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„Politisch ist das ‚Mensch sein‘ nicht mehr existent“

Johannes Lampert von der Jungen Kirche Vorarlberg.
Johannes Lampert von der Jungen Kirche Vorarlberg. ©Sams
Johannes „Johnny“ Lampert von der Jungen Kirche im Sonntags-Talk über Weihnachten, Mensch sein und Geschenke.

Von Lisa Purin

WANN & WO: Was bedeutet für dich Weihnachten?

Johannes Lampert: Ich habe kürzlich etwas gelesen, kein Gedicht, aber etwas sehr Poetisches von Martin Gutl. Dabei geht es um Jesus, der als „Blitzlicht der Geschichte“ bezeichnet wird. Er war ganz kurz da und hat uns in diesem Augenblick gezeigt, was ein Mensch sein könnte. Aber um die Frage zu beantworten: Weihnachten ist für mich in diesem Sinn nicht ein Erinnern, denn das wäre nur in die Vergangenheit gedacht. Es ist eher ein Zurückholen von genau dem Aspekt oder dem, was es heißt, Mensch zu sein. Deshalb finde ich das „Mensch werden“ so schön. Es ist etwas, das uns jeden Tag betreffen sollte. Gerade, wenn wir uns politisch umsehen, was auf der Welt passiert, oder auf der Straße. Wie ignorant die Menschen sind, oder auch man selbst. Man ertappt sich, wie man wegsieht. Die Frage an Weihnachten ist: Wie werde ich wieder Mensch?

WANN & WO: Welche Eigenschaften magst du an dir als Mensch?

Johannes Lampert: Ich denke, ich kann im richtigen Moment die Klappe halten, aber auch im richtigen Moment den Mund aufmachen. Ich würde nicht sagen, dass ich mich dadurch beschreiben möchte, aber zumindest habe ich das Gefühl, dass ich meine Vergangenheit immer wieder zum Anlass nehme, mich selbst zu reflektieren.

WANN & WO: In der Adventszeit gab es einen Comic-Adventskalender der Jungen Kirche, der zum Schmunzeln anregte – gab es dafür auch Kritik?

Johannes Lampert: Es gab tatsächlich Reaktionen von Priestern, die sagten: „Was ist mit euch eigentlich falsch? Das was ihr macht, zieht es ins Lächerliche.“ Gleichzeitig hörten wir aber auch: „Es ist schön, dass ihr es mit einer Selbstreflexion bzw. Selbstironie geschafft habt, junge Menschen anzuziehen.“ Man holt viele Menschen mit einem Lächeln ab. Man kann etwas, das eigentlich sehr tiefgründig ist, auch mit einer lustigen Note begegnen.

WANN & WO: Konsum und Stress vor Weihnachten – wie hältst du es mit Weihnachtseinkäufen?

Johannes Lampert: Wir stecken in der ambivalentesten Situation überhaupt – wir haben eh schon alles und merken trotzdem, dass wir jedem gerne zusätzlich noch etwas geben möchten. Warum schenke ich überhaupt etwas her an Weihnachten? Sei es etwas, das mir gerade eingefallen ist oder bei dem ich mir denke, Scheiße, für den habe ich noch nichts und mir den Kopf zerbreche – der Klassiker. Plötzlich war mir ganz klar, das mache ich nur für mich, oft weil man in dem was man verschenkt bestätigt werden möchte. Das geht vielen so, ohne, dass sie sich dessen bewusst sind. Ich schaffe es zwar noch nicht ganz, aber ich versuche, jemandem etwas zu geben, ohne dass es dabei um mich geht. Das sind keine Dinge mehr, eher vielleicht eine Postkarte oder ein Brief. Es ist eher eine Aufgabe, die jemanden das ganze Jahr und das ganze Leben begleitet – nicht nur an Weihnachten.

WANN & WO: An Weihnachten hat man tausend Termine, die man wahrnehmen sollte. Verursacht das auch Stress an Weihnachten?

Johannes Lampert: Die ganzen Termine widersprechen dem, was wir eigentlich sind. Wie John Lennon so schön sagte: „Life is what happens while you are busy making other plans.“ Das passt in dieses gesteuerte Bild hinein. Aus dem auszubrechen ist vielleicht auch die Aufgabe der heutigen Zeit – nicht nur zu Weihnachten. Entschleunigung ist unfassbar wichtig, auch wenn es irgendwie schon zum „Unwort“ geworden ist. Aber wir sollten alles etwas reduzieren, seien es Dinge, Konsum oder Arbeit. Besonders Letzteres: Ich weiß nicht, was mit uns los ist. Gerade in Europa, wo es allen so grauslich gut geht, reiten wir auf einer Welle der Unzufriedenheit. Das passiert, wenn man schon alles hat. Wenn man sich den Dreck unter den Fingernägeln neidisch ist, dann ist das ein Problem. Vielleicht ist auch das Weihnachten. Nicht nur, sich die Familie zurück ins Leben holen. Auch das Leben zurück ins Leben holen. Dann merken wir vielleicht, um was es wirklich geht. Nicht nur an Weihnachten.

