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Nur kleine Änderungen: Experte verteidigt Sex-Broschüre für Kids

"Ganz schön intim": BM Claudia Schmied hält grundsätzlich an der Broschüre fest.
"Ganz schön intim": BM Claudia Schmied hält grundsätzlich an der Broschüre fest. ©APA
Wien. - Nach der Aufregung um eine an österreichischen Schulen verwendeten Sexualerziehungsbroschüre wird diese nun in einem Teilbereich überarbeitet. Von den Änderungen betroffen sei aber nur jener Passus, in dem es um die Frage der Leihmutterschaft geht, schreibt die Online-Ausgabe des "Standard".
ÖVP und FPÖ empört
Download: Ganz schön intim

Die ÖVP hatte in diesem Zusammenhang kritisiert, dass eine Leihmutterschaft trotz des gesetzlichen Verbots in Österreich als mögliche Option für die Erfüllung eines Kindeswunsches dargestellt werde. Grundsätzlich halte Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) jedoch an der Broschüre fest, schreibt der “derstandard.at”.

Experte: Durchaus zeitgemäße Methodiken

“Als Ganzes sehr benutzerfreundlich und praktikabel” bewertet der Sozialpädagoge und Forschungskoordinator des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien, Olaf Kapella, die umstrittene Sexualerziehungsbroschüre “Ganz schön intim”. “Da sind durchaus zeitgemäße, auf dem Stand der Wissenschaft befindliche und in der Präventionsarbeit vorgeschlagene Methodiken drin, die man auch umsetzen kann”, so Kapella am 28. November zur APA. Kurz adaptiert werden sollten die Passagen über Leihmutterschaft und Samenbanken, eventuell sei auch eine Priorisierung der Möglichkeiten bei der Entstehung von Kindern besser.

Leitfaden für Pädagogen

Klar sei aber auch, dass “Ganz schön intim” “keine Broschüre für Kinder ist, sondern ein Lehrbehelf für Pädagogen, die diese für ihre Arbeit verwenden”, so Kapella: “Sie ist nicht dafür gedacht, dass man sie den Kindern in die Hand drückt, sondern für Pädagogen. Die haben die Entscheidung, was bringe ich ein und was nicht.” In der Broschüre werde auch erklärt, dass sich die Lehrer jene Übungen heraussuchen sollen, bei denen man sich auch wirklich wohlfühle.

Standards für Sexualerziehung

In einer internationalen Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO, deren Mitglied er sei, seien Standards für Sexualerziehung entwickelt worden, so Kapella. Da greife die Broschüre “einige Aspekte auf, die uns wichtig waren”. Dies sei einerseits, dass mit Sexualerziehung schon sehr früh begonnen werde – “und das in einer Haltung, wo die Vielfältigkeit der Lebensformen und sexuellen Orientierung gleichwertig dargestellt wird. Wir leben heute in einer ausdifferenzierten Gesellschaft, wo verschiedene Lebensformen mit und ohne Kinder existieren.” Dies solle auch an die Kinder herangetragen werden.

Verbesserungsvorschläge

Verbesserungsvorschläge für die Broschüre sieht Kapella etwa bei der Aufzählung, “wie Babys zu uns kommen”. Dort sei beginnend mit Adoption “eher alphabetisch gereiht worden”. Hier sei eventuell eine Priorisierung besser: “Man könnte das einleiten: ‘Die meisten Kinder entstehen durch Geschlechtsverkehr, dann gibt es aber noch andere Wege.'” Andererseits wüssten das die Lehrer, an die sich die Broschüre ja richte, ohnehin. Die einzig wirklich gebotene Adaption betreffe die Rechtslage in Sachen Leihmutterschaft und Samenbanken: “Da muss hinein, was in Österreich erlaubt ist und was verboten.” Die Themen selbst sollten dagegen unbedingt weiter in der Broschüre bleiben. “Man kann ja nicht davon ausgehen, dass zwölfjährige Kinder solche Begriffe in den Medien nicht aufgreifen. Deshalb muss man es ihnen auch erklären – natürlich ist aber die Info nötig, was erlaubt ist und was nicht.” Ganz generell plädiert Kapella dafür, die Pädagogen nicht zu unterschätzen: “Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Lehrer das nicht können. Es gibt ja viele Fragen, die immer wieder auftauchen wie ‘Warum stirbt ein Kind?’ oder ‘Warum ist ein Kind im Rollstuhl?’. Die Lehrer wissen durchaus zu selektieren, was zu viel ist für ein Kind.”

