„Stornierungen statt Reservierungen“

©Frederick Sams
Der ehemalige Fachgruppenobmann und Hohenemser Gastronom Andrew Nussbaumer (Palast und Dolce Vita) über die derzeitige Situation für Wirte.

von Alyssa Hanßke/Wann & Wo

WANN & WO: Welche Stimmung herrscht derzeit in der Branche?

Andrew Nussbaumer: Ich war bis zu diesem Jahr knapp 21 Jahre lang als Fachgruppenobmann der Gastronomie tätig und kann sagen, dass noch nie so schlechte Stimmung innerhalb der Branche herrschte. Besonders seit in drei Bundesländern, darunter auch Vorarlberg, die Herabsetzung der Sperrstunde auf 22 Uhr verkündet wurde. Wir sind das Bauernopfer für den Wintertourismus.

WANN & WO: Können Sie die Entscheidung der Regierung dennoch irgendwie nachvollziehen?

Andrew Nussbaumer: Meiner Ansicht nach war es eine absolute Fehlentscheidung! Jugendliche werden sich nicht von Politikern sagen lassen, was sie nach 22 Uhr zu tun haben. Das Feiern wird in den Privatbereich verlegt werden, wo es keine Kontrollen gibt. Einige Bars werden bestimmt versuchen, sich anzupassen und ihre Öffnungszeiten nach vorne verlegen. Doch das ist auch nur in einem begrenzten Maß möglich. In Vorarlberg ist es nicht üblich, gleich nach der Arbeit auszugehen. Davor wird in der Regel erstmal nach Hause gefahren, sich umgezogen, vielleicht noch etwas gegessen und erst dann in die Stadt zurückgefahren.

WANN & WO: Ist es in Zeiten wie diesen für Lokale überhaupt noch rentabel, den Betrieb zu öffnen?

Andrew Nussbaumer: Nicht wirklich, denn die Gäste dürfen derzeit ja auch nur noch an zugewiesenen Sitzplätzen konsumieren. Darum haben wir entschieden, zumindest unsere Bar bis auf Weiteres geschlossen zu halten. Selbiges höre ich übrigens auch von Nachtlokalen, deren Betrieb ja erst ab zehn Uhr richtig los geht.

WANN & WO: Im Sommer bestand immerhin die Möglichkeit die Gastronomie nach draußen zu verlagern. Wie sieht die Situation in der anstehenden kalten Jahreszeit aus?

Andrew Nussbaumer: Die Verlagerung der Gastronomie in den Outdoor-Bereich war alleine schon deshalb wichtig, weil sich die Gäste dort schon von Beginn an ohne Maske bewegen konnten. Die einzige Möglichkeit, die Gäste weiterhin draußen zu halten, wäre auf Weihnachtsmärkten. Durch die enormen Einschränkungen bleibt jedoch fraglich, ob es diese heuer überhaupt geben wird.

WANN & WO: Inwieweit betrifft Sie die Sperrstunde persönlich?

Andrew Nussbaumer: Die neue Regelung betrifft unser Lokal speziell am Wochenende, wo wir sonst in zwei Schichten arbeiten. Das ist nun nicht mehr möglich, wir müssen den Dienst in einer Einheit abwickeln. Vor Corona waren wir um diese Jahreszeit außerdem meistens mit Reservierungen für Weihnachtsfeiern beschäftigt – nun sind wir mit hunderten Stornierungen konfrontiert. Was unseren Punschgarten angeht, ist noch unklar, ob wir ihn heuer erstmals seit zwölf Jahren nicht veranstalten können. Im Moment ist noch sehr viel offen, was im schlimmsten Fall in einer Reduktion an Mitarbeitern gipfeln könnte.

WANN & WO: Vor wenigen Tagen erklärte Deutschland Österreich zum Risikogebiet. Was bedeutet dies für die Vorarlberger Gastronomie-Szene?

Andrew Nussbaumer: Die Reisewarnungen belasten unsere Gastronomie natürlich zusätzlich. Massiv betreffen wird es besonders die Gebiete um den Bodensee, die großteils von den Deutschen Gästen leben. Natürlich werden auch Herbstwanderer ihre Reisen stornieren, weil sie sich sonst testen lassen oder in Quarantäne begeben müssen. Andere lassen sich vielleicht auch von den scheinbar hohen Zahlen abschrecken.

WANN & WO: Auch vor den neuen Beschlüssen, war die Corona-Situation für die Gastronomie schon verheerend. Was sind die Hauptprobleme?

