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„Sexualisierte Gewalt passiert, wo Grenzen überschritten werden!“

©Wann & Wo
WANN & WO sprach mit Angelika Atzinger, Geschäftsführerin vom Verein Amazone, u.a. über das Joko und Klaas-Video „Männerwelten“.

von Alyssa Hanßke/Wann & Wo

WANN & WO: Ein von den beiden ProSieben-Moderatoren Joko und Klaas unter dem Titel „Männerwelten“ veröffentlichtes Video über sexualisierte Gewalt an Frauen schlägt derzeit hohe Wellen. Die behandelte Problematik ist jedoch nicht unbekannt. Warum löst das Thema also Ihrer Meinung nach gerade jetzt Kontroversen aus?

Angelika Atzinger: Mich hat es auch gewundert, dass das Video so viel Beachtung findet. In den letzten Jahren ist immerhin viel  über das Thema gesprochen worden: Wir hatten beispielsweise Kampagnen wie #aufschrei oder #metoo und dass viele Mädchen und Frauen in ihrem Alltag Gewalt erfahren, ist auch nichts Neues. Ich glaube, es hat sehr viel mit der Prominenz von Joko und Klaas zu tun. Dass die beiden Männer sind, ist sicherlich auch ein Aspekt. Es hat damit zu tun, dass diese Stimmen mehr gehört werden als andere, etwa von Gewalt betroffene
Mädchen und Frauen.

WANN & WO: Die Moderatoren sagen selbst, dass ein bloßes Video diese Situation nicht lösen wird. In wie weit trug es dennoch zu einer Verbesserung der Situation bei und was muss weiter getan werden?

Angelika Atzinger: Es ist natürlich wichtig, auf die Situation hinzuweisen und Bewusstsein dafür zu schaffen. Um die Situation zu verändern, braucht es aber sehr viel mehr: stärkende Frauen- und Mädchenarbeit, niederschwellige Unterstützungsangebote, Sensibilisierung für Jungen und
Männer, Täterarbeit, Gewaltprävention, Sexualpädagogik und Arbeit gegen Geschlechterrollenbilder in allen Lebensbereichen. Gerade jetzt nicht entsprechend Ressourcen dafür zur Verfügung zu stellen, halte ich für absolut fatal.

WANN & WO: „Männerwelten“ zeigt unter anderem auf, wie viele verschiedene Formen es von sexualisierter Gewalt gibt. Einer der angesprochenen Punkte wird in den sozialen Netzwerken besonders diskutiert: Das Verschicken von anzüglichen Nachrichten oder Bildern. Wie ernstzunehmend sind Formen der virtuellen Belästigung?

Angelika Atzinger: Alle Formen von Belästigung sind ernst zu nehmen. Tatsächlich ist das Verschicken von eindeutigen Nachrichten und Bildern im Netz ein großes Thema, mit dem wir im Mädchenzentrum und in der Mädchen-beratung stark konfrontiert sind. In unseren Workshops „#followme – Sicherheit durch Medienkompetenz“ sehen wir, dass das für viele – auch schon sehr junge Mädchen – Teil ihres Alltags geworden ist.

WANN & WO: Dennoch werden oft nur besonders heftige Fälle thematisiert, etwa Vergewaltigung und Missbrauch. Wo fängt sexualisierte Gewalt jedoch wirklich an?

Angelika Atzinger: Mädchen- und Fraueneinrichtungen und feministische Initiativen versuchen schon seit Jahrzehnten, die Vielschichtigkeit von Gewalt aufzuzeigen. Auch hier sieht man wieder, dass Betroffenen oft wenig geglaubt oder ihre Erfahrungen heruntergespielt werden. Sexualisierte Gewalt passiert dort, wo Grenzen überschritten werden. Und diese Grenzen muss jede Person zu jedem Zeitpunkt für sich selbst bestimmen können.

