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Sinnvolle Legalisierung oder blinde Profitgier?

Stiplovsek
Stiplovsek ©Konrad Steurer vor dem Bild, das die Einladung seiner Abschiedsparty zierte. Das Werk stammt von der Dornbirner Künstlerin Stefanie "Momo" Beck.
Joachim Mangard (VOL.AT) joachim.mangard@russmedia.com
Konrad Steurer gründete 1993 die Drogenberatungseinrichtung „Die Faehre“. Im W&W-Sonntagstalk blickt der Diplomierte Sozialarbeiter zurück und spricht über Cannabis-Legalisierung, aktuelle „Trend“-Drogen und die Politik.

WANN & WO: Was hat Sie dazu bewegt, 1993 „Die Faehre“ in Dornbirn zu gründen?

Konrad Steurer: Mit meinen 27 Jahren erhielt ich nach meinem Abschluss die Chance, eine progressive Therapie- und Beratungseinrichtung im Land zu etablieren, auch weil sich meine Diplomarbeit um die praktische Arbeit damals in Bludenz gedreht hat. So entstand der Trägerverein „Die Faehre“, der auch die Substitutionstherapie und andere progressive Methoden in Dornbirn anbieten konnte. 

Konrad Steurer im Interview im Dornbirner Krafthaus. ©Stiplovsek

WANN & WO: Wieso der Name „Die Faehre“?

Konrad Steurer: Fähren sind Transportmittel, für Menschen, die ein Ziel vor Augen haben und einen Untersatz auf Zeit benötigen. Im Wort „Faehre“ spiegeln sich die Begriffe „Fähre“, „Ähre“ und „Ehre“ wider. Begrifflichkeiten, die auch als Metaphern für  unsere Ausrichtung gesehen werden können.

WANN & WO: Mit welchen Problemen hatten Sie im konservativen Land Vorarlberg zu kämpfen?

Konrad Steurer: Zunächst war es nicht einfach, einen Arzt zu finden, der unsere Therapie auch nach den gesetzlichen Vorlagen begleiten konnte. Substitution war damals nur eine „Ultima Ratio“, also für Schwerkranke, und weniger als Therapie, wenn es eine Indikation gibt. Wir wollten von Anfang an nicht nur eine Versorgung anbieten, sondern viel mehr die Therapie dazu. Das Problem an der Wurzel bekämpfen, und nicht nur die ­Symptome behandeln. 

Vor 30 Jahren gründete Konrad Steurer die Drogenberatungseinrichtung u0022Die Faehreu0022. ©Stiplovsek

WANN & WO: Wie hat sich der Drogenkonsum in den letzten 30 Jahren verändert?

Konrad Steurer: Heroin, Kokain, Cannabis gab es damals schon, Designerdrogen wie Exstasy kam damals auf. Die größte Veränderung ist sicherlich der Vertriebsweg. Damals kam man nur als Szene­angehöriger zu seinem Stoff. Heute kann man Drogen bequem übers Darknet, völlig anonymisiert im Internet bestellen. Man darf nicht vergessen, dass der Drogenhandel ein Riesengeschäft darstellt. Aktuell werden wir von Kokain überschwemmt.

Konrad Steurer vor dem Bild, das die Einladung seiner Abschiedsparty zierte. Das Werk stammt von der Dornbirner Künstlerin Stefanie u0022Momou0022 Beck. ©Stiplovsek

WANN & WO: Spiegelt die Art der aktuell häufig konsumierten Suchtmittel die Gesellschaft wider? Greifen Jugendliche vielleicht auch aufgrund des gestiegenen Leistungsdrucks zu aufputschenden Mitteln wie Drogen oder Amphetaminen? 

Konrad Steurer: Definitiv. Es ist schön, Jugendschutzgesetze zu haben. Aber hier wird zu wenig hingeschaut. Kokain, Amphetamin oder Research Chemicals haben stark zugenommen. Europa ist inzwischen der drittgrößte, weltweite Drogenproduzent, auch aufgrund der chemischen Ausrichtung. Deswegen ist es wichtig, Substanztests anzubieten – allein aus Schutz, denn überall wo viel Geld verdient wird, besteht auch die Gefahr, dass hier gefährliche Inhaltsstoffe an Jugendliche verkauft werden.

