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Reichenauer Gemüsebauern bangen um ihre Existenz

EHEC-Erreger ist für die Betriebe auf der Boden­seeinsel zur ­Katastrophe geworden.
EU- Agrarminister vereinbaren Entschädigungen
Was man über den Keim wissen sollte

„Das ist genauso schlimm wie die Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren, da waren wir auch alle wie ohnmächtig und mussten unser Gemüse wegwerfen“, hält Egino Wehrle kurz inne. Dann schneidet er im gläsernen Gewächshaus weiter eine Gurke nach der anderen von den Sträuchern und legt sie vorsichtig in die Kiste. Der Reichenauer hat einen der 100 Familienbetriebe auf der 3500 Einwohner zählenden Bodenseeinsel.

Täglich 21.000 Gurken

Auf gut einem Hektar baut er Gurken, Tomaten und Salate an. Momentan verpacken er und seine acht Helfer täglich 21.000 Gurken. „Aber was gerade passiert, ist dramatischer als ein Hagelschlag, der geht nämlich vorbei“, versucht der Gemüsebauer die Situation zu erklären. Noch weiß er nicht, wie lange die Verbraucher die Gurken verschmähen. Eine Situation, die bei ihm und seinen Kollegen Unverständnis auslöst. Egino Wehrle: „Wir sind doch zertifiziert, haben Untersuchungen machen lassen und wissen genau, die Gurken sind nicht der Auslöser des EHEC-Erregers, jetzt wird’s langsam emotional.“ „Die Gurken sind’s nicht, aber keiner zieht die Warnung zurück“, schüttelt sein Kollege Hubert Schmidt den Kopf. Man könne doch nicht die Gewächshäuser abschließen und warten bis die Krise vorbei ist. Wenn die Kulturen nicht gepflegt und abgeerntet werden, seien diese in zwei Wochen kaputt. Hinzu kommt: Derzeit ist Gurken-Hauptsaison im südlichsten Gemüseanbaugebiet Deutschlands. Ein Fünftel der Gesamternte von jährlich zwölf Millionen Salatgurken werden gerade gelesen.

Ein Drittel des Jahresumsatzes

Mit Gurken machen die Reichenauer von April bis Oktober ein Drittel des Jahresumsatzes. Der lag voriges Jahr bei 13,9 Millionen Euro. 60 Betriebe leben hauptsächlich vom Anbau dieser Gemüsesorte. 180.000 Gurken liefern die Gärtner derzeit täglich in der Genossenschaft ab. Doch die will immer weniger. „Jetzt geht es uns an den Geldbeutel“, fürchtet Egino Wehrle. Viele Insel-Gärtner bangen um ihre Existenz. Auch er hat schon zwei seiner acht Ernte­helfer heimschicken müssen. „Gestern haben wir die Gurken nur für den Abfallcontainer geschnitten und nicht mehr verpackt, so sparen wir wenigstens die Kartons ein.“ Mitten auf der Insel, vor der großen Vermarktungshalle der Genossenschaft, fährt Thomas Link den Gabelstapler über den Hof. Gerade hat er einen Lastwagen mit 20 Paletten Gurken beladen. Die waren für die Entsorgung bestimmt. Dann stellt er eine weitere Palette am großen Abfallcontainer ab. Sechs Mitarbeiter entleeren hier die Kartons. Abends werden 50.000 Gurken per Lkw in die Konstanzer Biogasanlage gefahren. „Das ist ein Elend“, jammert Thomas Link. Der Hausmeister der Vermarktungseinrichtung hat Angst um seinen Arbeitsplatz. 45 Mann sind in der Genossenschaft beschäftigt.

Seit über einer Woche laufe die „Aktion Entsorgung“ schon, sagt der Geschäftsführer der Genossenschaft, Johannes Bliestle. Der Gurken-Absatz sei um 80 Prozent eingebrochen, aber auch Salate und Tomaten werden weniger bestellt. Das Hauptproblem sei die immer noch nicht zurückgenommene „Verzehrwarnung von Gurken, Tomaten und Salat“. Bliestle fordert schnelle und unbürokratische Entschädigung für die Familienbetriebe, um Pleiten zu vermeiden. Die Reichenau-Gemüse-Genossenschaft hat Gurken, Salate und Tomaten genau untersuchen lassen. In 100 Proben von unterschiedlichen Betrieben gab es bisher keine Beanstandungen. Die Labortests ergaben: das Reichenau-Gemüse ist frei von EHEC-Erregern. Auch das aus dem Bodensee stammende Beregnungswasser wurde als einwandfrei qualifiziert. Etwas besser ist die Stimmung im Gemüseladen von Diana Maier in Moos auf der Halbinsel Höri. Dort und auf dem Wochenmarkt verkauft der Familienbetrieb Duventäster-Maier die Ernte. „Die Stammkunden haben Vertrauen in uns und kaufen nach wie vor Gurken“, erzählt die 25-jährige Gemüsegärtnermeisterin. Doch sie müsse derzeit „richtig Aufklärungsarbeit“ leisten. „Wir haben Glück, wir können es den Kunden erklären“, sagt sie. Aber auch ihr Großhändler hat zuletzt vorige Woche angerufen, um zu bestellen. (VN-GEH)

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