"Sind keine Insel der Seligen"

ifs Extremismusexperte Benjamin Gunz sieht die Strukturen im Land gut ausgebaut, um Radikalisierungen entgegenzuwirken.
ifs Extremismusexperte Benjamin Gunz sieht die Strukturen im Land gut ausgebaut, um Radikalisierungen entgegenzuwirken. ©Sams
Die Stimmung nach dem Anschlag in Wien ist angespannt – auch im Ländle, sagt Benjamin Gunz von der ifs Extremismusprävention und betont: Auch in Vorarlberg werden Feindbilder kreiert.

Von Harald Küng (WANN & WO)

„Warum in Österreich?“ Diese Frage haben sich wohl viele Menschen im Land gestellt, als der islamistische Täter am Abend des 2. Novembers mit einem Maschinengewehr mordend durch die Wiener Innenstadt zog. Doch kam die Tat tatsächlich so überraschend? „Die Frage ist, wie der Begriff ,überraschend‘ definiert wird. Klar ist, dass radikale Gruppierungen in ganz Europa präsent und wir schon über Jahre mit Terror und Gewalt konfrontiert sind“, stellt Gunz klar und betont: „Es wäre Unfug zu behaupten, dass eine solche Tat auch in Vorarl­berg zu 100 Prozent auszuschließen ist, auch wenn hier bereits gute Strukturen und Netzwerke geschaffen wurden und stetig ausgebaut werden, um den Themen Radikalisierung und gewaltbereitem Extremismus (Rechts- und Linksextremismus, Islamismus, Rassismus, Sekten, …) entgegenzuwirken.“

ifs: Steigende Anfragen seit Terror in Wien

Auch im Ländle zeige die tragische Tat ihre Wirkung, die Anfragen in der ifs Extremismusprävention seien zuletzt gestiegen, so Gunz: „Ängste und Verunsicherungen in Bezug auf eventuelle Gefährdungen liegen vor. Wir nehmen einen massiven Wunsch nach Sicherheit wahr.“ Der Experte betont, dass radikale Einstellungen, rassistische Haltungen und Ausgrenzungen auch in Vorarlberg unbedingt thematisiert werden müssen. „Diese Themen sind aufgrund der aktuellen Situation ja nicht neu – Ausgrenzung von Menschen/ -gruppen und Rassismus wurden in Vorarlberg schon vor dem Anschlag gelebt. Die Stimmung ist angespannt und die Angst, etwas zu übersehen, hoch. Zugleich zeigt dies, dass Vorarlberg sich bewusst ist, dass wir keine ,Insel der Seligen‘, ein ,wir alle‘ sind, auch wenn wir dies gerne wären. Abwertung, Wut, Hass, Frust und Zorn sind Tagesthemen – auch die Bevölkerung im Ländle kreiert Feindbilder. Diesen stellen wir uns. Wir leben gemeinsam in einem Land mit demokratischen Werten – lasst uns als Lösungsansatz gewaltfreie Gespräche führen.“

„Wir sind gefordert, reflektiert zu denken“

Die Gesellschaft weise aktuell eine „hohe Sensibilität für die Thematik auf“, sagt Gunz. Es sei bedeutend, genau hinzusehen, allerdings nicht in Hysterie zu verfallen: „So wie der Fokus aktuell liegt, treten Klischees und Vorurteile in den Vordergrund. Wir alle leben mit diesen. Ziel ist es, diese zu reflektieren und hinter die ,Fassade‘ zu blicken. Zuschreibungen und Schuldvergaben bringen keine Lösungen mit sich. Keinesfalls ist diese Tat zu rechtfertigen. Die Bürger sind aufgefordert, zusammenhängend und reflektiert zu denken und zu leben. Zuschreibungen bringen Stigmatisierungen mit sich, welche für ein gemeinsames Miteinander hinderlich sind.“ Laut Gunz werden Herkunft, Religionszugehörigkeit sowie Kultur, politisch sowie von Mensch zu Mensch, zu sehr in den Fokus gestellt. Dies bringe allerdings Verurteilungen mit sich, Unsicherheit und Unruhe werden verbreitet. Weiters würden Fakten oft verdreht – Stichwort „Fake News“ –, instrumentalisiert und missbraucht, um negative Bilder zu erzeugen. „Ob diese Bilder, Geschichten und Erzählungen der Wahrheit entsprechen, muss allerdings hinterfragt werden. Ein Mensch begeht eine grausame Tat, was nicht bedeutet, dass eine Gruppe verantwortlich gemacht werden darf. Gewalt und  radikales Gedankengut dürfen nicht verharmlost werden. Nicht die Herkunft, der Glaube und/oder die Kultur tragen deshalb Verantwortung für den tödlichen Terror – es ist und wird immer die handelnde Person bleiben.“

„Entscheidend ist, wie wir mit unseren Erstimpulsen umgehen“

Eva Grabherr, okay.zusammen leben: „Ich erhielt nach dem Anschlag Anrufe junger Muslime aus Vorarlberg und Wien, die große Sorge vor persönlichen Reaktionen hatten und sich nicht mehr auf die Straße trauten. Von anderen habe ich gehört, wie Menschen davon sprachen, was ,wir uns da in den letzten Jahren alles ins Land geholt haben‘. Ich beurteile nicht Erstreaktionen Einzelner auf solche erschütternden Ereignisse: Entscheidend ist, wie wir mit unseren Erstimpulsen umgehen und vor allem, wie die Verantwortungsträger unserer Gesellschaft reagieren.“

Infobox

Links  zum Thema Extremismusprävention:

  • Die ifs Extremismusprävention ist Anlaufstelle für all jene, die befürchten, dass sich ihr Kind, ihr Bruder und/oder ihre Schwester, ihr Freund oder ihr Schüler einer radikalen Gruppierung zuwendet oder sich mit radikalem Gedankengut beschäftigt. Weitere Informationen auf der Internetseite www.ifs.at/­extremismuspraevention.html
  • Telefonnummer: 05 1755 507, E-Mail: extremismuspraevention@ifs.at
  • Bei der Beratungsstelle Extremismus (BEX) gibt es unterstützendes Material, um zum ­Thema zu arbeiten: www.beratungsstelleextremismus.at
  • Die Webseite Extremismus.info richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene ­zwischen 15 und 25 Jahren und bietet neben einem Spiel und einem Kurzfilm auch zahlreiche ­Materialien für den Unterricht: www.extremismus.info
  • „Jamal al-Khatib – Mein Weg“ ist die Idee und Geschichte eines jungen Mannes, der sich nach seinem Rückzug aus der dschihadistischen Szene und seiner Distanzierung von der dschihadistischen Ideologie dafür einsetzt, andere Jugendliche davor zu bewahren, die ­gleichen Fehler zu machen: www.turnprevention.com/jamal
  • Die Plattform „aufwerten“ dient dazu, relevante und ausgewählte Maßnahmen zur ­Prävention von abwertenden Haltungen unterstützend zur Verfügung zu stellen: www.aufwerten.at

(WANN & WO)

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