Konrad Steurer möchte sich jetzt mehr aufs Coaching und die Supervision konzentrieren, auch in der Politik. ©Stiplovsek

WANN & WO: Was bedeutet die Cannabis-Legalisierung in Deutschland für Vorarlberg?

Konrad Steurer: Das Modellland Vorarlberg wäre an sich ein schöner Gedanke, gerade im Dreiländereck mit unterschiedlicher Gesetzeslage. Wir brauchen aber eine völlig neue Drogenpolitik, schon allein um Cannabis zu schützen. Denn inzwischen reden wir hier von hochgezüchteten Sorten, die teilweise mit Research Chemicals besprüht werden und hochpotent sind. Ich bin aber auch kein großer Freund eines staatlichen Monopols, denn hier steht wiederum die Profitgier im Mittelpunkt. Cannabis darf nicht noch mehr in den kapitalistischen Markt eindringen. Und eine Legalisierung darf nicht aus Profitdenken heraus passieren.

Das Krafthaus als Galerie im Rhomberg-Areal in Dornbirn. ©Stiplovsek

WANN & WO: Der Rausch auf Rezept: Benzodiazepine sind ebenfalls auf dem Vormarsch – wie kritisch stehen Sie zu Medikamentenmissbrauch oder dem leichtfertigen Verschreiben von Psychopharmaka?

Konrad Steurer: Immer mehr junge Menschen driften auf „Benzos“ ab. Durch leichtfertige Rezeptabgaben drängen diese Medikamente auf den Schwarzmarkt und gelangen auch in die Hände von Jugendlichen. Vielleicht auch bedingt durch Musik, die diesen Rausch aufgegriffen hat. Benzodiazepine sind ein wirksames Medikament, das aber nur auf einen beschränkten Zeitraum verabreicht werden darf. Und gerade in Kombination mit anderen Drogen wie Alkohol können sie zu einer tödlichen Mischintoxikation führen. Vom riesigen Abhängigkeits­potenzial mit irreversiblen Schäden ganz zu schweigen. Natürlich gibt es sicherlich Ärzte, die Medikamente fahrlässig verschreiben. Das geschieht aber auch oft aus Zeitmangel, wie eine Art „Breitband-Antibiotika“. Es fehlt schlichtweg an den Ressourcen, um den Menschen eine adäquate Behandlung zuteilwerden zu lassen. Ähnlich sehe ich das bei den Apotheken. Sie sind primär Gesundheitseinrichtungen. Und sollen nicht zu Geschäftszwecken missbraucht werden, gerade wenn es um die kontrovers diskutierte Pharmaindustrie geht. Hier sprechen wir von einem Fehler im System und es geht nicht darum, Sündenböcke zu suchen oder zu verurteilen. 

WANN & WO: Rückblickend: Worauf sind Sie besonders stolz?

Konrad Steurer: Es gäbe so vieles wie grenzübergreifende Projekte (EU: Needles and Pins), Substanztestungen auf Raves, Kunst-Camps, uvm. Besonders erfolgreich war auch die Zusammenarbeit mit Justiz, Ministerium und Exekutive bei der Erstellung eines gemeinsamen Leit­fadens für das Konzept „Therapie statt Strafe“. 

WANN & WO: Was sind ihre Pläne für die Zeit nach der „Faehre“?

Konrad Steurer: Nach einer Auszeit möchte ich meinen breiten Erfahrungsschatz teilen. Aktuell schreibe ich auch gerade an einer persönlichen Geschichte. Außerdem möchte ich als Supervisor und Coach, gerade auch im politischen Bereich, tätig werden. Und der Sprung in die Politik reizt mich nach wie vor, nicht nur seit der Gründung von unserer Partei „Der Wandel“. Abschließend möchte ich mich bei allen Wegbegleitern bedanken. Und ich weiß, dass „Die Faehre“ in guten Händen ist.

Konrad Steurer übergibt u0022Die Faehreu0022 in kompetente Hände. ©Stiplovsek

Zur Person: Konrad Steurer

Wohnort, Alter: Dornbirn, 57 Jahre
Familienstand: in Partnerschaft lebend
Ausbildung, Beruf: Diplomierter Sozialarbeiter, Supervisor und Coach, ­politischer Bildner, gründete 1993 „Die Faehre“
Hobbys: Lesen, Schreiben, Schach, Taekwondo, Laufen

(WANN & WO)

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