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"Sie sagten, es sei unmöglich"

Eva Pinkelnig sprach im W&W-Sontags-Talk auch über die Zeit nach ihren schweren Stürzen.
Eva Pinkelnig sprach im W&W-Sontags-Talk auch über die Zeit nach ihren schweren Stürzen. ©Sams
Vergangene Woche hat die Dornbirner Skispringerin Eva Pinkelnig mit zwei Silbermedaillen in der Weltmeisterschaft ihren bisherigen Karrierehöhepunkt erreicht. W&W sprach mit ihr über Erfolge, Rück-schläge und das System Spitzensport.
Eva Pinkelnig im Sonntags-Talk
NEU
Eva Pinkelnig jubelt über Silber
Nordische WM: Pinkelnig jubelt

Von: Anja Förtsch (WANN & WO)

WANN & WO: Erstmal Gratulation zu deinen jüngsten Medaillen! Wenn man sich die Übertragungen anschaut, fällt auf, dass wohl kaum jemand so sehr jubelt wie du. Ist das typisch für dich, auch privat?

Eva Pinkelnig: Ja, ich bin sehr extrovertiert und auch emotional. Und das muss dann einfach raus (lacht).

WANN & WO: Dabei war das letzte Jahr nicht so rosig für dich. Du hattest drei schwere Stürze, die teils traumatisch waren. Manch anderer hätte vielleicht gar nicht weitergemacht. Wie hast du dich aus dem Loch wieder rausgeholt und den Mut gefunden, wieder da hochzugehen?

Eva Pinkelnig: An Mut hat es nie gefehlt, der war immer da. Es waren eher die neurologischen Verletzungen viel schwerwiegender als wir zuerst angenommen hatten. Besonders das Balancegefühl war total erledigt. Wenn ich nur auf einem Bein stehen sollte, bin ich umgefallen. Daran haben wir im Sommer jeden Tag akribisch gearbeitet. Mir wurde auch mehrfach gesagt, dass es nicht mehr geht. Als ich mit 24 Jahren mit dem Skispringen angefangen habe, wurde mir schon gesagt, dass das unmöglich sei. Und jetzt mit den Stürzen war es dann noch unmöglicher.

WANN & WO: Wer hat dir das gesagt? Ärzte?

Eva Pinkelnig: Trainer, das Umfeld, Experten. Aber ich habe gemerkt, dass in mir noch eine Glut ist und es nur einen kleinen Funken braucht, damit das Feuer wieder brennt. Die Funken sind immer stärker geworden und jetzt brodelt das Feuer wieder (grinst).

WANN & WO: Sind die Bilder von den Stürzen denn noch im Kopf, wenn du heute am Balken sitzt?

Eva Pinkelnig: Nicht mehr. Anfangs war das schon so. Wir haben dann mit Mentaltraining und Visualisierung gearbeitet. Man schließt die Augen und stellt sich den Sprung vor, mit allen Sinnen: Sind die Zehen kalt? Was sehe ich? Was spüre ich? Was habe ich für einen Geschmack im Mund? Bin ich nervös? Dann kann ich mir den perfekten Sprung vorstellen und – das ist das Besondere beim Visualisieren – ich kann Teilabschnitte stoppen. Im Fall von Obersdorf beispielsweise habe ich damit angefangen, mir vorzustellen, wie ich mir die Bindungen anziehe. Da hat es mir anfangs schon den Magen umgedreht, da wollte ich nicht springen. Ein paar Tage später habe ich es wieder probiert und bin gedanklich am Balken gesessen, konnte aber nicht losfahren. Und so weiter, so habe ich jeden Teil des Sprungs neu sortiert, neu wieder erlernt und auch meinem Kopf beigebracht: Es ist okay, es ist safe. Die längste Phase war über dem Vorbau, da hatte es mich ja überschlagen. Auch beim Visualisieren hatte ich an der Stelle das Gefühl: Jetzt passiert etwas Schreckliches. Ich hab diese unguten Emotionen, diese Ohnmachtsgefühle, dann genommen und habe sie Jesus ans Kreuz geworfen. Er nimmt für uns alles auf sich und so kamen in diese Situation überm Vorbau Ruhe und Frieden. Danach sind meine damaligen Sprünge wieder besser geworden. Weil ich wieder vertraut habe, über dem Vorbau wieder die Sicherheit hatte. Ich wusste, die Ski sind da, sie tragen mich, die Sprunggelenke sind angezogen, der Körper ist in der perfekten Spannung.

WANN & WO: Wie viel macht so ein mentales Training am gesamten Training aus?

Eva Pinkelnig: Ich glaube, es verschiebt sich immer wieder. Aber im Prinzip passiert Skispringen zu 80 Prozent im Kopf.

WANN & WO: Du warst ja mit 24 Jahren Quereinsteigerin und hattest davor schon verschiedene Sachen ausprobiert, bist Skirennen gefahren, hast Fußball gespielt. Hattest du immer schon einen Plan B und hast du auch jetzt einen?