WANN & WO: Im Internet machten einige Männer ihrem Ärger Luft, angeblich keine Frau mehr ansprechen zu können, ohne irrtümlich als Missetäter dargestellt zu werden. Wann wird aus vermeintlichem Flirten sexuelle Belästigung?

Angelika Atzinger: Flirt und sexuelle Belästigung sind zwei grundlegend verschiedene Dinge: Ein Flirt basiert etwa auf gegenseitigem Einverständnis, sexuelle Belästigung hingegen nicht. Reden und Nachfragen kann da sehr hilfreich sein!

WANN & WO: Einer der emotionalsten Punkte des Videos: Das Ausstellen der Kleidung von betroffenen Frauen, als sie Opfer einer Vergewaltigung wurden. Warum versuchen Menschen Ihrer Meinung nach, vielleicht auch unbewusst, eine solche Tat mit der Kleidung der Betroffenen zu rechtfertigen?

Angelika Atzinger: Gleich vorweg: Ein Mädchen oder eine Frau ist niemals schuld daran, in eine solche Situation geraten zu sein, ganz egal, was sie trägt. Dass das Outfit mit der Gewalttat in Verbindung gebracht wird – und das passiert meiner Meinung nach oft sehr bewusst – hat wohl viel mit alten Rollenbildern zu tun und damit, dass Männer lange über die Körper (und das Verhalten) von Frauen bestimmt haben.

WANN & WO: Laut dem Video werden nur zehn Prozent aller Vergewaltigungen tatsächlich den Behörden gemeldet. Woran liegt das?

Angelika Atzinger: Ich glaube, das hat sehr viele Gründe: Gewalt ist immer noch ein Tabuthema. Betroffenen wird häufig nicht geglaubt oder ihnen wird eine Mitschuld gegeben. Vernehmungen bei Polizei und Gerichtsverfahren sind langwierig und häufig retraumatisierend, die Verurteilungsquote ist sehr gering. Es ist sehr gut nachvollziehbar, dass viele Mädchen und Frauen das nach einer Vergewaltigung nicht auf sich nehmen können oder wollen.

WANN & WO: Ein Thema, das im Video nicht so deutlich zur Sprache kam ist häusliche Gewalt. Welchen Einfluss hatten die Corona-Virus-bedingten Ausgangsbeschränkungen auf diese Problematik?

Angelika Atzinger: Gewalt in Beziehungen und zu Hause war auch schon vor Corona ein großes Thema: Denn Gewalt passiert in den meisten Fällen nicht in einer dunklen Straße, sondern in den eigenen vier Wänden. In Krisensituationen verstärken sich diese Mechanismen – in den letzten Wochen waren die meisten Menschen viel zu Hause, mit Unsicherheiten, prekären Situationen und Existenzängsten konfrontiert. In der Mädchenberatung wird das auch sichtbar: Wir stellen ein Drittel mehr Beratungsbedarf als im vergangenen Jahr zu diesem Zeitpunkt fest.

WANN & WO: Oft wird vermutet, dass die Thematik eher in Großstädten problematisch ist. Wie sieht die Situation in Vorarlberg aus?

Angelika Atzinger: Ich glaube nicht, dass das stimmt. Studien und Erfahrungen in Beratungs- und Opferschutzstellen zeigen: Gewalt passiert in der Stadt und auf dem Land, quer durch alle Schichten. In Großstädten ist Gewalt auf der Straße zwar ein größeres Thema, aber wir wissen ja, dass Gewalt meistens in den eigenen vier Wänden und im sozialen Umfeld ausgeübt wird.

WANN & WO: Was können Betroffene von sexualisierter Gewalt tun?

Angelika Atzinger: Betroffene können sich immer an Beratungsstellen wenden und dort Hilfe und Unterstützung dahingehend bekommen, welche Möglichkeiten es gibt, etwa Polizei, Frauenhaus etc. Die Mädchenberatung des Vereins Amazone berät Mädchen und junge Frauen von zehn bis 25 anonym und kostenlos. Die Frauen-Helpline gegen Gewalt ist rund um die Uhr unter 0800 222 555 erreichbar.

