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So einfach kann das Leben sein

Lochau, Graz. Martin G. Wanko lebt in Graz und Lochau. Letzte Arbeiten: „Die Wüste lebt“ (uraufgeführt vom Vorarlberger Landestheater), „Seelendschungel“ (Krimi).

Vierzehn Tage in Venedig können sehr anstrengend sein, wenn man versucht ist, jeden Palazzo und jede Kirche aufzusuchen, oder entspannend, wenn es einem gelingt, ein bisschen das Venedig der Einheimischen zu erspüren. Es ist drei Uhr nachts und ich höre keinen Laut. Wirklich kein Geräusch. Fast gespenstisch leise ist es, und ich überlege mir, nochmals kurz hinaus in die Stadt zu gehen. Kein Geräusch – und doch in der Stadt. Kaum zu glauben. Ich schaue aus dem Fenster, und die Häuserzeile gegenüber ist verdunkelt. Der Koch, der sich zum Rauchen immer aus dem Fenster lehnt, schläft. Die Familie, die immer so geräuschstark fernsieht, dass die ganze Gasse beglückt wird sowie die alte Frau, die mit ihren drei Katzen einen Stock tiefer wohnt, haben kein Licht mehr an. Alles schläft. Ich bekomme Lust auf einen kleinen Spaziergang und nehme den Müll mit auf den Weg. Den Müll muss man neuerdings trennen, man stellt ihn vor die Türe, so wird er in den Morgenstunden entsorgt. Drei steile Treppen habe ich zu überwinden, ich zähle mit, vielleicht zähle ich nur deshalb mit, weil ich es doch ein bisschen unheimlich finde, wenn alles so still ist. Insgesamt 96 Stufen, das kann für einen alten Menschen sehr viel sein. Aufzüge gibt es in der ganzen Stadt keine. Die einzige Weltstadt ohne Aufzüge, ohne Autos, Motorräder und Fahrräder. Ich stelle den Metallmüll vor die Haustüre, die Dosen machen einen verräterischen Lärm, aber das kümmert nicht einmal die Möwen, die einen ansonsten mit gellenden Lauten fast auslachen. Einzig mein Schritt hallt. Venedig kann sehr still sein. Ich habe das Glück, mit meiner Frau und meiner Tochter in einer wunderschönen doppelstöckigen Literatenresidenz in Venedig sein zu dürfen, um meinen Roman fertigzustellen, also nicht Mestre, nicht der Lido, sondern tatsächlich San Paulo, im Herzen der Lagunenstadt. Ohne Gedränge sind es genau fünf Minuten zum Rialto, der Mutter aller Brücken Venedigs. Vorbei an der sehr gemütlichen Osteria von den Zwillingen Giovanni und Marco schlendere ich die Rugheta del Ravano entlang, die in die Ruga Vechia San Giovanni mündet. Von dort sind es nur noch ein paar Schritte auf der Ruga del Oresi, und schon steht man vor dem monumentalen Ponte di Rialto. Den Versuch, wie lange man für diesen Weg ohne touristischem „Gegenverkehr“ braucht, habe ich gestern am frühen Morgen mit meiner Tochter Clarissa gemacht. Um fünf Uhr in der Früh stand sie plötzlich vor mir und teilte mir mit, dass sie nicht mehr schlafen könne. Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und schlug ihr vor, mit mir auf den Fischmarkt zu gehen, auf den Campo della Pescaria, den es nun schon über 1000 Jahre mehr oder minder unverändert gibt. Und plötzlich, ganz unverhofft, kommt einem immer wieder der gleiche Gedanke: Eigentlich gehe und stehe ich auf dem Wasser. Eine Stadt in das Meer zu bauen, klingt wie eine infantile Idee, die Idee eines Kind-Königs, dessen absurde Vorschläge in die Tat umgesetzt werden müssen: Das Festland ist zu eng, warum also nicht ins Wasser hinaus bauen. Auf dem Weg zum Markt weicht die Dämmerung einem satten blauen Himmel. Die Sonne geht im Rücken der Stadt auf und wirft in den Canal Grande ihre ersten Strahlen. Ein Bild, das sehr