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FIFA vor Zerreißprobe: UEFA zückt Rot - Rufe nach Blatter-Rücktritt werden lauter

Tag der Entscheidung für FIFA und ihren Chef Blatter: Kongress oder kein Kongress?
Tag der Entscheidung für FIFA und ihren Chef Blatter: Kongress oder kein Kongress? ©EPA
Zürich. Die FIFA steht unmittelbar vor ihrem Wahlkongress vor der größten Zerreißprobe ihrer skandalumtosten Geschichte - und plötzlich scheint sogar die Position von Joseph Blatter als FIFA-Chef nicht mehr unantastbar. Machen die europäischen Verbände ihre Boykott-Andeutung wahr, hat der Weltverband ein echtes Problem. Und mit ihm auch Präsident Blatter. Die Entscheidung fällt in einem Hotel in Zürich.
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Nach den dramatischen Entwicklung mit Festnahmen und internen Sperren für mehrere Top-Funktionäre steht die FIFA vor einem Tag der Entscheidung. Fußball-Weltverbandsboss Joseph Blatter will trotz aller Anschuldigungen gegen sein Spitzenpersonal den 65. Kongress der FIFA-Historie unbeirrt am Donnerstagnachmittag in einem Zürcher Theater eröffnen. Auch die Präsidentschaftswahl soll nach dem Willen des 79-Jährigen am Freitag im Hallenstadion mit ihm und Prinz Ali bin al-Hussein als Kandidaten wie geplant stattfinden.

“Derartiges Fehlverhalten hat im Fußball keinen Platz. Wir werden dafür sorgen, dass alle daran beteiligten Personen aus dem Fußball entfernt werden”, sagte Blatter in einem FIFA-Statement zu den juristischen Verfehlungen der Funktionäre, die vom Weltverband noch am gleichen Abend suspendiert worden waren (mehr dazu weiter unten; Anm.)

Auch Webb und Figueredo unter Verdächtigen

Zuvor waren unter anderen seine Stellvertreter Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo von Schweizer Behörden unter Korruptionsverdacht festgenommen worden. Im Auftrag der US-Justiz hatte die Polizei sieben Verdächtige in Abschiebehaft genommen. Gegen insgesamt 14 Beschuldigte wird in den USA ermittelt. Zudem hatte die Schweizer Staatsanwaltschaft im Zuge der Ermittlungen um die WM-Vergabe 2018 und 2022 Dokumente in der FIFA-Zentrale beschlagnahmt.

Boykott? “UEFA zeigt FIFA die Rote Karte”

Seine europäischen Gegner haben die unverhoffte Gunst der Stunde offenbar erkannt und proben den Aufstand. In bislang nicht gekannter Wortwahl attackierten sie die FIFA-Führung und deuteten sogar die Möglichkeit eines Kongressboykotts an, sollte dieser nicht von der FIFA-Führung abgesagt werden. Der Kongress samt Wahlen müsse um sechs Monate verschoben werden, hieß es in einem Statement unter der Überschrift “UEFA zeigt dieser FIFA die Rote Karte”.

“Beim anstehenden FIFA-Kongress besteht die Gefahr einer Farce. Deshalb werden sich die europäischen Verbände genau überlegen müssen, ob sie überhaupt am Kongress teilnehmen sollen, um ein System zu verwarnen, welches – insofern es nicht gestoppt wird – den Fußball letztendlich töten wird”, hieß es in einer Pressemitteilung. Solch scharfe Töne sind einmalig in der einst auf Harmonie gebauten Funktionärswelt.

UEFA sieht dringenden Bedarf für Führungswechsel

“Aktuell sind die Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitees davon überzeugt, dass es zwingenden Bedarf für einen Führungswechsel in dieser FIFA gibt und dass der FIFA-Kongress verschoben werden sollte, um innerhalb der nächsten sechs Monate eine neuerliche FIFA-Präsidentschaftswahl zu organisieren”, hieß es in einem Statement. Die UEFA unterstützt Al-Hussein.

Windtner glaubt an “europäische Revolution gegen Blatter”

Mit Spannung wird erwartet, welche Ergebnisse eine Sitzung aller 53 bei der FIFA-Wahl stimmberechtigten UEFA-Mitglieder am Donnerstagmittag in einem Hotel in Zürich bringt. Dann muss die ungewohnt harsche Linie der Verbandsführung von den Nationalverbänden bestätigt werden, sonst hat die UEFA plötzlich ein internes Problem. Österreichs Verbandschef Leo Windtner sagte im ORF bereits, dass er nicht an eine europäische Revolution gegen Blatter glaube.

