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"Terroranschlag war nur eine Frage der Zeit"

Stefan Denifl im Interview.
Stefan Denifl im Interview. ©Paulitsch
Dr. Stefan Denifl, Jurist und Leiter der Hilfs-organisation für Verbrechensopfer "Weisser Ring Vorarlberg", über den Terroranschlag in Wien und Kriminalität in Zeiten von Corona.

Von Alyssa Hanßke/Wann & Wo

WANN & WO: Vor wenigen Wochen erschütterte der Terroranschlag in Wien das ganze Land. Wie bewerten Sie diesen Angriff?

Stefan Denifl: Ich schließe mich der Meinung von Experten an, dass ein derartiger Terroranschlag auch in Österreich nur eine Frage der Zeit war. Motivation im negativen Sinne waren sicher die Anschläge in Frankreich. Ich persönlich glaube, dass der Täter erst zu einem späteren Zeitpunkt seinen Anschlag verüben wollte, auf Grund des Lockdowns aber noch die letzte Gelegenheit für seine grausame Tat ausgenützt hat.

WANN & WO: Welche Folgen könnte der Anschlag auf die österreichische Mentalität haben?

Stefan Denifl: Die Reaktion der Gesellschaft war klar positiv in die Richtung, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf. Die Österreicher wollen sich nicht spalten lassen, sie wollen auch ihr Leben in Freiheit fortführen. Es gab auch schon während des Anschlages Privatpersonen, die sich für andere eingesetzt haben und die dadurch Vorbildfunktion erlangt haben.

WANN & WO: „Die Gesellschaft kümmert sich mehr um die Täter als um die Opfer“, eine häufige Anschuldigung nach einem Delikt. Was halten Sie von dieser Aussage?

Stefan Denifl: Der Opferschutz hat sich erfreulicherweise in den letzten Jahren immer mehr verbessert. Die Stellung eines Opfers im Strafverfahren hat eine größere Bedeutung erlangt. Was die finanzielle Unterstützung von Opfern betrifft, gibt es jedoch Nachholbedarf. Es gibt nur wenige, die vom Täter auch die tatsächlich zugesprochenen Schadenersatzansprüche (etwa Schmerzensgeld) erhalten.

WANN & WO: Seit 2016 sind Sie Leiter der Hilfsorganisation „Weisser Ring Vorarlberg“. Woraus besteht die Arbeit für Opfer von Straftaten?

Stefan Denifl: Ein Kernstück der Tätigkeit des „Weissen Rings“ ist die Begleitung von Opfern von Gewaltverbrechen im Strafverfahren. Die Vertretung besteht aus einer unentgeltlichen juristischen und einer psychosozialen Prozessbegleitung. Die Opfer werden auch außerhalb des Gerichtssaales informiert und können nicht juristische Fragen an den psychosozialen Prozessbegleiter stellen. Bei Bedarf wird eine Psychotherapie vermittelt.

WANN & WO: Was war Ihre persönliche Motivation, sich ehrenamtlich im „Weissen Ring“ für Opfer von Straftaten einzusetzen?

Stefan Denifl: Bevor ich die Leitung des „Weissen Rings Vorarlberg“ übernommen habe, war ich schon als Mitarbeiter in der Organisation tätig. Es ist mir wichtig, dass Opfer von Gewalttaten nicht noch zusätzlich durch Vertretungskosten belastet werden. Sie sollen eine zentrale Anlaufstelle bekommen, damit sie sich nicht alleine im Behördendschungel zurecht finden müssen. Ich habe durch meine juristische Tätigkeit mitbekommen, dass diesbezüglich in der Praxis noch ein Nachholbedarf besteht. Es hat mich auch beschäftigt, dass Opfer von Verbrechen noch größeren Belastungen ausgesetzt sind, als etwa solche von Naturgewalten. Gewalt durch anderen Menschen wird als völlig sinnlos eingestuft, da fehlt jedes Verständnis und das zu Recht.