WANN & WO: Welche Rolle spielt die Wiedereröffnung von Jugendhäuser in Sachen Schutz und Erlebnisbewältigung für Betroffene?

Angelika Atzinger: Ich glaube, dass es ganz entscheidend ist, dass Jugendliche kompetente Ansprechpersonen vorfinden, die in solchen Situationen unterstützen und weitervermitteln können. Auch der Austausch mit anderen Jugendlichen kann hier sehr wichtig sein. Das Mädchenzentrum Amazone ist wieder geöffnet! Infos zu den Zeiten und Angeboten gibt es auf unserer Homepage oder in den Sozialen Medien. Auch die Mädchenberatung ist telefonisch und via E-Mail erreichbar.

WANN & WO: Erst kürzlich wurde jedoch öffentlich, dass sich der Verein Amazone in einer finanziell sehr unsicheren Situation befindet. Wie sieht die Situation jetzt aus?

Angelika Atzinger: Die Situation ist grundsätzlich prekär und hat sich in den letzten Wochen zunehmend verschärft: Der Verein Amazone ist großteils projektfinanziert und viele Projekte sind in der derzeitigen Situation nur eingeschränkt umsetzbar. So ist eine Planbarkeit sehr schwierig und die Arbeitssituation für das Team sehr prekär. Auf lange Sicht gestaltet sich eine qualitätsvolle Arbeit als enorme Herausforderung.

WANN & WO: Was würde ein Ende des Vereins bedeuten?

Angelika Atzinger: Das Ende des Vereins Amazone würde bedeuten, dass feministische Mädchenarbeit in Vorarlberg plötzlich fehlen, dass wertvolle Expertise und Erfahrung in geschlechterreflektierender Arbeit verloren gehen und dass es an Angeboten, Räumen und Ansprechpersonen fehlen würde, die für viele Jugendliche und Erwachsene wichtig sind. Das Verständnis für Jugendliche und ihre Bedürfnisse habe ich in den letzten Wochen oft vermisst.

Wordrap

Mädchenarbeit ist wichtig, weil ...... sie Anliegen transportiert, die wenig bis gar nicht gehört werden und Mädchen* Freiräume für eine Entwicklung abseits von Rollenbildern erleichtert.

Der Verein Amazone steht für ... ... die Vision einer geschlechter-
gerechten Gesellschaft.

Feminismus bedeutet …... Gerechtigkeit für alle – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, Hautfarbe, religiöser Zugehörigkeit, Alter etc.

Eine Frau sollte ...... machen können, was sie will, ohne Benachteiligung zu erfahren, weil sie eine Frau* ist.

Das Video „Männerwelten“ ist ...... ein weiterer Beitrag, der Gewalt an Frauen* zum Thema macht.

Sexualisierte Gewalt ist ...... niemals okay!

Die Aufgabe von Jugendarbeiter*innen ist …... da zu sein, zuzuhören und die Anliegen von Jugendlichen zu vertreten.

Ich liebe meinen Job, weil …... ich das beste Team habe!

Meine Vorbilder sind ...... Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen!

Zur Person

Name: Angelika Atzinger
Geburtsdatum: 5. Februar 1986
Wohnort: Bregenz und Innsbruck
Ausbildung: Politik- und Tranlationswissenschaften
Beruf: Geschäftsführung Verein Amazone

Hilfe gibt es rund um die Uhr bei der Frauenhelpline gegen Gewalt unter der Nummer 0800 222 555.

Auch der Verein Amazone bietet eine anonyme und kostenlose Mädchenberatung für junge Frauen im Alter zwischen zehn und 25 Jahren. Kontakt via Telefon oder E-Mail aufnehmen oder persönlich im Bregenzer Sitz vorbeikommen. Öffnungszeiten gibt es auf der Homepage www.amazone.or.at

Weitere Beratungsmöglichkeiten unter: www.aha.or.at/beratungsstellen-vorarlberg

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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