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„Virus erzeugt Leid und Angst“

©Privat
Dr. Bettina Mikulec aus ­Bregenz ist Physikerin am Kernforschungszentrum CERN. Mit W&W sprach sie über die Bedeutung der Wissenschaft, CERN im Kampf gegen COVID-19 und neiderfüllte, aber auch kritische Blicke aus der Schweiz nach Österreich.

von Harald Küng/ Wann & Wo

WANN & WO: Frau Dr. Mikulec: Wären Sie nicht Physikerin geworden, wäre die Medizin ihr Fach geworden. Die aktuelle Situation muss für Sie eine spannende sein?

Bettina Mikulec: Als „spannend“ würde ich das Ganze nicht beschreiben. Dieses Wort ist positiv behaftet, die Pandemie allerdings erzeugt Leid und Angst. Was sich derzeit aber klar zeigt, ist, wie wichtig die Wissenschaft für die Menschheit ist. Die ganze Welt hofft auf einen baldigen Impfstoff, Virologen, Ärzte, Statistiker und andere Wissenschaftler versuchen  fieberhaft, die Eigenschaften des Virus besser zu verstehen, um Leben retten und die Maßnahmen zum Schutz von Mensch und Wirtschaft optimieren zu können. Für mich ist es das Erfüllendste und Spannendste, an etwas beteiligt zu sein, das den Menschen und der Natur helfen kann – sei es auf dem Gebiet der Medizin, der Umwelt, der Physik, Biologie etc. – oder einfach im zwischenmenschlichen Bereich.

WANN & WO: Unter dem Motto  „CERN against COVID-19“ sammeln derzeit rund 17.000 Forscher Ideen zum Kampf gegen das Virus. Was können Sie darüber berichten?

Bettina Mikulec: Praktisch vom ersten Tag der Ausgangsbeschränkungen an entstand die Idee, dass CERN mit der vorhandenen Infrastruktur sicherlich auch einen Beitrag in dieser Krise leisten könnte. Alle Mitarbeiter wurden aufgerufen, Ideen einzureichen – das Engagement und die Beteiligung waren bislang unglaublich! Eine eigens dafür ins Leben gerufene Taskforce untersucht die Ideen und ihre Machbarkeit und organisiert Kontakte mit der WHO und umliegenden Institutionen.

WANN & WO: Können Sie ein Beispiel für ein solches Projekt nennen?

Bettina Mikulec: Unter anderem wurden am CERN in Zusammenarbeit mit Ärzten neuartige Beatmungsgeräte entwickelt. Dafür lag die tolle Idee zugrunde, sich das Wissen um die Kontrolle von Gasströmungen zunutze zu machen, das bereits standardmäßig bei CERN-Experimenten angewandt wird. Dadurch konnte man auch die Labors auf dem CERN-Gelände nutzen und die Techniker einsetzen, um einen Beitrag in dieser Krise zu leisten.

WANN & WO: Gibt es noch weitere Ideen, die bereits realisiert werden konnten?

Bettina Mikulec: Neben den Beatmungsgeräten wurden über 1200 Liter Handdesinfektionsmittel nach Rezept der WHO hergestellt und an lokale Einrichtungen verteilt sowie Plexiglas-Schutzpanele für Polizeistationen in Frankreich produziert. Nach einem Hilferuf wurden für das Spital in Annecy mithilfe von 3D-Druckern feste Gesichtsmasken hergestellt, und es wird am Design von Mundmasken für medizinisches Personal gearbeitet. Außerdem ist CERN über spezielle IT-Technologien am Projekt ‚openUp2U‘ beteiligt – einer kostenlosen Online-Lern-Plattform für Schulen und Universitäten in ganz Europa.

WANN & WO: Wie gestaltet sich die Lage allgemein am CERN? Steht der übliche Forschungsbetrieb durch das Virus still?

Bettina Mikulec: Zu Beginn der Krise standen alle Teilchenbeschleuniger am CERN bereits seit etwa 14 Monaten still. Es wurden umfangreiche Verbesserungen durchgeführt, um einen neuen Sprung in der Leistung zu erzielen. Wir waren gerade an den letzten Installationen und vorbereitenden Tests, um die ersten Beschleuniger wieder in Betrieb zu nehmen. Diese unglaublich spannende und herausfordernde Phase musste nun auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Viele CERN-Mitarbeiter können jedoch auch von zuhause aus arbeiten, etwa an der detaillierten Planung des Hochfahrens der Beschleuniger, an Simulationen oder der Datenanalyse der letzten Jahre. Es gibt auch so noch genug zu tun! Die Anzahl der Besprechungen ist nicht kleiner geworden – nur finden diese nun in virtuellen Besprechungsräumen statt.

WANN & WO: CERN befindet sich unmittelbar an der schweizerisch-französischen Grenze. Beide Länder wurden von Sars-CoV-2 hart getroffen. Wie sieht die Situation vor Ort aus?

Bettina Mikulec: CERN hat bereits am 20. März alle Installationen gesichert. Außer einigen Mitarbeitern, welche die Infrastruktur am Laufen halten, arbeitet der Rest seither in Heimarbeit. Natürlich gehen meine Gedanken zuerst an die Menschen, die erkrankt sind – auch einige CERN-Mitarbeiter sind betroffen – sowie an Ärzte, Krankenhauspersonal und alle Menschen, die ständig der Gefahr ausgeliefert sind, angesteckt zu werden. Die Situation ist für alle nicht leicht, speziell mit kleinen Kindern zuhause. Außerdem dürfen wir die so nahe Grenze nicht mehr überqueren. Für diejenigen, die in Frankreich wohnen, ist es schon etwas depremierend, dass ein paar hundert Meter weiter die Schweizer viel weniger restriktive Regeln befolgen müssen, obwohl die Dichte der Infizierten in Genf im Vergleich zu der eher ländlichen Gegend jenseits der Grenze höher ist. Leider ist die Situation in Frankreich sehr kritisch und auch in der Schweiz ist die Zahl der Todesopfer auf die Einwohnerzahl bezogen viel höher als in Österreich.

WANN & WO: Als Bregenzerin beobachten Sie die Lage in Österreich wohl auch genau. Wie werden die österreichischen Maßnahmen in der Schweiz wahrgenommen?

Bettina Mikulec: Hier schielt man wohl auch mit etwas Neid über die Grenze, da die Entwicklung der Epidemie in Österreich bislang einen viel besseren Verlauf genommen hat. Aus diesem Grund wird die Schweiz zwei Wochen später als Österreich ebenfalls erste Locker­ungen unternehmen. Ich denke, es wird während dieser zwei Wochen aber auch kritisch beobachtet werden, wie sich die Lage in Österreich weiterentwickelt.

Kurz gefragt

Was fasziniert Sie an der Physik? Meine Neugier ausleben zu dürfen und noch unerforschten Gebiete durch klug durchdachte Experimente näherzukommen sowie an der Aufgabe mitarbeiten zu können, den Ursprung, den Aufbau und die weitere Entwicklung unserer Welt besser verstehen zu lernen.

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Zur Person

Alter, Wohnort, geboren in: 50, Genf, Bregenz
Familienstand: Verheiratet, zwei Töchter
Karriere: Studium am Institut für Hochenergiephysik sowie der Universität Wien. Seit 1995 am Schweizer Kernforschungszentrum CERN in Genf tätig, wo sie seit dem Jahr 2006 am ATLAS-Detektor forscht.

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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