WANN & WO: Wie finanziert sich die Organisation?

Stefan Denifl: Die Organisation finanziert sich in erster Linie aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Durch die Spenden können auch finanzielle Hilfeleistungen für bedürftige Opfer gewährt werden.

WANN & WO: Ob der Fall Michael P., der BH-Mord oder der Amoklauf in Nenzing: Bei besonders schrecklichen Verbrechen stehen Sie an vorderster Front für die Opfer ein. Wie schaffen Sie es, solche Fälle nicht zu nah an sich heran zu lassen?

Stefan Denifl: Wie in anderen Berufen auch, ist es natürlich wichtig, Berufliches und Privates zu trennen. Ein Tennisspiel nach der Arbeit kann da schon Wunder wirken. Zu Beginn des Falles ist man noch nicht so emotional involviert. Das steigert sich dann im Laufe des Verfahrens. Ich wollte aber noch keinen Fall vorzeitig beenden. Der emotional Belastendste, vor allem was die Verhandlungen betraf, war für mich der Mordfall (Anm. d. Red.: an einer hochschwangeren Frau) in Frastanz.

WANN & WO: Welche Änderungen im Vorarlberger Kriminal-Verhalten konnten sie in Ihren 20 Jahren als Jurist beobachten?

Stefan Denifl: Es wird weltweit viel über Straftaten und vor allem Gewaltverbrechen berichtet. Das führt sicher auch zum Gefühl einer Verunsicherung und der Einschätz-ung, dass die Kriminalität massiv angestiegen ist. Diese Befürchtungen werden jedoch nicht durch die österreichische Kriminalstatistik bestätigt. Zugenommen haben dafür Verbrechen unter Anwendung von Hieb- und Stichwaffen. Auch die Internetkriminalität hat sich weiter entwickelt, da geht es von Betrug bis zur Erpressung. Delikte wie „Sextortion“ (sexuelle Erpressung) oder „Romance Scam“ (eine Art moderner Heiratsschwindel), sind neu dazugekommen.

WANN & WO: Als Rechtsanwalt besteht Ihre Arbeit oft nicht gerade aus schönen Fällen. Wie schafft man es, trotzdem nicht den Glauben an die Menschheit zu verlieren?

Stefan Denifl: Es gibt natürlich schon auch angenehme Fälle, Gott sei Dank! Gerade bei der Arbeit für Gewaltopfer hat man auch viel mit hilfsbereiten Menschen zu tun. Ich bekomme das Gute im Menschen so auch laufend vorgelebt.

WANN & WO: Wie wirkte sich die Pandemie auf diese Situation aus?

Stefan Denifl: Die Corona-Situation, vor allem der Lockdown, hat zu einer Verlagerung von Gewalttaten in den häuslichen Raum geführt. Während dieses Zeitraumes gab es dafür beispielsweise weniger Raubüberfälle. Definitiv zugenommen hat jedoch auch die Internetkriminalität. Da ist es gerade wichtig, Kinder und Jugendliche über Gefahren ausreichend aufzuklären.

Zur Person: Dr. Stefan Denifl

Geburtsdatum, Wohnort: 18. März 1969, Dornbirn
Familienstand: Verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Matura (BG Bludenz), Studium der Rechtswissenschaften in Innsbruck
Beruf: Rechtsanwalt, Kanzlei Trojer & Denifl

Wordrap

Der „Weisse Ring“ steht für ... Verbrechensopferhilfe.

Ich bin Jurist geworden, weil ... ich den Job für abwechslungsreich gehalten habe.

Die Kriminalität in Vorarlberg ... könnte natürlich immer weniger sein, aber wir haben hier im Land eine erwähnenswert gute Aufklärungsquote.

Opfer von Verbrechen brauchen ... jemanden der ihnen zuhört.

So schalte ich nach der Arbeit ab ... mit meiner Familie, Sport und den Simpsons.

Die ganze Wann & Wo-Ausgabe lesen Sie hier

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