Pressestimmen nach Wahl Obamas zum US-Präsidenten

Die US-Wahlen finden auch noch am Freitag Niederschlag in den Leitartikeln der internationalen Presse:

“Neue Zürcher Zeitung”:

“Die amerikanische politische Landschaft bleibt diffus. Der Vormarsch der Demokraten seit 2006 hatte politisch noch kaum Auswirkungen – die Ursachen der Finanzmarktkrise liegen weiter zurück. Die Bewegung hin zu den Demokraten müsste in den ersten Obama-Jahren bestätigt werden. (…) Die Bewältigung der Finanzmarktkrise und die Art der Überwindung der Rezession werden erst zeigen, wohin die Reise gehen könnte und ob die Republikaner sich auf eine längere Periode in der Wüste einrichten müssen. Erneuerung ist aber bei ihnen auf jeden Fall angesagt. Sie wirken verbraucht und abgenützt. Zu lange haben sie sich auf das Vermächtnis Reagans berufen und sich immer mehr von diesen Grundsätzen entfernt.”

“La Stampa” (Turin):

“Wird es Barack Obama denn verstehen, sich von jener klassischen Politik der ‘Steuern und Ausgaben’ seiner demokratischen Partei abzusetzen? Alles spielt hier doch gegen ihn – die Finanzkrise, die Rezession, der Kongress mit seiner Mehrheit der Demokraten sowie die mit der Partei verbundenen Intellektuellen. Obama hat allerdings in dem zurückliegenden Wahlkampf auch eine analytische Fähigkeit und Intelligenz auf dem Terrain ‘jenseits des Üblichen’ unter Beweis gestellt. Was für ein Wandel wäre es also, wenn er schließlich zur Politik Roosevelts und des New Deals zurückkehrte, indem er nicht nur Ronald Reagan überspränge, sondern auch den Vorgänger Bill Clinton?”

“Corriere della Sera” (Mailand):

“Der Triumph des Barack Obama ist nicht automatisch auch ein Sieg für Europa, auch wenn seine glühendsten Anhänger diesseits des Atlantiks das gern so hätten. Amerika wird weiterhin vor allem seine eigenen Interessen verfolgen, weiterhin als Supermacht argumentieren und von seinen Verbündeten auch die manchmal unbequeme Zusammenarbeit verlangen. Es wird also jetzt keine plötzliche Europäisierung der USA geben. (…) Der Wandel, den Barack Obama demnächst ins Weiße Haus trägt, steht vor dem Hintergrund von Gegebenheiten, die schwieriger wohl nicht sein könnten. Er wird eingeengt von der Wirtschafts- und Finanzkrise, deren Grenzen noch niemandem bekannt sind, bedroht von Regionalkonflikten, denen bisher lediglich das Verdienst zukommt, den Terrorismus teilweise auf einer ‘lokalen Ebene’ gehalten zu haben.”

“Dernières Nouvelles d’Alsace” (Straßburg):

“Obama-Effekt? Im Kielwasser der Wall Street beginnt an den Finanzplätzen wieder der Fall. Nicht, weil die Märkte kein Vertrauen in den gewählten Präsidenten setzen, sondern weil sie die Wahl der neuen Administration abwarten. Während des Wahlkampfes sind zu viele Versprechen gemacht worden, manchmal waren sie widersprüchlich, so wie der Wille nach Veränderung groß war. Nun, die Entscheidungen werden erst im kommenden Jahr fallen, in Form einer ‘interventionistischen’ Politik, einer ‘linken Politik’ auf Basis der amerikanischen Werte. Angesichts dieser Ungewissheit lassen die Märkte Vorsicht walten.”

“Times” (London):

“Obama hat nun die einzigartige Möglichkeit, die transatlantische Kluft zu überwinden. Die westliche Allianz war eine der größten Leidtragenden der vergangenen acht Jahre. Obamas erster Besuch sollte daher nach Europa gehen. Hier werden die Werte und Bestrebungen des Westens wirklich herausgefordert – nicht nur von einem wiederauferstehenden Russland, sondern auch von einem zynischen Publikum. Die Europäer selbst müssen das beste aus dem Neuanfang machen. Massen, größer als die, die ihn in Berlin empfingen, werden sicherlich zusammenkommen, um Obama willkommen zu heißen.”

“Information (Kopenhagen):

“Es gibt guten Grund zu Optimismus nach den außen- und sicherheitspolitischen Ankündigungen von Barack Obama. Am wichtigsten dabei ist die grundlegende multilaterale Botschaft. Sie lautet, dass die USA ihren Alliierten in der Welt und vor allem in Europa unter dem künftigen Präsidenten intensiver zuhören werden. Wobei Obama auch besonderes Gewicht auf intensivere Kontakte mit China legt. (…) Man muss die von Obama begeisterten Europäer aber auch daran erinnern, dass dieser nicht als multikultureller Botschafter mit sympathischer Grundhaltung gewählt worden ist, der es allen recht machen soll. (…) Obama wird neue Forderungen an Europa richten. Der neue Präsident hat angekündigt, dass er nach dem Abzug aus dem Irak und der Bereitstellung zusätzlicher Soldaten in Afghanistan von Europa dort ebenfalls mehr erwartet. (…) Die Flitterwochen können schnell vorüber sein.”

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