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„Sehnsucht nach Lisa bleibt immer“

Tamara Bickel denkt jeden Tag an ihre Tochter Lisa: "Das hört niemals auf."
Tamara Bickel denkt jeden Tag an ihre Tochter Lisa: "Das hört niemals auf." ©W&W/Förtsch
Tamara Bickel aus Lustenau verlor ihre 15-jährige Tochter durch einen Unfall. Fünf Jahre später spricht sie über das Unaussprechliche.

André Bickel ärgert sich. Wieso muss erst die Polizei klingeln, wieso ruft seine Tochter Lisa nicht selbst an und bittet darum, vom Fotokurs in Lauterach abgeholt zu werden? Er sagt zu seiner Frau Tamara, dass sie ruhig zu Hause warten kann, dass er selbst schnell an die Bregenzer Ache fährt, um Lisa abzuholen. Doch kurz darauf klingelt auch Tamaras Handy. Am anderen Ende: ihr Mann. Der sie bittet, sofort zur Ache zu kommen. „Als ich dort war, habe ich gar nicht begriffen, was passiert ist. Dass es ausgerechnet uns passierte.“ Der 23. August 2014 ist der Tag, an dem André und Tamara ihre Tochter Lisa verlieren. Das Unglück machte vor fünf Jahren Schlagzeilen: Das Mädchen war bei einem Fotokurs an den Sandsteinplatten der Bregenzer Ache bei Lauterach ins Wasser gestürzt und von der Strömung mitgerissen worden. Erst 50 Minuten später und 40 Meter weiter konnte die Wasserrettung sie bergen. Zu spät.

„Konnte nicht weinen“

„Ich stand so sehr unter Schock, dass ich noch nicht einmal weinen konnte“, erinnert sich ihre Mutter Tamara. Fünf Jahre später spricht sie mit WANN & WO über den Tag, der ihr Leben und das ihrer ganzen Familie für immer verändern sollte. „In den ersten Tagen haben mein Mann und ich nur funktioniert. Wir mussten die Beerdigung organisieren, mussten Entscheidungen treffen, über die wir bis dahin niemals nachgedacht hatten: Sollte Lisa in einer Urne oder einem Sarg beigesetzt werden? Welche Kleider sollte sie auf ihrem letzten Weg tragen?“ Und schließlich waren da auch noch Lisas Geschwister, die damals sechsjährige Anna und der dreijährige Fabian. Für sie mussten die Eltern weiterhin sorgen, auch wenn sie kaum genug Kraft für sich selbst hatten. „Das hat uns aber auch Struktur gegeben. Wir wussten, dass wir uns nicht in der Trauer verlieren dürfen, Anna und Fabian andererseits aber auch nicht überbehüten und mit unserer Liebe erdrücken dürfen“, sagt die heute 41-Jährige. Gerade Anna hatte zu kämpfen: „Als sie in die Schule kam, hat sie in der Klasse oft scheinbar grundlos angefangen zu weinen. Die Lehrerin wusste zwar, was passiert war, aber konnte damit trotzdem nicht umgehen.“ Über das sprechen, was unaussprechlich ist, können viele in ihrem Umfeld bis heute nicht. Bis heute fällt es ihr leichter, mit ebenfalls Betroffenen zu sprechen. „Nur wer auch ein Kind verloren hat, kann diesen Schmerz, diese Fassungslosigkeit nachvollziehen. Viele Freunde wandten sich ab, weil sie damit nicht umgehen können. Das verletzt einerseits wahnsinnig. Andererseits kann man keine oberflächlichen Beziehungen mehr aushalten.“ Und dann ist da die Wut. „Auf alles. Auf Familien, die noch intakt sind. In denen alle am Leben und gesund sind. Und die sich über Nichtigkeiten beklagen, über das alte Auto oder die falschen Weihnachtsgeschenke.“

„Sehnsucht bleibt immer“

In Lisas Zimmer ist mittlerweile Anna gezogen. „Sie hatte selber den Wunsch danach. Wir sollten sogar Lisas Kleider dort lassen. Die liegen jetzt in den oberen Fächern, Annas in den unteren. Sie freut sich schon darauf, sie später zu tragen“, erzählt Tamara und lächelt. Wie so oft, wenn sie über Lisa spricht. Aber noch jemand ist umgezogen: „Lisa hatte uns ein ganzes Jahr lang angebettelt, einen Hund zu bekommen. Vom ersten Tag an hat Benni immer bei ihr im Zimmer geschlafen. Seit ihrem Tod kommt er zu uns ins Bett.“ Der Malteser ist für Tamara und ihren Mann mehr als nur ein Haustier: „Unsere Tochter hat ihn uns dagelassen. Er hat uns in den schwersten Stunden mit seiner Lebensfreude geholfen. Und tut das bis heute.“
Denn auch fünf Jahre später ist es immer noch schwer: „Bei jedem Mädchen in dem Alter, in dem Lisa jetzt wäre, bei jeder ehemaligen Mitschülerin versetzt es mir einen Stich.“ Tamaras Stimme bricht. Leicht, aber unüberhörbar. „Die Sehnsucht wird immer bleiben. Die Trauer, dass ich Lisa nicht in den Arm nehmen kann, sie nicht aufwachsen sehen kann, dass uns diese Zukunft genommen wurde. Aber mittlerweile fühlen wir auch eine große Dankbarkeit: Lisa war 15 wundervolle Jahre lang bei uns. Das werden wir nie vergessen.“

Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder

Tamara Bickel hat den Gedenkgottestdienst für verstorbene Kinder in der Erlöserkirche in Lustenau ins Leben gerufen. Am 15. November, ab 19 Uhr, werden bereits zum vierten Mal für jedes verstorbene Kind eine Kerze angezündet und Fotos aufgestellt. Der Gottesdienst dient auch dazu, über das Passierte zu reden. Rat finden Hinterbliebene auch in der Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern und online auf Tamaras Internetseite www.himmelskinder.at

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

(Wann & Wo)

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