Eva Pinkelnig: Ich gehe einfach immer Schritt für Schritt. Ich bin aufgewachsen in dem Wissen und Glauben, dass Gott einen Plan hat. Er meint es gut mit uns, auch wenn ich manche Dinge nicht verstehe. Ich sehe jetzt bei den Sprüngen teilweise, warum das passiert ist, ganz verstehe ich es trotzdem nicht. Aber ich vertraue darauf, dass er es im Griff hat. Er sieht das große Ganze und dadurch brauche ich keinen Plan B. Natürlich macht man sich Gedanken. Aber als ich etwa mit dem Skirennen aufgehört habe, habe ich die Matura gemacht, dann habe ich Freizeitpädagogik studiert, dann habe ich als Erzieherin gearbeitet – einfach immer den nächsten Schritt. Stillstand ist etwas, das ich nicht mag.

WANN & WO: Apropos: Viele Menschen machen Sport als Ausgleich zum Job. Was machst du als Ausgleich, wenn der Sport schon dein Job ist?

Eva Pinkelnig: Anderen Sport. (lacht)

WANN & WO: Das heißt, Pause gibt es nicht?

Eva Pinkelnig: Gibt es schon, das ist auch ganz wichtig. Ich geh dann am See spazieren oder liege auf dem Sofa und lese ein Buch. Aber ich bewege mich einfach gern, ich gehe zum Beispiel wandern oder klettern. Ich spiele auch hobbymäßig immer noch Fußball, mit dem Laufverein „All guat druff“ aus Dornbirn. Das macht einfach Spaß und ist für mich auch abschalten. In die Berge gehen erdet mich, das zeigt mir wie klein ich bin gegenüber der Größe Gottes. Und wie unwichtig viele Dinge sind, über die ich mich gerade aufrege.

WANN & WO: Du siehst durch den Sport viel von der Welt. Zieht es dich nie woanders hin?

Eva Pinkelnig: Je mehr ich reise, desto lieber komme ich heim. Seefeld war wunderschön, aber ich habe mich trotzdem auf daheim gefreut. Das heißt für mich eben auch immer Freunde und Familie.

WANN & WO: Das Soziale ist also ein zentraler Punkt für dich?

Eva Pinkelnig: Absolut. Das ist nicht immer einfach, vor allem jetzt während der WM war es schwer. Mein Handy hat permanent geklingelt, das war schon verrückt. Ich danke auch allen für ihre Nachrichten. Ich habe sie alle gelesen, aber ich konnte nicht antworten, das ging nicht. Ich habe es nur auf die Familie und eine Handvoll enger Freunde beschränkt, alles andere war einfach zu viel. Und es galt ja auch, sich zu konzentrieren.

WANN & WO: Der Doping-Skandal beherrscht gerade die Schlagzeilen. Was denkst du, als Sportlerin, wenn du so etwas hörst?

Eva Pinkelnig: Ich möchte gar nicht viel dazu sagen. Wir haben es auch angesichts unserer eigenen Wettbewerbe gar nicht richtig mitbekommen. Ich bin einfach froh, dass es in meinem Sport kein
Thema ist.

WANN & WO: Du bist also auch nie mit so etwas in Berührung gekommen?

Eva Pinkelnig: Nein, das ist ganz weit weg.

WANN & WO: Kannst du dir erklären, wie es zu so etwas kommt?

Eva Pinkelnig: Es fehlt einfach an Werten, an Menschlichkeit. Generell unter den Spitzensportlern, unter den Trainern, im gesamten Spitzensport. Da gehört auch der Doping-Skandal dazu, das hat mit Menschlichkeit, mit Wertschätzung und Respekt zu tun. Diese Dinge sind einfach verlorengegangen, die sind nicht anwesend. Und das ist schade.

WANN & WO: Du meinst, der Leistungsgedanke überstrahlt alles?

Eva Pinkelnig: Ja. Die Leistung steht über der Menschlichkeit. Natürlich muss die Leistung im Mittelpunkt stehen, Sponsoren zahlen dafür, dass wir gewinnen. Aber ich glaube fest daran, dass beides Hand in Hand auch geht.

WANN & WO: Das Jahr ist für dich schon phänomenal gestartet. Was steht noch an, sportlich und privat?

Eva Pinkelnig: Im Sommer wartet wieder viel Training. Darauf freue ich mich schon. Im April werde ich auch noch ein bisschen Skifahren.Irgendwann nach der Saison geht es auch schon mal in den Urlaub. Und dann freue ich mich auch schon wieder auf die nächste Weltcup-Saison.

WANN & WO: Hast du eine Lieblingsschanze?

Eva Pinkelnig: Generell Großschanzen. Umso größer die Schanze, desto lieber. (lacht)

WORDRAP

Erfolg: Nicht in Medaillen messbar.
Rückschläge: Gehören einfach dazu.
Mut: Ist etwas Angeborenes.
Angst: Spannend, sie zu überwinden.
Ziele: Wieder mehr Menschlichkeit im Spitzensport.

Zur Person

Name: Eva Pinkelnig (30) Wohnort: Dornbirn Geboren: 27. Mai 1988 Ausbildung, Beruf: studierte Freizeitpädagogin, heute Heeressportlerin in der Disziplin Ski Nordisch/Skispringen

(WANN & WO)

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