Spitäler durch Fake News und Drohbriefe belastet

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Hohe Infektionszahlen und steigende Bettenbelegung haben die Vorarlberger Krankenhäuser zu einer Einschränkung ihrer Leistungen veranlasst. Zusätzlich gibt es jetzt noch Probleme ganz anderer Natur.

Die OP-Kapazitäten sind überall zurückgefahren worden. Die Absage von geplanten Eingriffen hat für die Betroffenen oft weitreichende Konsequenzen. Zusätzlich Belastung erfahren Vorarlbergs Krankenhäuser mit Drohbriefen und Fake-News.

Es ist ein Silberstreif am Horizont: Bei den Neuinfektionszahlen lässt sich ein Rückgang erkennen. Der Höhepunkt der Herbstwelle scheint überschritten. In den Krankenhäusern ist die Situation allerdings noch immer höchst angespannt. "Da Corona-Erkrankte in der Regel erst nach zehn bis 14 Tagen spitalspflichtig werden, steigt die Belegung weiter an", erläutert Direktor Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft. Derzeit müssten insgesamt 130 Corona-Patienten stationär behandelt werden, 22 von ihnen auf der Intensivstation. "Damit verzeichnen wir eine Zunahme von 65 Prozent auf der Normalstation beziehungsweise knapp 40 Prozent im Intensivbereich in den letzten zwei Wochen."

Jede vierte Operation fällt aus

Am Schwerpunktkrankenhaus Feldkirch wird im Augenblick noch auf neun der zwölf verfügbaren Operationstischen operiert. Das OP-Programm ist in den vergangenen Wochen um ein Viertel reduziert worden, quer über alle medizinischen Fächer. Dabei handelt es sich bei den Abteilungen am LKH Feldkirch vielfach um Monopolabteilungen. Das bedeutet, dass die hier durchgeführten Eingriffe nirgendwo sonst in Vorarlberg angeboten werden.

"Dringliche, lebensnotwendige Operationen werden selbstverständlich weiterhin gemacht", schickt Dr. Wolfgang Hofmann, Primararzt der Gefäßchirurgie, beruhigende Worte vorweg. Welche weiteren Eingriffe durchgeführt würden, darüber entscheide in allen Fachbereichen ein ärztliches Gremium. "Wir kommen regelmäßig zusammen, um die OP-Koordination zu besprechen und eine Prioritätenliste festzulegen", schildert Hofmann die Vorgehensweise, "und dies im Bewusstsein, dass hinter jedem Eingriff Einzelschicksale stehen. Wir bemühen uns nach Kräften, für all unsere Patienten das Bestmögliche zu erreichen."

Dennoch muss auch in der Gefäßchirurgie derzeit jeder vierte Eingriff abgesagt werden. Betroffen sind vorwiegend Krampfadern-Operationen. Aber auch umfangreichere Eingriffe, die eine Überwachung auf der Intensivstation erfordern, müssen abgewogen werden. Nicht nur weil die Infrastruktur für die Versorgung von Corona-Erkrankten benötigt wird. Auch weil ein Teil des Anästhesiepersonals, das für die Narkose und die Begleitung während einer Operation verantwortlich ist, jetzt auf der Covid-Station eingeteilt ist.

Längerer Leidensweg von Patienten

Die von einer Absage betroffenen Patienten haben sich meist über lange Zeit, auch mit der Familie, auf ihre bevorstehende Operation vorbereitet und sich mit dem Arbeitgeber abgestimmt. Plötzlich kommt alles anders. Für Schmerzpatienten verlängert sich damit ihr Leidensweg auf unbestimmte Zeit. Einen Ersatztermin können die Spitäler seriöserweise keinen nennen. Hinzu kommt, dass das vor jeder Operation obligatorische fachliche Aufklärungsgespräch in der Anästhesieambulanz nach einer gewissen Zeit verfällt und dann nachgeholt werden.

Belastung für Personal

Nicht alle Betroffenen zeigen dafür Verständnis. Manche reagieren mit Unmut, Sorgen und Ängsten bis hin zu Aggressionen auf die Hiobsbotschaft. All diese Reaktionen und Emotionen müssen die Mitarbeitenden abfangen. "Für unser Personal ist die Absage so vieler OPs daher nicht nur mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden, sondern zugleich eine psychische Belastung", verdeutlicht Wolfgang Hofmann und ergänzt: "Natürlich würden auch wir lieber operieren, doch die momentane Lage lässt das nun mal nicht zu."

