Ukraine-Krieg: Phase des Stillstands erreicht?

Oberst Berthold Sandtner bei "Vorarlberg LIVE".
Oberst Berthold Sandtner bei "Vorarlberg LIVE". ©VOL.AT
Oberst Berthold Sandtner, Landesverteidigungsakademie war am Donnerstag zu Gast bei "Vorarlberg LIVE".

Ukraine-Experte und Oberst des Generalstabsdienstes Berthold Sandtner gab in Vorarlberg LIVE einen Einblick zum weiteren Kriegsverlauf und was man über die Massaker in Butscha wirklich weiß.

Was bedeutet das für die Bevölkerung?

Sandtner: In den Bereichen, in denen die russischen Kräfte abgezogen sind und die Bevölkerung sehr gelitten hat, bedeutet es eine gewisse Entlastung. In den neuen Schwergewichtsbereichen sehe ich natürlich vermehrtes Leid auf die Bevölkerung zukommen. Nicht zu vergessen den Raum Mariupol, eine komplett zerstörte Stadt mit immer noch bis zu 160.000 eingeschlossenen Zivilisten.

Wie stark sind die russischen Truppen noch, auch im Vergleich zur Ukraine?

Sandtner:  Das ist sehr schwer zu sagen, weil uns insbesondere eine klare Sicht auf die Stärke der ukrainischen Truppen fehlt. Die russischen Truppen haben vor allem im Raum Kiew massivste Verluste erlitten. Es wurden ganze Einheiten aufgerieben und vernichtet. Man kann aber davon ausgehen, dass gerade ukrainische Kräfte im Osten stark gelitten haben und vor allem schweres Material verloren wurde.

Wie schwierig ist es, in Kriegszeiten solche Gräuel zu verifizieren?

Sandtner: Es war von Anfang an ein Krieg um und mit Informationen. Es ist extrem schwierig, all diese grassierenden Dinge unabhängig zu prüfen. Gerade was aber die Vorkommnisse im Großraum Kiew betrifft, ist die Indizienkette sehr eindeutig, dass es hier zu Übergriffen russischer Kräfte gekommen sein dürfte. Hier gibt es mehrere Begründungen, unter anderem einen Kontrollverlust der russischen Kommandanten gepaart mit einer abschwächenden Moral der Soldaten.

Welche Rolle spielt in diesem Bereich die russische Propaganda?

Sandtner: Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen, die Entmenschlichung. Wir hören seit langem, die Ukraine hat keine Existenzberechtigung, die Ukrainer sind Nazis, wir wollen diesen Staat entnazifizieren, das sind ja keine Menschen. Dieses Beeinflussen der eigenen Soldaten, indem man den Gegner entmenschlicht, ist ein gezieltes Vorgehen, den Soldaten Hemmungen zu nehmen, Ukrainer zu töten.

Wie lange wird die NATO noch zusehen?

Unterscheidet sich dieser Krieg von anderen russischen Konflikten?

Sandtner: Der Anfang des Krieges war die Idee des schnellen Sieges. Inzwischen haben wir in diesem Abnützungskrieg ähnliche Muster wie in Syrien oder dem zweiten Tschetschenienkrieg. Wenn man Mariupol betrachtet, könnte man von der gezielten Auslöschung einer Stadt sprechen.

Wie wahrscheinlich ist dass Russland den Kampf ausdehnt?

Sandtner: Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sich Russlands militärische Möglichkeiten im Kampf um die Ukraine erschöpft haben. Inwiefern Machtfantasien im Kreml diesen Gedanken noch weitersäen, ist schwer abzuschätzen.

Die Sendung "Vorarlberg LIVE" ist eine Kooperation von VOL.AT, VN.at, Ländle TV und VOL.AT TV und wird von Montag bis Freitag, ab 17 Uhr, ausgestrahlt. Mehr dazu gibt's hier.

(VOL.AT/VN)

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