knapp am Kitsch vorbeigeht. Jedoch sollte man dem Versuch widerstehen, Venedig zu romantisieren. Man darf nicht vergessen, dass man mit dem Triumph ins Wasser bauen zu können, eines der angriffslustigsten und zugleich handelstüchtigsten Völker aus der Taufe hob: Die Venezianer. Der Venezianer ist auch heute noch ein wilder Hund: Während gerade in diesem Moment ein einsamer Fotograf auf dem Rialto steht und ein Postkartenfoto macht, brettert ein Venezianer mit seinem Motorboot durch den Kanal, als wäre hinter ihm die Sintflut. An sich verboten, da die Bausubstanz darunter leidet. Das kümmert den Einheimischen jedoch herzlichst wenig. Was der Venezianer erbaut hat, darf der Venezianer auch wieder zerstören, so der nicht verkitschte Anschein. Die Vaporetti machen unaufhaltsam ihren Dienst, auch in der tiefen Nacht fährt die Linie 1 wie ein Geisterschiff vom Bahnhof Santa Lucia bis zum Lido und zurück. Geht die Sonne auf, beginnt die Stadt zu pulsieren. Die Vaporetti füllen sich langsam. Die Bewohner aus Mestre, dem aufgeblähten Geschwür an der Prunkstadt, werden mit den Verkehrsschiffen in die Stadt gebracht, um ihren Jobs nachzugehen. Lastenträger bringen Nahrungsmittel zu kleinen Geschäften, die wohl nirgends auf der Welt noch eine Daseinsberechtigung hätten, außer eben in der Lagunenstadt. Ein anderer Lastenträger schleppt auf seinem Handwagen einen TV-Apparat hinter sich her. Er nimmt die Kurven sehr eng und wirft einen hastigen Blick auf den Lieferschein. Noch ist sein Körper trocken und sein Kopf kühl. In einigen Stunden wird sein T-Shirt durchgeschwitzt sein und mit einem hochroten Kopf wird er sich lautstark alle paar Meter Gehör verschaffen, um mit seinem Handwagen durchs Getümmel zu kommen. Und so wie der Lastenträger macht es ein jeder, der ohne Motorboot unterwegs ist. Venedig ist zu Land ausschließlich durch Fußmärsche zu bezwingen. Die Stadt hat sich im Grunde die letzten 400 Jahre nicht verändert, und es ist nicht verwunderlich, dass das Alltagsleben als Real-Vorlage für viele Hollywood-Filme dient: Von „Harry Potter“ bis „Jack the Ripper“, spielt immer ein bisschen Venedig mit. Im Übrigen haben wir einen Trolley dabei. In Venedig besitzt jeder Haushalt mindestens einen Trolley, mit dem geht man dann durch die halbe Stadt, um in ein Kaufhaus zu gelangen. Hätte ich mir im Übrigen auch nie gedacht, dass das Logo eines Supermarkts in mir wirklich einmal so herzhafte Freude auslösen könne. In ganz Venedig gibt es tatsächlich bloß zwei oder drei Supermärkte, die diese Bezeichnung zumindest annähernd verdienen. Aber mit dem Trolley kommt man auch ohne Supermarkt aus. Am Markt kauft man Fisch, Fleisch und Gemüse, beim Bäcker frisches Brot und Milch. Und so nebenbei erlebt man kleine Gemeinheiten mit: Die Wurstverkäuferin, die eine Japanerin ohne nötiger Zählkarte eisern ignoriert, bis sie entnervt das Geschäft verlässt, der Chef einer Osteria, der sich über verzweifelte amerikanische Touristen amüsiert, die nun schon das fünfte Mal bei ihm vorbeikommen und ihr Hotel nicht finden, der Gondoliere, der eine Familie aus Deutschland schon nach 45 Minuten absetzt, obgleich er ihnen die doppelte Fahrzeit versprochen hat und nun pathetisch sämtliche Heilige der Stadt zur Hilfe ruft und die Familie so ganz nebenbei aus der Gondola befördert. Der Tagestourist ist ein nötiges Übel, mit dem man Geschäfte macht. Der Venezianer hat gelernt, durch sie hindurchzuschauen als ob sie Luft wären. Hält man sich einige Tage länger