Umso wichtiger ist dem Mediziner die Feststellung, dass es sich um eine noch nie dagewesene Ausnahmesituation handelt: "Unser Gesundheitssystem hat bisher immer höchst zuverlässig funktioniert und stellt seine Leistungsfähigkeit in dieser Pandemie noch immer eindrucksvoll unter Beweis - sowohl bei der Versorgung von Covid-19-Patienten als auch zwischen den Wellen." So wurden 2019, im Jahr vor der Corona-Krise, in den Landeskrankenhäusern an die 38.000 Operationen durchgeführt. 2020 waren es bis Jahresende mit 37.000 Operationen fast gleich viele.

Aufholjagd geht an die Substanz

Eine "Aufholjagd" hat auch das Krankenhaus Dornbirn erfolgreich hinter sich gebracht. Eingriffe in solch einem Ausmaß nachzuholen, geht beim Personal jedoch unwillkürlich an die Substanz. Verena Bischof, Pflegerin auf der Intensivstation, schildert die anhaltende Belastung für das Intensivpersonal: "Im vergangenen Herbst, in der ersten großen Welle, haben alle zusammengehalten, alles gegeben. Die Corona-Welle flachte dann zwar ab, aber für uns ging es nahtlos weiter. Nun wurde jede freie Minute genutzt, um die vielen Operationen nachzuholen." Als Folge des hohen Arbeitspensums verbunden mit großer Personalknappheit und kaum mehr Regenerationsphasen seien die Mitarbeitenden zunehmend erschöpft.

Hoher Pflegeaufwand bei Covid-Patienten

Der pflegerische Aufwand auf der Intensivstation ist grundsätzlich hoch. Und bei Corona-Erkrankten sei er noch viel höher, erzählt Verena Bischof: "Die Patienten kommen mit großer Atemnot und Lufthunger zu uns. Allein um die benötigte Sauerstofftherapie und nicht-invasive-Beatmung einzuleiten und einzustellen, muss eine Pflegekraft über mehrere Stunden abgestellt werden." Ein weiterer Aspekt sei, dass die Arbeit unter der Schutzkleidung schwerer von der Hand gehe: "Die Schutzbrille schränkt das Sichtfeld dermaßen stark ein, dass jeder Handgriff mehr Zeit kostet."

Ein deutlicher Unterschied zeigt sich nicht zuletzt in Bezug auf die Liegedauer. "Frisch Operierte erholen sich meist recht rasch und können nach zwei bis fünf Tagen auf die Normalstation verlegt werden", berichtet Bischof aus ihrer Erfahrung. "Im Gegensatz dazu brauchen Covid-19-Patienten, insbesondere wenn sie intubiert werden müssen, oft zehn Tage oder länger intensivmedizinische Betreuung." Dieses Intensivbett steht in dieser Zeit nicht für die postoperative Überwachung oder für sonstige Notfälle zur Verfügung, sodass nicht nur eine, sondern sogar mehrere geplante Operationen abgesagt werden müssen.

Zwei OPs in Dornbirn geschlossen

Die hohen Infektionszahlen und die steigenden Belastungen zwangen auch das KH Dornbirn dazu, Leistungen einzuschränken. Zwei Operationssäle wurden geschlossen. Verena Bischof ist froh, dass dieser Schritt wertvolle Unterstützung in Form von Kollegen aus dem Anästhesie-Team freigespielt hat, die nun auf der Intensivstation mitanpacken. Dort wird Unterstützung dringend gebraucht. "Wir sind eine Kategorie Stufe 1 Intensivstation, das bedeutet postoperativ kann eine Pflegekraft je nach Intensität bis zu drei Patienten betreuen. Covid-Patienten sind sehr viel betreuungsintensiver, wie zum Beispiel das Gewöhnen an die Maske sowie die Bauchlagerung und sonstige Lagerungsmanöver, die durch die vielen Zugänge erschwert sind. Hier reden wir von Kategorie Stufe 3, das bedeutet eine Pflegefachkraft konzentriert sich komplett auf einen Patienten. Das ist extrem herausfordernd für das gesamte Team.

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