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Sieben Minuten verändern die Fußballwelt

Bregenz – Sieben Minuten dauert die Diskussion am 23. Juli 1966, als Schiedsrichter Rudolf Kreitlein im WM-Spiel England-Argentinien den argentinischen Kapitän vom Platz stellen will.

Am Tag danach erfinden Kreitlein und sein Schiedsrichterkollege Ken Aston die gelbe und rote Karte. Die siebenminütige Diskussion ist derzeit als Originalfilm in einer Ausstellung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg in Bregenz zu sehen. Rudolf Kreitlein hat sich das Zeitdokument dort am Donnerstag persönlich angeschaut.

„Ich pfeife streng nach den Regeln und möchte, dass ich auch verstanden werde.” Diese klaren Worte richtete Schiedsrichter Rudolf Kreitlein kurz vor dem Anpfiff an die Spieler beider Teams in den Kabinen. Genutzt hat es nicht viel: Als er Antonio Ubaldo Rattin in der 37. Minute vom Platz schicken will, tut dieser so, als verstehe er nichts. Die sieben Minuten, die darauf folgen, sind berühmt geworden: Das ganzes Stadion gerät in Rage, das Spiel steht kurz vor dem Abbruch, bis Rattin dann doch das Feld verlässt.

Mit Polizeischutz aus dem Stadion

„Ich habe 1700 Spiele geleitet und nur zwei Platzverweise erteilt.” Der Stuttgarter Rudolf Kreitlein, inzwischen 88 Jahre alt, steht in der Ausstellung in der Werkstattbühne des Festspielhauses Bregenz vor der Wand, auf der ein Schwarz-Weiß-Film immer wieder jene legendäre Szene aus dem Wembley-Stadion zeigt. Noch heute ist Kreitlein die Aufregung dieser sieben Minuten anzumerken. „Die Aufgabe eines Kapitäns ist es, sich um seine zehn Spieler zu kümmern – aber nicht den Schiedsrichter zu kritisieren”, sagt er. Nach dem Match wurde er damals mit Polizeischutz aus dem Stadion geleitet: „Der argentinische Co-Trainer hat an meinen Kleidern gezerrt – die wollten mir die Schiedsrichter-Uniform ausziehen.”

Kreitleins Schiedsrichterdress von 1966 – den der Schneider übrigens selbst genäht hatte – ist eines der Ausstellungsstücke der Fußballschau „Das Wunder von Bregenz”, die das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Bregenz zeigt. Die Schau präsentiert ein nie da gewesenes „Jahrhundertspiel”: Sie zeigt die Highlights der Fußballgeschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darunter auch die 37. Minute der Partie England-Argentinien vom 23. Juli 1966.

EM-Schiedsrichter pfeifen kleinlich

Die damalige siebenminütige Diskussion auf dem Fußballplatz blieb nicht ohne Folgen: Ken Aston, Chef der FIFA-Schiedsrichter, kam auf der Heimfahrt vor einer Ampel auf die Idee, die Schiedsrichter künftig mit farbigen Karten auszustatten. Am nächsten Tag erzählte er Kreitlein davon. „Das ist eine sehr gute Idee”, fand dieser – und auch die FIFA war begeistert: Vier Jahre später zog Schiedsrichter Kurt Tschenscher bei der WM 1970 die erste gelbe Karte.

Und was hält Schiedsrichterlegende Rudolf Kreitlein von seinen Kollegen, die dieser Tage die EM-Spielen leiten? „Die haben die Anweisung, sehr kleinlich zu pfeifen. Dabei geht manchmal das schöne Spiel verloren.” Wenn er rote und gelbe Karten sieht, denkt Kreitlein übrigens heute noch: „Das sind doch meine! Die haben wir erfunden!” Und was sich seit 1966 auf dem Fußballplatz verändert hat, ist für ihn auch ganz klar: „Heute wissen die Spieler, dass sie bei einer roten Karte nichts mehr reden müssen.”

Info: www.das-wunder-von-bregenz.de

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