WANN & WO: Sollten wir lernen, den Menschen wieder zuzuhören?

Johannes Lampert: Ich halte es für wichtig zu merken, dass Weihnachten eine stille Zeit ist. Es gibt stille Stimmen und es wird Zeit, dass wir auch diesen zuhören. Nicht nur den lauten, politischen Stimmen. Wenn jemand vorne steht, der besonders laut ist, werde ich skeptisch. Man sollte zumindest probieren, den Stillen mehr Vertrauen schenken.

WANN & WO: Was hältst du von der aktuellen politischen Situation?

Johannes Lampert: Was in der Bibel steht, betrifft uns jeden Tag. Aber ganz ähnliche Dinge stehen in anderen Büchern eben auch drinnen. Ich war politisch lange Zeit aktiv. Irgendwie immer noch, aber nicht mehr realpolitisch, sondern eher, wenn ich schreibe. In der Politik ist das „Mensch sein“ nicht mehr existent. In der Bibel geht es darum, dass alle Menschen unter einem Dach Platz haben. Seit den letzten Wahlen ist das noch weniger der Fall. Ich spreche keine Debatte an, wo es um Flüchtlinge geht. Innenpolitisch hat sich die Lage so zugespitzt, dass man nicht mehr miteinander redet, sondern nur über Untergriffigkeiten dem anderen sein Recht abspricht, politisch zu existieren. Wenn sich zwei christlich orientierte Parteien, die jetzt in der Regierung sitzen – die einen traditionalistisch mit Kreuz, die anderen christlich sozial – sich geschlossen aus dem Raum begeben, wenn eine Debatte über Volksbegehren anfängt, vermisse ich den Moment, der zutiefst christlich sein sollte: Zuhören. Es wäre so wichtig, Weltanschauungen einander zuzuführen, anstatt auseinander. Es geht nicht, dass sich irgendwelche Parteien immer noch mit dem Christentum schmücken, gleichzeitig aber Spiritualität aus ihrer politischen Existenz gestrichen haben. Das ist für mich so fernab von dem, was Glaube bedeutet. Auch in der Kirche ist dieses Zuhören nicht selbstverständlich. Was ich aber schön finde: Kirche bedeutet Gemeinschaft. Und in dieser haben alle Platz. Alle, die glauben, alle, die sich da noch nicht so sicher sind und alle anderen auch. Da haben sogar die Platz, die glauben, dass keine anderen Platz haben.

WANN & WO: Würdest du dich als sehr gläubig bezeichnen?

Johannes Lampert: Ja klar. Weil die Auseinandersetzung mit dem was wir „Gott“ nennen, ist für mich ein täglicher Bestandteil des Lebens geworden. Diese stetige Auseinandersetzung ist für mich der Glaube.

WANN & WO: Hast du nie an deinem Glauben gezweifelt?

Johannes Lampert: Das Leben ist ein Leben voller Phasen. Ich hatte meine Phasen, und manche davon kommen immer wieder. Wenn du mich so fragst: doch. Da war aber die Reflexion noch nicht bewusst da. Ich hab viel gezweifelt und tue das immer noch. Solange es dabei bleibt und nicht zur Verzweiflung wird, bin ich gut aufgehoben. Die theologischen Auseinandersetzungen haben bei mir mit dem Politikstudium wieder begonnen. Das Begreifen dieser Welt als großes Netz, das über sich hinaus gespannt ist und wächst. Kafka hat diesen Satz aufgeschrieben: „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ Als Mensch auf dieser Welt existieren zu dürfen. Oder viel eher: Auf dieser Welt Mensch werden zu dürfen. Gibt es eine schönere Aufgabe?

Wordrap

  • Junge Kirche: Neu denken.
  • Feldkirch: Mohnsahnetorte mit Himbeerspiegel.
  • Christkind: Blitzlicht.
  • Weihnachten: Menschenskind.

Zur Person

  • Name: Johannes Lampert (34)
  • Wohnort: Göfis
  • Geboren: 18.1.1984
  • Beruf: Jugendarbeiter, Junge Kirche Vorarlberg
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