FIFA vor Zerreißprobe

Allein verhindern kann die UEFA eine Wiederwahl Blatters ohnehin nicht. Mit ihren 53 Stimmen stellt sie nur rund ein Viertel aller 209 FIFA-Mitgliedsländer. Ein kollektives Fernbleiben der wirtschaftlich stärksten Konföderation vom Kongress würde die FIFA aber vor eine echte Zerreißprobe stellen.

Rufe nach Rücktritt Blatters werden lauter

Der englische Verbandschef Greg Dyke forderte als Konsequenz aus dem Skandal in der Nacht in einem Interview den Rücktritt Blatters als FIFA-Chef.

Al-Hussein: “Die FIFA braucht eine neue Führung”

Herausforderer Al-Hussein forderte natürlich auch aus eigenem Interesse einen generellen Wandel: “Wir können so nicht weitermachen. Die Krise dauert an und ist nicht nur an die heutigen Ereignisse geknüpft. Die FIFA braucht eine Führung, die regiert, führt und unsere Verbände schützt.”

Rauball: “Blatter sollte dem Fußball einen großen Dienst erweisen”

Der als FIFA-Kritiker bekannte Ligapräsident Reinhard Rauball forderte leicht verklausuliert den Rücktritt Blatters: “Sepp Blatter – obgleich offensichtlich persönlich nicht betroffen – sollte dem Fußball einen großen Dienst erweisen. So kann es nicht weitergehen.”

Absage der Präsidentschaftswahl für Blatter keine Option

Während die Gegner des FIFA-Chefs aus der UEFA nach einer Sondersitzung in Warschau eine Verschiebung des FIFA-Kongresses forderten, verteidigte Blatter in einem schriftlichen Statement sein Krisenmanagement. Eine Absage der Präsidentschaftswahlen am Freitag, bei der er für eine fünfte Amtszeit gewählt werden will, sind für den 79-Jährigen keine Option. Die Stellungnahme Blatters im Wortlaut:

“Dies ist eine schwierige Zeit für den Fußball, die Fans und die FIFA als Organisation. Wir haben Verständnis für die Enttäuschung, die von vielen Seiten ausgedrückt wurde, und mir ist klar, dass sich die heutigen Ereignisse darauf auswirken, wie wir von vielen Seiten gesehen werden.

So unglücklich sich diese Ereignisse auch darstellen, muss klargestellt werden, dass wir die Handlungsweise und die Untersuchungen der U.S.-amerikanischen und der schweizerischen Behörden begrüßen und überzeugt sind, dass sie zur Durchsetzung der Maßnahmen beitragen, die die FIFA selbst bereits getroffen hat, um jegliches Fehlverhalten im Fußball auszumerzen.

Viele sind vom Tempo der Veränderungen enttäuscht, doch ich möchte die Maßnahmen unterstreichen, die wir getroffen haben und weiterhin treffen werden. Die heutige Aktion der Schweizerischen Bundesanwaltschaft wurde in Gang gesetzt, als wir selbst Ende des vergangenen Jahres ein Dossier an die schweizerischen Behörden übergeben haben.

Lassen Sie mich Folgendes klarstellen: Derartiges Fehlverhalten hat im Fußball keinen Platz. Wir werden dafür sorgen, dass alle daran beteiligten Personen aus dem Fußball entfernt werden. Im Anschluss an die heutigen Ereignisse hat die Unabhängige Ethik-Kommission, die selbst mitten in Ermittlungen in Bezug auf die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 steckt, sofort reagiert und die von den Behörden benannten Personen provisorisch von der Teilnahme an jeglichen Fußballtätigkeiten auf nationaler und internationaler Ebene ausgeschlossen. Diese Maßnahmen erfolgen zusätzlich zu vergleichbaren Schritten, die die FIFA bereits im vergangenen Jahr unternommen hat, um diejenigen Personen auszuschließen, die unseren eigenen Ethikkodex verletzen.”

De Gregorio: “Warum sollte er zurücktreten?”

Dass ein Rücktritt Blatters kein Thema sei, hatte FIFA-Sprecher De Gregorio bereits am Vortag auf der ersten Pressekonferenz nach bekanntwerden des größten Skandals in der Geschichte des internationalen Fußball-Verbandes betont. “Warum soll er zurücktreten? Er wird nicht verdächtigt”, sagte de Gregorio. (dpa/red)

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