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Tone Fink im Sonntagstalk: "Ich wollte es ihnen zeigen"

Tone Fink in seinem Atelier in Fußach.
Tone Fink in seinem Atelier in Fußach. ©Sams
WANN & WO sprach mit Tone Fink in seinem Atelier in Fußach über Inspiration beim Brötchen holen, die Gesellschaft und seine schwere Kindheit.

Von Anja Förtsch/Wann & Wo

WANN & WO: Es gibt so ein geflügeltes Wort zur Kunst: Was will der Künstler uns damit sagen? Ich hoffe, du fasst das nicht falsch auf, aber bei deinen Kunstwerken fragt man sich das vielleicht noch ein-, zweimal öfter. Was will denn Tone Fink uns sagen?

Tone Fink: In erster Linie sage ich eigentlich ganz gern mir selbst etwas. Da bin ich Egoist. Außerdem will ich zwar nicht missionieren, aber ich will die Leute anregen, genau hinzuschauen, ich will Impulse geben und vielleicht manchmal auch Irritationen bis hin zu Provokationen schaffen. Ich will nicht aufmuntern, aber das Gefühl und den Verstand des Betrachters – und von mir selbst auch – aktivieren. Ich habe auch nichts dagegen, wenn esmal schön ist. Aber wo alles schön ist, ist nichts mehr schön. Es darf auch mal verunsichern. Das ist für mich auch ein Spiel. Und wenn das misslingt, dann ist es eben nichts und wenn doch, gibt es dem Betrachter etwas.

WANN & WO: Wie oft misslingt denn das Spiel?

Tone Fink: Manchmal sind misslungene Werke besser als solche, die ganz gelingen. Die sind dann oft zu glatt und zu perfekt. Bei mir beginnt die Kunst dort, wo es nicht perfekt ist.

Sams

WANN & WO: In deinem Film „End.Wurf“ kommt der Satz vor: „Ein großes Glück ist, wenn man nichts kann“. Bist du dann nicht unglücklich?

Tone Fink: Ich weiß jetzt gar nicht, ob der Satz von mir selber ist (lacht). Die ganze Kunst besteht ja aus Klauen. Man speichert ja so viel und bringt dann seine eigene Handschrift ein. Als ich angefangen habe, bestimmte Techniken zu nutzen, habe ich die natürlich noch nicht perfekt beherrscht. Und die Museumsdirektoren haben eher diese frühen, unperfekten Werke genommen. Die späteren waren zu glatt, zu perfekt. Das war nicht ich. Perfektion ist die Zuflucht der Verunsicherten.

WANN & WO: Woher kommen die Ideen?

Tone Fink: Von überall, allem um mich herum und aus mir selbst.

WANN & WO: Morgens Brötchen holen könnte dich also inspirieren?

Tone Fink: Das ist tatsächlich so! Gerade heute erst habe ich zugeschaut, wie ein kleines Kind eine Mähmaschine bestaunt hat. Dann habe ich bei einem Nussbaum geschaut, wie groß oder klein die Nüsse sind. Ob der Apfelbaum auf dem Weg schon Äpfel hat. Solche Dinge kommen einfach und landen in irgendeiner Form in meinen Tagebüchern.

WANN & WO: Wie sehr beeinflusst dich dabei deine Kunstausbildung?

Tone Fink: Die Ausbildung kann gefährlich sein, wenn man akademisch hängen bleibt. Man muss das Gelernte verlernen, damit man auf Eigenes kommt. Und es gibt Top-Künstler, die nicht eine Woche an der Kunstakademie waren. Die könnten keinen Baum, kein Tier oder kein Porträt abzeichnen, aber haben die großartigsten Einfälle. Es geht um die Ideen. Der Architekt baut ja zuhause auch nicht selber.

WANN & WO: Du hast dich auch nicht ausschließlich an das Gelernte gehalten, sondern schon alle möglichen Formen von Kunst gemacht. Gibt es noch irgendwas, was fehlt?

Tone Fink: Ich habe noch nicht mit giftigen Materialien gearbeitet. Mit Chemikalien und Beizen. Ich möchte aber auch gar nicht komplett neue Sachen anfangen wie Holzschnitzen, Töpfern oder Emaillieren. Ich habe es eher mit den organischen Materialien: Papier, Papier, Papier. Und viel Bier dazwischen (lacht).

Sams

WANN & WO: Warum gerade das Zeichnen?

Tone Fink: Weil dabei immer etwas Neues herauskommen kann. Aber nicht muss: In Schattendorf im Burgenland habe ich ein ehemaliges Gasthaus gekauft, in das ich seit vier Jahren regelmäßig fahre. Meine Tochter ist dann mit ihrem sechsjährigen Sohn auch da. Wir tun praktisch nichts anderes als spielen – eine Gaudi haben wir, Lausbuben sind wir, blöd tun wir! Und ich habe dort in vier Jahren nicht einen Strich gemacht. Andersherum hatte ich auch schon einen unglaublichen Schub, als mein Enkel, ein, zwei Wochenenden nicht kommen konnte. Da habe ich innerhalb von fünf Tagen 22 Zeichnungen gemacht – und gar nicht mal schlechte (lacht). Will sagen: Ich arbeite in Schüben, nicht täglich.

WANN & WO: Es gibt Menschen, die kann man sich in keinem anderen Metier vorstellen, als jenem, in dem sie arbeiten. So ist es auch bei dir. Man kann sich Tone Fink zum Beispiel nicht als Spengler vorstellen.

