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Urteil im Tugce-Prozess: Drei Jahre Haft für Sanel M.

Für seinen verhängnisvollen Schlag ins Gesicht der Studentin Tugce muss der Täter Sanel M. drei Jahre in Jugendhaft. Das Landgericht Darmstadt verurteilte den 18-Jährigen am Dienstag wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Täter habe den Tod der 22-Jährigen nicht beabsichtigt, sagte der Vorsitzende Richter Jens Aßling. Aber: “Wer so heftig zuschlägt, der nimmt die Körperverletzung in Kauf.” Zudem bescheinigte der Richter dem jungen Mann “schädliche Neigungen” und “erhebliche Erziehungsdefizite” beim Umgang mit Gewalt. Die Verteidigung kündigte Revision an.

Sanels Schlag, mit dem er Tugce in den Morgenstunden des 15. Novembers auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach niederstreckte, wertete das Gericht nicht als Ohrfeige. Es sei vielmehr ein “von unten nach oben ausholender Schlag in Richtung des Gesichts” gewesen.

Angeklagter bedauert Tod Tugces unter Tränen

Sanel M. hatte gestanden, der 22-Jährigen Tugce im November vergangenen Jahres auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach heftig ins Gesicht geschlagen zu haben. Sie stürzte und zog sich schwerste Kopfverletzungen zu. Tugce fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. An ihrem 23. Geburtstag wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen abgedreht.

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Sanel M.: “Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet”

Unter Tränen hatte der Angeklagte die Attacke zu Beginn des Prozesses eingeräumt und sein tiefes Bedauern ausgedrückt. “Ich habe in der Tatnacht der Tugce eine Ohrfeige gegeben, und sie ist dann umgefallen”, hatte Sanel M. mit tränenerstickter Stimme zu Protokoll gegeben. “Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe. Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet”, hielt der junge Mann fest. Das Urteil am Dienstag nahm er äußerlich ruhig auf. Der Mutter von Tugce kamen dagegen die Tränen, auch andere Zuschauer weinten.

Verteidigung geht in Revision

In seiner Entscheidung folgte das Gericht in weiten Teilen der Staatsanwaltschaft, die auf drei Jahre und drei Monate Haft plädiert hatte. Lediglich die “Schwere der Schuld” wollten die Richter nicht feststellen. “Über diese Frage kann man diskutieren”, sagte ein sichtlich zufriedener Oberstaatsanwalt Alexander Homm nach der Urteilsverkündung.

“Das Strafmaß war zu erwarten”, sagte Macit Karaahmetoglu, Anwalt von Tugces Eltern, die als Nebenkläger aufgetreten waren. Das Wort “zufrieden” sei im Zusammenhang mit dem Urteil nicht angebracht. Die Familie sei aber froh, dass der Prozess nun vorbei sei.

Die Verteidigung will das Urteil dagegen anfechten. “Wir werden in Revision gehen”, sagte Anwalt Heinz-Jürgen Borowsky. Man halte die Begründung des Gerichts nicht für überzeugend. Es hätte bessere Möglichkeiten gegeben, als Sanel M. im Gefängnis wegzusperren.

Tumult vor Urteilsverkündung

Bereits vor dem dem mit Spannung erwarteten Urteil im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce war es im Gericht zu einem Tumult gekommen. Zuschauer rangelten um die begrenzten Plätze und beleidigten einander. Die Polizei wurde alarmiert. Für den Prozess galten besondere Sicherheitsvorkehrungen.

Auf Tugces Foto gespuckt

Nach der Verkündung soll es bei einer Mahnwache zu Aggressionen gekommen sein. Mehrere Frauen hätten auf die Plakate mit Tugces Foto gespuckt und Beleidigungen ausgesprochen, berichteten Verwandte von Tugce.

Tödliche Zivilcourage

Der Fall hatte großes Aufsehen erregt, auch über Deutschland hinaus. Tugce soll vor dem Schlag des Angeklagten Zivilcourage bewiesen haben. Sie soll vor der Tat zwei Mädchen vor dem Angeklagten beschützt haben – auch wenn sich das im Prozess nicht zweifelsfrei feststellen ließ. Freunde von Tugce verehren sie trotzdem als “Heldin”, sogar für das Bundesverdienstkreuz wurde sie vorgeschlagen. Das Bundespräsidialamt prüft dies noch.

Ein Meer aus Kerzen zum Abschied

Als Tugces Eltern am 28. November 2014 nach dem Hirntod ihrer Tochter die lebenserhaltenden Apparate abschalten ließen, versammelten sich vor dem Krankenhaus in Offenbach etwa 1500 Menschen, um Anteilnahme zu zeigen. Auf dem Rasen vor der Klinik, in der die Studentin ihre letzten Tage verbrachte, verharrten sie am Freitagabend mehr als eine Stunde im stillen Gedenken an die Studentin. Mit einem Meer von Blumen, Kerzen und Plakaten mit Fotos von Tugce wurde der jungen Frau gedacht.

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Tugces Schicksal bewegte Zehntausende

Auch in den Sozialen Netzwerken brachten Zehntausende ihre Trauer und Fassungslosigkeit zum Ausdruck. Eine Gedenkseite auf dem Netzwerk Facebook wird noch heute von mehr als 190.000 Menschen unterstützt, in etlichen Tweets bei Twitter wurde Tugce als “Heldin” und “Engel” gefeiert.

Üble Beleidigungen von beiden Seiten

In dem Verfahren hat das Landgericht mehr als 60 Zeugen vernommen, auch Freundinnen von Tugce sowie Freunde von Sanel M., die oft widersprüchlich aussagten. Schnell wurde dabei klar, dass sich beide Seiten vor dem Schlag gegenseitig übel beleidigt hatten. Unmittelbar vor der Tat war Tugce nach Feststellung der Kammer noch vier, fünf Schritte auf Sanel zugegangen und hatte etwas zu ihm gesagt.

Weder “Killer” noch “Koma-Schläger”

Richter Aßling richtete sich auch an Tugces Familie. Ihr Verlust sei “durch kein Urteil dieser Welt auszugleichen”. Zugleich kritisierte er die “extreme Vorverurteilung”, die Sanel M. von Medien und mehreren Politikern erfahren habe. Sanel M. sei weder ein “Killer” noch ein “Koma-Schläger”. Gleichwohl sei er bereit, zur Durchsetzung seiner Interessen Gewalt anzuwenden. An diesem Defizit müsse er nun mit den Möglichkeiten einer Jugendstrafe arbeiten. (dpa/red)

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