleichtern könnte. Im Vergleich zum Stadtteil Donaustadt erscheint die Pariser Banlieue geradezu idyllisch: In der verkommenen Industrievorstadt liege die Arbeitslosigkeit bei “25 Prozent“, die Straßen seien in der Hand von Drogensüchtigen und Alkoholikern, „die entweder Drogen oder Sex oder beides anbieten“, heißt es in dem Buch.

In der Darstellung des Falles Kampusch wird eindeutig Partei für den Vater und gegen die Mutter ergriffen, die sich mit einer Vielzahl von Vorwürfen konfrontiert sieht. In der Gefangenschaft habe dann Natascha rasch die Herrschaft über ihren Entführer Wolfgang Proklopil übernommen. Die Ermittlungen der Polizei werden schärfstens kritisiert, und nach der Flucht von Kampusch sei der Fall seltsam früh geschlossen worden.

Die Autoren haben nicht mit Natascha Kampusch gesprochen. Sie behaupten, mehrfach um ein Interview angesucht zu haben, die Vertreter der jungen Frau bestreiten dies. Die beiden Journalisten kritisieren die 18-Jährige heftig dafür, dass sie Herrin ihrer Geschichte bleiben will.

Im Buch werden Originalaussagen gegenüber den Autoren und Zitate aus anderen Medien meist nicht als solche ausgewiesen, was bestenfalls missverständlich ist. Eher kurios wird es, wenn sich die Schreiber als Psychologen versuchen. So wollen sie das Stockholm-Syndrom über das Verhältnis zwischen Entführer und Entführter in ein „Wien-Syndrom“ umbenennen, und am Endes Buches postulieren sie dann auch noch ein „Natascha-Kampusch-Syndrom“: Es liege vor, wenn sich Eltern Sorgen machen, wenn ihre Kinder nicht zum vereinbarten Zeitpunkt nach Hause kommen.

Skandalös ist das Buch für den Leser nicht. Was Natascha Kampusch und ihre Familie darüber denken, ist allerdings eine völlig andere Sache. Ob die Lektüre einen großen Erkenntnisgewinn bringt, darf bezweifelt werden.

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