in der Stadt auf, werden die Menschen sehr freundlich, fast so als wäre man einer von ihnen. Ein kurzer Platzregen am Markusplatz ist immer ein Ereignis. Den Touristen gehen die Stadtpläne aus dem Leim, ein Donna-Leon-Krimi bleibt aufgeschlagen vor dem Caffe Florian liegen und bläht sich auf wie ein toter Fisch im Hafenbecken, Menschen stürmen unter die Arkaden des Dogenpalasts und beobachten einen Einheimischen, der mit einer „Gazetta dello Sport“ über dem Kopf im hoffähigen Schritt den Gang über den Platz wagt. Der Schauer verwandelt sich zu Hagel, die letzte zurückgebliebene Taube drängt sich gegen eine Mauer. Nach zehn Minuten ist das Schauspiel vorbei, und der Kellner wischt gleichgültig die Hagelkörner von den Kaffeehaustischen. Einige Tauben haben es nicht geschafft, sie liegen tot in den Pfützen. Nun kommen die Möwen auf ihre Rechnung. Sie hacken in die Bäuche der toten Vögel und bedienen sich. Venedig kann sehr mörderisch sein, ganz ohne Krimi. Weil wir gerade bei Tauben sind: Die Venezianer scheinen einen eigenen Umgang mit Gesetzen zu haben. Vor zwei Jahren wurde mit viel Trara das Gesetz besiegelt, das das Taubenfüttern auf dem Markusplatz verbietet, da die unkontrollierte Taubenvermehrung zur Stadtplage geworden ist. Also hat man einen bis dorthin begehrten Job verboten: Kleine Säckchen mit Maiskörnern zu verkaufen. Und heute? Jedes Kind füttert die Vögel mit mitgebrachtem Brot, und die Polizei schaut großzügig weg. Ein nicht zu lösendes Problem ist kein Problem. So einfach kann das Leben sein. Apropos Florian: Das altehrwürdige Caffe am Markusplatz ist wohl auch deshalb berühmt, weil die Preise sündhaft hoch sind und so den Ruf einer Stadt ruinieren, die im Grunde nicht teuer ist. In einer kleinen Gasse hinter dem Markusplatz kostet der Espresso 1 Euro 20 Cents. Unweit vom Rialto zahlt man für eine Pizza, ein Glas Wein, einen Espresso und einen Nachtisch in Summe keine 12 Euro. Natürlich ist man dort wieder im Venedig der Einheimischen angelangt, wo die Speisekarten ohne touristenfreundliche Übersetzungen auskommen und ein sehr harter venezianischer Dialekt gepflegt wird. Dort hat man so wenig das Gefühl in Italien zu sein, wie sonst kaum wo auf der Apenninischen Halbinsel. Das Zweitunwichtigste nach dem Touristen scheint der Italiener zu sein. So hatte ich das einzige Mal das Gefühl, tatsächlich in Italien zu sein, als ich die Ansichtskarten mit italienischen Briefmarken frankierte. Doch im Anflug der Nacht verflüchtigen sich diese Bilder. Wieder Stille. Außer bei den kleinen Wellen in den dunklen Kanälen. Die lecken unaufhaltsam am Stein und bringen einem die Vergänglichkeit nahe. Auch Schönheit und Ästhetik haben nicht das Privileg, unendlich lange zu verweilen. Irgendwann ist alles vorbei, auch für Venedig. „Kontakt“ mit dem heutigen Österreich hatte ich zumindest drei Mal: Der herrlich erfrischende und leuchtend orange Aperol Sprizz ist im Grunde ein mit Soda aufgespritzter Weißwein und einem Schuss Aperol, dem etwas helleren Pendant zum Campari. Den sollen tatsächlich einfallsreiche Österreicher in einer Bar am Canal Grande erfunden haben. Im Theater von Venedig wird vom 3. bis 7. Dezember 2008 das Teatro di Roma mit Thomas Bernhards Stück „Ritter Dene Voss“ gastieren. Und die zwei vorhin angesprochenen Supermärkte kommen aus Österreich. Da knallen einem zwischen altehrwürdigen Bauten fünf gelbe Buchstaben auf rotem Grund entgegen: Billa.

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