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Rausch auf Rezept: Supro bestätigt gefährlichen Trend

Christian Rettenberger und Marco Deflorian warnen eindringlich vor dem Missbrauch von Benzodiazepinen oder "Z-Drugs".
Christian Rettenberger und Marco Deflorian warnen eindringlich vor dem Missbrauch von Benzodiazepinen oder "Z-Drugs".
Joachim Mangard (VOL.AT) joachim.mangard@russmedia.com
Medikamentenmissbrauch: Christian Rettenberger und Marco Deflorian von der Supro verzeichnen unter Vorarlberger Jugendlichen vermehrtes Interesse an "Benzos" und "Z-Drugs."
Drogenrausch auf Rezept: Warum es tödlich ...

Christian Rettenberger und Marco Deflorian von der Supro (Stiftung Maria Ebene) bestätigen den VOL.AT-Bericht über die vermehrte Zunahme von Medikamentenmissbrauch in Bezug auf Benzodiazepine und "Z-Drugs".

Im VOL.AT-Interview sprechen die beiden über ihre Erfahrungen im Bereich der Suchtberatung und Prävention. Der Rausch auf Rezept ist definitiv Thema unter Vorarlberger Jugendlichen und sollte keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden.

VOL.AT: Apotheker warnen, dass Jugendlichen vermehrt sogenannte "Benzos" oder "Z-Drugs" verschrieben werden. Könnt ihr diese Einschätzung teilen?

Marco Deflorian: Genaue Zahlen kennen wir nicht. Aber, aufgrund der Pandemie konnten Jugendliche wichtige Entwicklungsaufgaben und Erfahrungen, vor allem in der Peergroup, nur unzureichend machen und werden auch von Ängsten und Zukunftssorgen geplagt. Angsterkrankungen, Depressionen und Schlafstörungen sind oftmals die Folge und nehmen zu. Im Lichte dieser Entwicklungen wäre es verständlich, dass es zu vermehrten Verschreibungen solcher Medikamente kommt. In unseren Suchtpräventionsworkshops mit Vorarlberger Jugendlichen, konnten wir die letzten Jahre ein zunehmendes Interesse an diesen Medikamenten wahrnehmen.

VOL.AT: Worum handelt es sich bei diesen verschreibungspflichtigen Medikamenten?

Christian Rettenberger: Benzodiazepine sind eine hochwirksame Medikamentengruppe, welche psychoaktiv auf das Zentralnervensystem wirken. Sie wurden in den 1960er auf den Markt gebracht und stehen seit den 70er Jahren auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO. Aufgrund ihrer geringeren Toxizität und besseren Verträglichkeit, lösten sie die früher vorherrschenden Barbiturate, also die klassischen Schlaftabletten, ab.

Bei den "Z-Drugs" handelt es sich um eine kleine Gruppe von beruhigend und schlaffördernd wirkenden Medikamenten, deren Namen alle mit Z beginnen. Sie wurden als Alternative zu Benzodiazepinen entwickelt, haben aber ebenfalls ein hohes Abhängigkeitspotenzial. 

VOL.AT: Wie wirken diese Drogen?

Marco Deflorian: Die Namen der Tabletten sagen schon viel über die Wirkung aus. Übersetzt heißen die zum Beispiel "Guter Schlaf" oder "Seelenfrieden". Sie wirken auf das Zentralnervensystem und sind, je nach Inhaltsstoff, schlaffördernd, angstlösend, beruhigend und muskelentspannend. Angewendet werden sie innerhalb eines breiten medizinischen Spektrums wie zum Beispiel in der Psychiatrie bei Angst- und Panikattacken, aber auch in der Anästhesie.

VOL.AT: Wie hoch ist die Gefahr, abhängig zu werden?

Christian Rettenberger: Benzodiazepine und "Z-Drugs" haben ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial. Dies ist auch einer der Gründe, warum sie rezeptpflichtig sind. Grundsätzlich wird geraten, diese nur kurzfristig zur Linderung der ersten schweren Symptome einzunehmen. Müssen sie über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, dann sollte die Dosis mit der Zeit reduziert werden, um relativ rasch auftretende Entzugserscheinungen zu vermeiden und somit einem Missbrauch bzw. einer Abhängigkeit vorzubeugen.

Supro: "Mischkonsum kann zu Kreislaufstillstand führen"

VOL.AT: Wie schädlich sind sie, gerade beim Mischkonsum mit Alkohol oder anderen Medikamenten?

Marco Deflorian: Bei richtiger, kurzfristiger medizinisch induzierter Verwendung sind Benzodiazepine gut verträglich. Nebenwirkungen sind bei längerer Einnahme jedoch sehr ausgeprägt und das angesprochene Suchtpotenzial ist sehr hoch und problematisch.

Durch ihre sedierende Wirkung ist die gleichzeitige Einnahme von anderen Medikamenten, ohne Rücksprache mit einem Arzt, sehr gefährlich. Der Mischkonsum mit Alkohol und anderen betäubenden Substanzen kann im schlimmsten Fall zu einer Atemlähmung und einem Kreislaufstillstand führen.

2017 verstarb der US-amerikanische Rapper Lil Peep an den Folgen eines tödlichen Drogencocktails, bestehend aus Benzodiazepinen und Opiaten. ©AP

VOL.AT: Benzodiazepine werden gerade im US-Rap oder auch in der deutschen Cloud-Rap-Szene besungen. Werdet ihr in eurer Arbeit mit Jugendlichen auch mit dieser Thematik konfrontiert?

Christian Rettenberger: Schon im Jahre 1965 sangen die Rolling Stones kritisch über die kleinen gelben Pillen und nannten diese "Mothers Little Helper".  Innerhalb der letzten Jahre und den einhergehenden Krisen haben US-Rapper Benzodiazepine immer wieder thematisiert. Zentral war dabei die Fragestellung, ob sie nur noch mit Benzodiazepinen ihre Ängste und Panik vor der Zukunft überwinden können. Die deutschsprachige Rapszene hat diese Thematik teilweise unreflektiert übernommen und manchmal leider auch glorifiziert. Wenn wir in unseren Workshops über Medikamentenmissbrauch und -sucht sprechen, können die Jugendlichen mit dem Fachausdruck Benzodiazepine oft nichts anfangen. Wenn wir aber ein bestimmtes Medikament, dass in den Raptexten vorkommt, benennen, dann kennen sie das. Die wenigsten haben jedoch eine Ahnung, um was es sich dabei genau handelt.

VOL.AT: Habt ihr das Gefühl, dass jungen Menschen vielleicht auch zu schnell solche Medikamente verschrieben werden?

Marco Deflorian: Das können wir nicht beurteilen.

(VOL.AT)

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