Lehrer werden oft allein gelassen

Andererseits würden die Pädagogen in jungen Jahren kaum in Sachen Sexualpädagogik ausgebildet, so Kapella: “Lehrer werden oft allein gelassen mit den Fragen der Kinder zu diesen Themen – die kommen ja, ob mit oder ohne Broschüre.” Deshalb seien praktikable Handreichungen wie “Ganz schön intim” auch so wichtig. Die Lehrer müssten aber selbst überlegen, was sie wie kindgerecht anbieten: “Sechs bis zwölf Jahre ist ja eine große Altersspanne.” Deshalb sollten gewisse Themen immer wieder auftauchen und je nach Entwicklungsstand unterschiedlich bearbeitet werden – also zuerst die generelle Info über ein Thema, das dann in den nächsten Jahren differenzierter dargestellt wird.

“Gesellschaftliche Realität”

Auf die “gesellschaftliche Realität” verweist der für die umstrittene Sexualerziehungsbroschüre verantwortliche Verein “Selbstlaut” Kritiker der Unterrichtsmaterialien. Es könne nicht um “ideologische ‘Kämpfe’ unter den Erwachsenen gehen, sondern um die bestmögliche Vorbeugung von sexuellem Kindesmissbrauch”, heißt es in einer Stellungnahme. “Geschmacksfragen und unterschiedliche Blickwinkel auf gesellschaftliche Strukturen und Phänomene schwingen dabei natürlich immer mit und wir begrüßen es sehr, diese auch zu formulieren und zu diskutieren.”
Kritikern hält der Verein entgegen, dass “gleichgeschlechtliche Lebensweisen in Österreich rechtlich anerkannt und der heterosexuellen Lebensweise gleichgestellt sind”. Dies möge diesen nicht recht sein, “aber es ist gesellschaftliche Realität und in jeder Schule sind Kinder, die mit lesbischen Müttern, schwulen Vätern oder anderen sexuell orientierten Eltern und Erziehungsberechtigten leben”.

Arbeit gegen sexuelle Gewalt

In der Arbeit gegen sexuelle Gewalt und zu Sexualerziehung würden viele Weltanschauungen und Vorstellungen von Sexualität und dem Umgang damit aufeinandertreffen, argumentiert der Verein: “‘Selbstlaut’ will niemandem sagen, was richtig und falsch ist oder was moralisch vertretbar und verwerflich ist. Das entscheidet jede Person für sich allein auf der Basis der gesellschaftlichen Regeln, Vorstellungen, eigenen Erfahrungen, sozialen Verortung und weiteren Koordinaten.”

Präventionsarbeit 

Aus der Täterforschung sei allerdings bekannt, dass Personen, die Kinder missbrauchen, häufig die sexuelle Neugierde der Kinder als Angriffsfläche nutzen. Daher sei gerade die Sexualerziehung schon kleiner Kinder einer der Hauptpfeiler von Präventionsarbeit: “Kinder, die aufgeklärt sind, die ihren Körper inklusive ihrer Geschlechtsorgane kennen und kennenlernen dürfen (sei es durch Selbstberührung, Masturbation, durch Fragen oder Bilderbücher), sind besser vor sexuellen Übergriffen geschützt als Kinder, die erst in der Pubertät Sexualerziehung bekommen.”

Kinder mit Pornografie konfrontiert

An einer anderen Stelle wird darauf verwiesen, dass schon sehr kleine Kinder sexuelle Gewalt erfahren und auch Volksschulkinder bereits mit Pornografie konfrontiert seien: “Darauf müssen wir Erwachsene Antworten haben und uns dieser Tatsache in unserer Zeit der Medien stellen.” Schimpfworte und sexualisierte Sprache kämen “nicht von den Selbstlautmaterialien, sondern greifen das auf, was auf jedem Schulhof zu hören ist und leider auch in vielen Familien”. (Quelle: APA)

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