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Saubere Angelegenheit

Was das Jüdische Museum in der „Mikwe“-Ausstellung bietet, ist ziemlich intim, aber historisch belegt.
Der Programmfolder
Bilder aus dem Museum
Jüdische Ritualbäder
Interview mit Loewy

„Ich finde religiöse Rituale, die einen Zugriff auf den Körper darstellen, unerträglich“, lautet die Aussage einer Frau, die für die aktuelle Sonderausstellung im Jüdischen Museum Hohenems protokolliert wurde; „ich hatte das überwältigende Gefühl, dass ich als anderer Mensch aus der Mikwe herauskommen würde“, heißt es im Interview mit einer weiteren Frau, die vom Mikwe-Besuch kurz vor ihrer Hochzeit berichtete.

Religiöse Gebote

„Ganz rein“ lautet der Titel des Projekts, das jüdischen Ritualbädern in Europa nachspürt, sich aber auch grundsätzlich der Erfüllung religiöser Gebote widmet. Dass dies vom Rollenbild und vom Rollenverständnis über die Jahrhunderte abhängig ist, versteht sich von selbst. Nach dem Geschlechtsverkehr, während der Menstruation oder nach einer Geburt als unrein zu gelten, ist nicht nur Bestandteil jüdischer Reinheitsvorschriften. Aussegnungen, Waschungen etc. zählen auch zu den Ritualen des Christentums und des Islam. Generell sind Reinigungsrituale Bestandteil aller Religionen und Kulturen. Das Betupfen mit Weihwasser vor dem Betreten eines sakralen oder auch eines privaten Raumes ist vielleicht das bekannteste dieser Rituale im Alltag gläubiger Katholiken.

Spiritualität

Das Jüdische Museum in Hohenems bietet im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms zur Ausstellung, in Vorträgen oder Filmvorführungen vielfältige Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Reinheitsvorschriften, die etwa auch mit Ausgrenzung und Abwertung einhergehen können. Intimität und Spiritualität bringen die Bilder und Texte von heutigen Mikwe-Benutzerinnen von Janice Rubin und Leah Lax zum Ausdruck, die erstmals in Europa gezeigt werden. Der Fotograf Peter Seidel begab sich auf Spurensuche nach Mikwen in Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich. Mittels seiner akribischen Aufnahmetechnik schuf er dabei aussagekräftige Bilder, die die Betrachter folgerichtig auf Distanz halten. Während der Kulturtourist inzwischen Mikwen aus früheren Jahrhunderten bis zurück ins Mittelalter abwandern darf wie Burgbrunnen und Kemenaten, gelingt es Seidel ohne große Stilisierung, allein durch Steuerung des Lichts, die Besonderheit des Ortes anzudeuten. In Wien wurde bislang erstaunlicherweise keine historische Mikwe entdeckt. Die freigelegte Hohenemser Mikwe stammt aus dem Jahr 1829 und wurde neben dem Schulhaus nach Plänen eines Bregenzer Baumeisters errichtet. Nach der Vorschrift, dass das Wasser in der Mikwe ein fließendes sein muss, wurde sie mit Grundwasser gespeist, in das man hinabstieg und „ganz rein“-tauchte (siehe Ausstellungstitel), um „ganz rein“ zu werden.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 7. März, 11 Uhr, eröffnet und ist bis 3. Oktober zu besichtigen. „Radio Mikwe“ ist ebenfalls ab 7. März zu hören: www.radiomikwe.at

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