Andrew Nussbaumer: Ein großes Problem ist die Panikmache der Regierung. Viele Menschen sind verunsichert und haben große Angst vor einer Infektion. Die wieder verstärkte Maskenpflicht stört auch das Wohlfühlverhalten des Gastes. Durch die ganzen Richtlinien ist der ungezwungene Ablauf, den man von einem Gasthaus gewöhnt ist, nicht mehr möglich und so gehen die Leute auch weniger aus.

WANN & WO: Sie haben das Stichwort „Wintertourismus“ bereits kurz angeschnitten. Welche Rolle spielt dieser denn, Ihrer Meinung nach, bei der Entscheidung der Regierung?

Andrew Nussbaumer: Natürlich spielt er eine große Rolle. Der Wintertourismus ist für Vorarlberg sehr wichtig – sowohl für das Land als auch für die Gastronomie. Doch man sieht, dass die Buchungen derzeit erst bei knapp 30 Prozent liegen. Normalerweise wären das zu dieser Zeit bereits 90 oder 100 Prozent. Den Hoteliers geht es also gleich wie den Gastronomen mit den Weihnachtsfeiern: Sie kommen entweder gar nicht und wenn doch, dann sehr kurzfristig, weil sich die Situation in ein bis zwei Monaten noch nicht abschätzen lässt.

WANN & WO: Was müsstevonseitenn der Regierung passieren, um der Branche unter die Arme zu greifen?

Andrew Nussbaumer: Die Regierung muss grundlegend ihr Konzept verändern. Personen, für die eine Infektion gefährlich werden kann, die Risikogruppen, müssen abgesondert werden. Doch die „Normal-bevölkerung“ sollte nicht unter den Vorschriften leiden müssen. Ich frage mich immer: Wie gefährlich kann ein Virus sein, das ich selbst nicht merke? Auf das ich erst getestet werden muss, um die Bestätigung zu erhalten, krank zu sein?

WANN & WO: Zwanzig Jahre lang bekleideten Sie das Amt des Fachgruppenobmanns der Sparte Gastronomie. Heuer haben Sie das Zepter an Mike Pansi weitergegeben, der heute aus persönlichen Gründen nicht zum Interview erschienen konnte. Was zeichnet den 40-Jährigen als würdigen Nachfolger aus?

Andrew Nussbaumer: Mike ist nebenbei auch Präsident des Koch-Verbandes und bringt ein sehr großes Wissen mit, was Küche und Kulinarik anbelangt. Ich bin überzeugt, dass er auch die anderen Probleme, die es in der Gastronomie gibt, versteht, dementsprechend reagiert und die Sorgen der Branchen richtig wiedergibt.

WANN & WO: Eine neue Ära steht auch der Palast Gastronomie. Wie steht es um den geplanten Verkauf?

Andrew Nussbaumer: Ich habe das Lokal angeboten, aber noch nicht verkauft. Einen Ort für Veranstaltungen in Zeiten von Corona, wo es keine Veranstaltungen gibt, zu verkaufen, ist denkbar schwierig. Daraufhin taten sich meine Mitarbeiter zusammen und beschlossen, ihr Können unter Beweis zu stellen. Bis Jänner führt das Team die Palast Gastronomie in meinem Namen weiter, danach werden Bilanzen gezogen. Ob die Mitarbeiter das Lokal anschließend übernehmen, auch mit Beteiligung, wird sich noch zeigen.

WANN & WO: So angespannt die Situation in der Branche auch sein mag, sollten wir abschließend die schönen Seiten Ihres Lebenswerks Revue passieren lassen. Was lieben Sie so an der Gastronomie?

Andrew Nussbaumer: Die Gastronomie ist eine total spannende Branche. Man kann wortwörtlich über den Tellerrand hinaus schauen, mit Menschen kommunizieren und sie dazu bringen, neue Produkte kennenzulernen und Genuss zu erlernen. Ich war immer schon gerne Gastgeber! Im Zuge meiner Position als Fachgruppenobmann wurde ich mit Aufgaben und Fragen konfrontiert, die in einem Betrieb alleine nicht in dieser Form entstanden wären. Das hat mich inspiriert, mit Menschen den Kontakt zu suchen, mit denen man als Betriebsinhaber sonst nicht in Kontakt kommt. Es fasziniert mich außerdem, dass es so viele Mitarbeiter gibt, die Gastfreundschaft wirklich leben und sich auch nach einer 60-Stunden-Woche immer noch über jeden Gast freuen.

Zur Person: Andrew Nussbaumer

Geburtstag: Wohnort: 2. Jänner 1961, Höchst
Familienstand: Vater zwei erwachsener Kinder
Ausbildung: Hotelfachschule Villa Blanka, Innsbruck
Gastronomien: Palast Gastronomie, Dolce Vita
Titel: ehemaliger Fachgruppenobmann Gastronomie

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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