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Nur fanatisch oder wahnsinnig?

Bregenz -  Primar Haller spricht über die Parallelen zwischen Breivik und Fuchs.

Er war inzwischen wieder auf der Insel. In Handschellen schritt Anders Breivik am Dienstag die Stellen ab, an denen er am Abend des 22. Juli 2011 im Laufe von etwa 60 Minuten 69 Menschen erschossen hat. Er zielte zur Demonstration mit den Fingern auf die Wasseroberfläche am Ufer. Hier hatten sich Jugendliche schwimmend zu retten versucht. Der 32-jährige Täter hat jede seiner Handlungen nachgestellt. Emotionen zeigte er den Worten von Staatsanwalt Paal-Fredrik Hjort Kraby nicht. Ist so etwas überhaupt möglich? Primar Reinhard Haller, der Ende der 1990er-Jahre den Briefbombenattentäter Franz Fuchs untersucht hat, befasst sich eingehend mit dem norwegischen „Massakristen“ Breivik, der sich zunächst allen gängigen Zuschreibungen entzieht: „Ein Amoklauf war das nicht.“ Amokläufer handeln ohne lange Planung. „Terroristen wiederum agieren aus einer gewissen Distanz.“ Das tat Breivik nur, als er zunächst im Regierungsviertel von Oslo eine Autobombe zündete, der acht Menschen zum Opfer fielen. Aber Haller ist „überzeugt davon, dass diese Bombe nur die Polizei ablenken sollte“. Ablenken von der kleinen Insel Utoya, auf der Breivik etwa anderthalb Stunden später das Massaker unter den Jugendlichen anrichtete. Dort erschoss er die Opfer aus nächster Nähe. Schoss erneut, wenn sich der Körper noch bewegte. Niemand vermag sich das vorzustellen. Und doch, sagt Haller, ist es gut möglich, dass Breivik bis heute nichts bereut. „Sein Sendungsbewusstsein ist zu stark.“ Haller glaubt auch nicht, dass Breivik während des Massakers die Polizei anrief, um sich zu ergeben. „Weit eher wollte er der Polizei nur zeigen, was er für ein unangreifbarer Killer ist.“

Trauer um Opfer am Bergisel

Franz Fuchs, der wie Breivik seine Tat vor sich selber quasi durch historische Vorbilder entschuldigte, maß u. a. der Schlacht am Bergisel große Bedeutung bei. „Ihm kamen die Tränen, wenn er in unseren Gesprächen von den Opfern am Berg­isel redete.“ Aber so sehr ihn das Mitleid mit den Tiroler Freiheitskämpfern von 1809 übermannte, so konsequent negierte er die Leiden seiner eigenen Opfer wie Helmut Zilk oder Theo Kelz, dem eine seiner Bomben beide Hände abgerissen hatte. Wie Fuchs ist auch Breivik fanatisch. Wie bei Fuchs lautet die alles entscheidende Frage: Zu welchem Zeitpunkt kippte der Fanatismus in Wahn. „Wahn kann man psychologisch nicht erklären.“ Haller nennt es „ein schicksalhaftes Ereignis“. Die Auslöser können völlig unscheinbar sein. War Breivik zum Zeitpunkt der Tat bereits wahnsinnig? Daran orientiert sich der gängigen Praxis zufolge seine Schuldfähigkeit. „Bei Franz Fuchs haben wir diesen Zeitpunkt damals gut nachweisen können.“ Etwa ein Jahr, bevor er verhaftet wurde, hat er auf Schloss Eggenberg bei Graz eine Ausstellung besucht. Als er einen Museumwärter in Uniform sah, beschlich ihn plötzlich das Gefühl, der sei Kriminalbeamter und auf ihn angesetzt. „Diese Vorstellung wurde bei Fuchs dann immer wahnhafter. Er hat sich gewissermaßen selbst verfolgt und sich letztendlich auch selber hingerichtet.“ Fuchs, der bei seiner Verhaftung durch eine Explosion beide Arme verloren hatte, erhängte sich am 26. Februar 2000 „in der bestbewachten Zelle ganz Österreichs innerhalb von 18 Minuten – eine letzte grausige Demonstration seiner Genialität“.

Wahn ist nicht umkehrbar

Kippt eine Idee einmal ins Wahnhafte, „ist das nicht mehr korrigierbar“. Es gibt keinen Weg zurück. Haller erinnert an jenen Lehrer Ernst August Wagner, der 1913 insgesamt 16 Menschen tötete und erst 1938 in Haft in der psychiatrischen Anstalt von Winnenden starb. „Der hat bis zum Tod an seinen Ideen festgehalten.“ Makabres Detail am Rande: In ebendieser psychiatrischen Anstalt in Winnenden tötete der 17-jährige Realschüler Tim K. im März 2009 während seines Amoklaufs einen Mitarbeiter. Doch zurück zu Breivik, der mit Musik im Kopfhörer und durch Aufputschmittel stimuliert zur Tat geschritten ist. In den kommenden sechs Monaten werden norwegische Psychiater die Frage zu klären versuchen, ob der 32-Jährige wahnsinnig ist bzw. wann der Wahn bei ihm die Oberhand gewann. Sie werden ihn in die Röhre der Computer­tomographie schieben und mit Magnetresonanztomographie seine Gewebestruktur untersuchen. Sie werden mit psychologischen Tests seine Intelligenz testen. „Wobei die kaum so hoch sein dürfte wie bei Franz Fuchs.“ Gespräche sollen schließlich klären, inwieweit Breivik zur Verantwortung gezogen werden kann. „Er wird kooperieren“, glaubt Haller, „er wird alles versuchen zu beweisen, dass er nicht verrückt ist.“ Würde er den norwegischen Täter untersuchen wollen? Haller hat Breivik nie gesehen. Für dessen Untersuchung sei der muttersprachliche Zugang unerlässlich. „Außerdem verfügt Norwegen über eine hervorragende forensische Psychiatrie.“

Nicht zum Tatzeitpunkt

Franz Fuchs war Haller zufolge während der gesamten Bombenserie, die sich bis 1996 hinzog, zurechnungsfähig. „Aber am Tag seiner Verhaftung war er es nicht.“ Haller, der im Zuge seiner beruflichen Laufbahn „zusammengerechnet mit 300 Mördern über ein Jahr in einer Zelle verbracht“ hat, macht unzählige Gemeinsamkeiten beider Täter aus: Ihr berufliches Scheitern, ihre Selbstverliebtheit, schwere Kränkungen in beiden Lebensläufen und nicht zuletzt ihr desaströses Frauenbild. „Wenn die zufällig eine Partnerin gefunden hätten, dann wären die zwei relativ angepasste Menschen geworden.“ Sollte Breivik, „der seine Tat bis ins teuflischste Detail geplant hat“, tatsächlich für den Tag des Massakers für unzurechnungsfähig erklärt werden, kann er nur für die Planungen verurteilt werden, nicht aber für die Ermordung der 77 Opfer. Für die Hinterbliebenen wäre das unfassbar. Haller hält es für gut möglich, dass die Psychiater nicht zu einem Urteil kommen und die Entscheidung in die Hände der Geschworenen legen werden.

VN/Thomas Matt
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