Tone Fink: Dafür wäre ich auch viel zu faul (lacht). Außerdem bin ich handwerklich auch gar nicht so geschickt, meine Brüder waren da viel besser. Mein Bruder Josef zum Beispiel hat alles gekonnt, jegliches Handwerk und Material. Vielleicht hätte ich das auch lernen können, aber es hat mich einfach nicht interessiert. Ich bin stattdessen erst Lehrer geworden und danach zur Kunst gekommen. Zu Beginn dieser Karriere habe ich aber auch zehn, fünfzehn Jahre an der Internationalen Sommerakademie gelehrt. Ich hatte ja drei Kinder, zwei Stiefkinder und ein sozusagen eigenes. Da muss man schon etwas verdienen. Notgedrungen habe ich da auch mal Bilder gemalt, die mir selbst nicht wirklich gefallen haben. Aber ichmusste eben etwas verkaufen.

WANN & WO: Etwas anderes als Kunst hätte es aber nie gegeben?

Tone Fink: Ich wüsste nicht, was (schmunzelt). Mein Vater war Hufschmied, hat auch Wagen und Karren gemacht. Diese Arbeit mit hartem Eisen ist in meinen Augen bewundernswerter als die mit Papier.

WANN & WO: Du hattest in einem Gespräch mit Peter Niedermair vom Vorarlberg Museum gesagt, dass du eine „wilde, verrückte Kindheit“ hattest, hast den Gedanken aber nicht weiter ausgeführt. Was war denn so wild und verrückt?

Tone Fink: Ja, es ging schon rund. Psychoterror, wenn man so will, vor allem durch einen meiner Brüder. Er war Schmied und dutzende Male stärker als ich. Ich bin ihm aber schon lange nicht mehr böse – vor allem weil ich irgendwann Judo gelernt und ihn damit einmal am Boden gefesselt habe (lacht). Auch mein Vater kam kaputt aus dem Krieg zurück. Wenn er und mein Bruder zusammen in der Werkstatt standen und gerade einmal nicht die Pferde trampelten beim Beschlagen, dann machten die beiden Lärm, weil sie sich gegenseitig anbrüllten und Hämmer nachwarfen. Meine Mutter war immer krank, sie hat das alles auch nicht ausgehalten. Und ich war eben das Muttersöhnchen, kreativ und in den Augen der Geschwister faul, weil ja Studieren und Zeichnen keine Arbeit sei. Deshalb hat mein Bruder mir immer Vollgas gegeben. Vielleicht hat er es aber auch nur von unserem Vater übernommen. Aber mir ist klar, was die Eltern im Krieg mitgemacht haben. Und trotzdem haben sie nie geweint, sie waren hart wie Eisen. Mein Vater kam mit sieben erfrorenen Zehen im letzten Moment auf einem Schlitten aus Sibirien zurück, musste dann in der Schmiede 14 Stunden täglich auf den Beinen stehen – ein Wahnsinn. Diese Kriegsgenerationen tragen ihre Erlebnisse natürlich auf irgendeine Art weiter. Aber ich würde nie meinen Eltern oder meinem Bruder einen Vorwurf machen. Sie haben es ja auch nur von irgendwo mitbekommen. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich lachen. Es hat ja auch etwas für sich gehabt: Dadurch bin ichheute Künstler geworden. Ich wollte es ihnen damit zeigen, dass ich es mit meiner Kunst zu etwas schaffe.

WANN & WO: Du hattest in einem Porträt von 2016 erwähnt, dass du gern mehr Buddhismus üben, meditieren und Ruhe suchen würdest aber nicht dazu kommst, weil du einfach zu hibbelig bist. Ist das inzwischen besser geworden?

Tone Fink: Nein (lacht)! Ich versuche es stattdessen mit Meditationsbildern, also Bildern, in denen ich mich so versenke, dass ich zur Ruhe komme.

WANN & WO: Deine Kunstwerke gehen in alle Welt. Kommen sie damit mehr herum als du?

Tone Fink: Ich bin kein Wahnsinnsreiser. Seit fünf Jahren sowieso schon nicht mehr so. In Japan war ich vor drei Jahren noch. Früher war ich viel in Ländern, in die man heute nicht mehr reisen kann. Caracas, Venezuela, Jemen, Indien, China, Nepal, Butan – das waren verrückte Reisen. Da und dort herrschten damals schon Hunger und Trauer, aber bei Weitem nicht so wie heute.

WANN & WO: Machen dir diese Entwicklungen große Sorgen?

Tone Fink: Ich habe oft ein schlechtes Gewissen und denke, ich erhöhe mit meiner Arbeit nur mein Ego aber tue nichts Gutes für die Gesellschaft, auch wenn ich ab und zu Bilder für wohltätige Zwecke herschenke. Aber eigentlich schimpfen wir alle ständig auf Politiker und was nicht alles. Dabei essen und trinken wir wie die Wahnsinnigen, wohnen im Luxus aber tun nichts für andere. Vielleicht bin ich auch zu katholisch erzogen worden und habe deshalb ein schlechtes Gewissen. Wobei, gerade die sogenannten Katholiken haben ja oft kein Gewissen.

Wordrap

  • Kunst: Sollten alle ausprobieren.
  • Kreativität: Würde ich auch allen wünschen.
  • Vernunft: Nicht immer vernünftig sein.
  • Spiel: Tag und Nacht.
  • Papier: Gehört zu mir

Zur Person Tone Fink: Geboren am 1. Jänner 1944 in Schwarzenberg, lebt heute in Wien und Fußach, studierte an der Akademie der Bildenden Künste Wien, lehrt an der internationalen Sommerakademie Salzburg Auszeichnungen: Wiener Preis für Bildende Künste, Ehrengabe Vorarlbergs für Kunst, Auszeichnung bei Handwerk und Form, Konstanzer Kunstpreis

(Text: Anja Förtsch/Wann & Wo)

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